Entsorgung Was rostet, rastet nicht
Jenseits der Abwrackprämie: kleine Inspektion Berliner Schrottplätze

© Joern Pollex/Getty Images
Ab in den Schredder: Autos auf einem Hamburger Schrottplatz
Helmut Juschkat ist echter Berliner: ruppig, aber mit Herz. Und niemals so gnadenlos wie seine Schrottpresse, die Mittelklassewagen samt Motor, Sitzen und Lenkrad zusammenfaltet, als wären sie aus Pappe. Zu Koffern gepackt liegen sie dann in einem Container und gucken traurig aus ihren zerquetschten Rücklichtern. Danach geht es ab in den Schredder.
"Den müssen Sie sich als riesige Kaffeemühle vorstellen", sagt er, "mit drei-, viertausend PS." Ein Opel Astra, der einst eine ganze Familie über die Alpen in die Sonne getragen hat, wird hier mir nichts dir nichts zermahlen. Und das Schrot aus Metall, Textilien und Plastik danach mit Magneten, Luftstrom und Wasser zur Wiederverwertung auseinandergefusselt.
Juschkat, Schrottkönig, Herr über 250 Karossen, die in schweren Stahlregalen drei Etagen hoch liegen, ist auch Psychotherapeut. Unter dem Motto "Hau drauf" kann jeder zu ihm kommen und mit einem Vorschlaghammer seine Wut an einem Auto ablassen . Meistens sind es junge Männer, die so ihren Testosteronspiegel zu senken versuchen. Juschkat erinnert sich an einen Bäckerlehrling, "der war zwei Wochen lang jeden Tag da". Hatte Stress mit dem Chef.
Die letzte Woche in Berlin beschlossene Abwrackprämie für Altautos hat die Schrottplätze ins Licht gerückt. Wer sich umsieht, erfährt als Erstes: Heute darf der Rost nicht mehr rasten. Alles rückt schnell in den Schmelzofen, das Recycling duldet keinen Aufschub. Aber die Preise sind im Keller. Gab es vor einem halben Jahr an der Londoner Börse für eine Tonne veritablen Schrotts noch 425 Euro, sind es nun bloß 240 Euro.
Bei der Firma Marske am Neuköllner Schiffahrtskanal ist deshalb die Stimmung nicht so gut. "Sie sehen ja, hier ist nichts los", sagt Werner Marske, dessen Vater nach dem Krieg in Kreuzberg auf einem Hinterhof begonnen hat. Damals gab es noch viele kleine Schrotthändler in Berlin. Das "Tausendjährige Reich" hatte in seiner Zerstörungswut so viel Altmetall produziert, dass eine ganze Branche Jahrzehnte davon leben konnte. Schön war die Zeit. Aber auch heute gibt es noch gute Momente. Werner Marske weist auf einen sechs, sieben Meter hohen Berg aus silbern glänzendem Metall, der neben dem Bürocontainer in den grauen Berliner Winterhimmel ragt. "80 Tonnen bestes Sekundäraluminium." Die wird er – eines Tages – zu Geld machen.
Hochbetrieb dagegen bei der Firma Kath-Hasenfuß, einem der Hauptschrotthändler Berlins. Unterhalb des Schöneberger Dreiecks rollt hier ein Lastwagen nach dem anderen auf die Waage. Drinnen im Büro zeigt der Bildschirm mal acht, mal fünfzehn Tonnen an. Hinten im Büro sagt Gerd Hasenfuß, dass er nicht an Spekulation glaube. "Man darf nicht zu gierig sein." Er kenne Kollegen, die hätten im letzten Frühjahr sogar die Parkplätze ihrer Mitarbeiter leergeräumt, um dort Schrott zu horten. "Die hofften auf 500 Euro die Tonne." Dumm gelaufen.
Nicht weit weg, in der Gotenstraße, betreibt Jörg Beller zusammen mit seinem Vater einen familiären Schrotthandel. Er beklagt das Ausbleiben der Laufkundschaft. "Die Leute stellen ihre Sachen erst mal in den Keller und warten auf bessere Zeiten." Aufgrund der Krise habe er schon drei Mann entlassen müssen, und der Umzug auf ein neues Gelände in Neukölln stehe auf der Kippe. Immerhin taucht eine alte Frau mit einer golden glänzenden Stehlampe auf. Sie wirkt etwas verloren vor dem riesigen Kessel einer ehemaligen, in Zerlegung befindlichen Kältemaschine. Gibt’s für die Lampe noch ein paar Euro?
Schrott schließlich auch im Kino. Auf der Leinwand im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden läuft Heinz und Fred , ein aktueller Dokumentarfilm von Mario Schneider , Prädikat "besonders wertvoll". Hier, im Mansfelder Land Sachsen-Anhalts, scheint die Zeit stillzustehen. Alte Kräne, Bagger und sogar Flugzeuge und Schiffe rosten vor sich hin. Hier braucht kein Traktor, kein Raupenschlepper Angst zu haben, im Schmelzofen zu landen. Denn Heinz und Fred hauchen von morgens früh bis abends spät dem Ausgebrauchten neues Leben ein. Ihr aktuelles Projekt ist die Zusammenlötung eines Wohnmobils. "Das Auto muss fertig werden", sagt Heinz. "Europa ruft!" Die Abwrackprämie ist so gar nicht ihr Ding.
- Datum 06.02.2009 - 15:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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