Was mache ich hier? Nr.74 Fernsehen bis zum Koma
In der Jury für den Adolf-Grimme-Preis: 250 Filme in 120 Stunden
Fernsehen macht wohl doch dumm. Mich zumindest, kurzzeitig, als ich eine Überdosis nach Junkie- und Zapper-Art konsumierte, rein beruflich natürlich. Am Ende sagte ich Sätze wie: »Meine Geduld ist zum Zerbersten gespannt.« Oder: »Die Originalität wurde originell umgesetzt.« Schließlich verwechselte ich bezeichnenderweise Redundanz mit Relevanz. Was war passiert? Ich war Debütantin der Nominierungskommission »Fiktion« für den 45. Adolf-Grimme-Preis 2009. Das heißt: 250 Filme in knapp 120 Stunden anschauen. Am Ende war ich so erledigt wie das Aschenputtel, das die guten von den schlechten Linsen unterscheiden soll – mit dem Unterschied, dass beim Fernsehgucken Tauben keine Hilfe sind.
Schön wars trotzdem. Dreimal trafen wir uns, jeweils vier bis fünf Tage lang, im September, November und Januar, zweimal in Marl und einmal auf Norderney (inklusive Strandspaziergang): neun Kritiker aus Köln, Berlin, München, Dresden, zusammengetrommelt, das deutsche »Qualitätsfernsehen« 2008 zu bewerten. Zehn Stunden TV pro Tag, wir im Quadrat angeordnet vor vier Bildschirmen, vor uns Mappen mit den Informationen der Sender zu ihren Beiträgen plus Abstimmungstabellen. Mittags und abends jeweils eineinhalb Stunden Pause. Dazwischen bestens versorgt mit zweierlei Sorten Junkfood: Krimis, Dramen, Komödien, Thrillern, Epen, Serien sowie Kaffee, Tee, Apfelsaft, Joghurt, Obst, Kuchen, Käsebrötchen, Erdnüsschen, Salzstangen und Wein.
Immer schon finden die Sichtungen in Marl statt, seit der Gründung 1973 Heimat des Grimme-Instituts. Die Stadt liegt zwischen Recklinghausen und Gelsenkirchen und bietet, insbesondere zu dieser Jahreszeit, das Inbild aller Klischeevorstellungen, die man über das Ruhrgebiet haben kann. Nebel wallen über einem großen Weiher, dessen Oberfläche von trüben Schlieren überzogen ist. Auf dem Platz vor dem Betonrathaus vereinsamen eine Sitzbank von Richard Serra und ein Rabe von Max Ernst, die einst als Kunst im öffentlichen Raum hierhergeschafft wurden. Rechts davon der Marler Stern, ein Kleinstadt-Einkaufszentrum mit Modeschmuck- und Handy-Shops und einem Hertie-Kaufhaus, das nun auch noch geschlossen werden soll. Da wird die Aussicht auf 120 Stunden Fernsehen zur paradiesischen Verheißung.
Linker Hand das Institut, außen roter Backstein, innen kühle, hinreißende Fünfziger-Jahre-Architektur. Verteilt auf drei Räume, saßen drei Kommissionen – »Fiktion« (viel Kaffee), »Information & Kultur« (viele Zigaretten) und »Unterhaltung« (schnell fertig). Thema der Debatten: Schrott und Schätze. Insgesamt waren 695 Produktionen eingereicht worden, rund 60 wurden nun nominiert, 53 von öffentlich-rechtlichen, 7 von privaten Sendern. Zwölf Grimme-Preise werden am 3. April verliehen.
Wir sahen keine kompletten Filme, sondern – was manchmal auch reicht – Ausschnitte von fünf, fünfzehn oder auch vierzig Minuten, je nachdem, wie augenscheinlich grottenschlecht (kurz, keine Diskussion), wie überzeugend (mittel, ein paar Enthaltungen) oder vielversprechend (lang, ja!) der Film war. Derweil konnte ich mir überlegen, welche Joghurtsorte ich essen wollte; oder doch lieber einen Apfel? Abends ließen wir uns fast apathisch berieseln, was dazu führte, dass wir wie ohnmächtig eineinhalb Stunden die Patin sahen, den pompös inszenierten, pseudospannenden Mafia-Dreiteiler mit Veronica Ferres. Aus dem Wachkoma zurück, stimmten wir bis auf eine Enthaltung alle gegen den Film.
Und trotzdem: Zwischen »reaktionärem Scheiß«, »Gebrauchsfernsehen«, allzu seichten Komödien und semihistorischen Schinken gab es Stücke, die in Regie, Kamera, Buch und Schauspiel preiswürdig sind. Die deutschen Fernsehfilme pauschal zu verurteilen ist nicht weniger blöd als manches TV-Stück selbst. Aus den 220 Filmen und 22 Serien wählten wir per demokratisches Abstimmungsverfahren rund 50 in eine engere Auswahl, 16 Filme und 4 Serien nominierten wir, darunter Die zweite Frau von Hans Steinbichler: großartig. Das Gelübde von Dominik Graf: herausragend. Oder Doctor’s Diary: ein Lichtblick unter den deutschen Serien, dank des Drehbuchs von Bora Dağtekin, der auch schon Türkisch für Anfänger geschrieben hat .
Und sonst? Neben Matthias Brandt, der gefühlt in jedem dritten Film mitgespielt hat, gab es Krimis, Krimis, Krimis: Tatort, Polizeiruf 110, Bella Block, Lutter und so weiter. So hervorragend auch einige davon auch inszeniert waren – zu viele Leichen verderben auf Dauer den Appetit. »Wo waren Sie zwischen 21 und 22 Uhr?« – »Ich hab ferngesehen« – »Zeugen?« – »Acht Leidensgenossen.«
Nein, es ist nicht alles blöd im Fernsehen. Am Ende konnte ich auch wieder richtig sprechen. Und im richtigen Leben muss man ja auch nicht alles gucken. Susanne Schmetkamp
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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