MEINUNG WIDERSPRUCH Keine Bilder

Und keine Fragen: Das Böse lauert überall

Fotos sind aus Zeitungen nicht mehr wegzudenken. Im Idealfall sollen sie den Artikel ergänzen und die behandelte Thematik illustrieren. Doch bei dem Artikel Die Frauen des Organisten von Sabine Rückert (ZEIT Nr. 6/09) fällt es mir schwer, den unterstützenden Gehalt der kleineren Fotografie zu erkennen. Man sieht den – wegen Mordes an seiner Frau zu lebenslanger Haft verurteilten – Kirchenmusiker, auf einer Orgelbank sitzend, gelöst lächelnd. Sicher, ein Mörder ist immer auch eine Privatperson. Doch bringt dieses Foto dem Leser irgendeine zusätzliche Information? Im Gegenteil, es nimmt dem Artikel etwas von seiner Glaubwürdigkeit. Zwar gibt es eine vage Verbindung zwischen den im Artikel geschilderten Vorgängen und der Fotografie, distanzierte sich doch der Täter im Gerichtssaal von sich als Privatperson, indem er in Sträflingskleidung erschien. Das reicht jedoch nicht aus, den Abdruck der Fotografie zu rechtfertigen. Ohne Zweifel fühlt sich die Redaktion der ZEIT dem journalistischen Ehrenkodex verpflichtet. Gerade deshalb sollte sie in Zukunft im Zweifelsfall auf Fotos aus dem Vorleben von Straftätern verzichten. Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Schuldigen und aus Respekt vor den Lesern. anna-lena ripperger

Anna-Lena Ripperger ist Studentin der Kommunikationswissenschaften an der Universität Bozen/Brixen

Die Fragen nach der Rolle der Kirche, nach den Motiven der beteiligten Frauen und des Kirchenmusikers, die Sabine Rückert am Ende ihres Artikels Die Frauen des Organisten aufwirft, stellen sich nicht. Der Fall hat Opfer, Helfer, Mitwisser und Täter. Die für mich zu erkennenden Verhaltensweisen der Beteiligten zeigen – bis auf den Mord – nichts Außergewöhnliches. Es sind Menschen mit all ihren Facetten, insbesondere ihren Schwächen. Der Fall zeigt einmal mehr, dass es keine Nischen gibt, wo nur das Gute, Wahre und Schöne existiert, das Böse lauert überall. Auch dort, wo wir es am wenigsten erwarten. heide planas

Heide Planas ist ehemalige Kriminalbeamtin

Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein »Widerspruch« gegen einen Artikel aus dem politischen Ressort der ZEIT, verfasst von einem Redakteur, einem Politiker – oder einem ZEIT-Leser. Wer widersprechen will, schickt seine Replik (maximal 2000 Zeichen) an widerspruch@zeit.de Die Redaktion behält sich Auswahl und Kürzungen vor

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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    • Schlagworte Fotografie | Mord | Privatsphäre | Straftäter | Redaktion | Brixen
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