Die drei Fragen zur Krise, die einen am dringlichsten interessieren, kann zurzeit niemand beantworten: Wie tief wird sie, wie lange dauert sie, wie kommen wir am schnellsten wieder raus? Doch dahinter liegt eine andere Frage, die weiter geht und die sich besser beantworten lässt: Wie viel Glück, bescheidener: Zufriedenheit, kann uns die Krise nehmen?

Kaum jemand wird bestreiten, dass es diese Gesellschaft leichter hat, wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, wenn es mehr zu verteilen gibt, wenn man überall etwas drauflegen kann, damit es läuft wie geschmiert. Darum wäre es albern, jetzt, da dem Land deutliches Minuswachstum droht, plötzlich die Freuden der Knappheit zu entdecken. Nein, das wird keine heitere Bekehrung zu den inneren Werten, sondern eine recht harte und schmerzhafte Phase.

Auf der anderen Seite beruht das in den zurückliegenden Jahrzehnten wohl entstandene Mehr an Zufriedenheit nur teilweise auf dem Wachstum an Gütern und Dienstleistungen. Vielmehr ist Deutschland alles in allem ein besserer Ort zum Leben geworden, weil es sich kulturell entwickelt hat: Die Frauen sind emanzipiert, oft auch die Männer; die Kinder können viel früher mitreden als noch vor dreißig Jahren, sie zu schlagen gilt heute gemeinhin als Schande; die Toleranz gegenüber Minderheiten hat zugenommen. Nicht zuletzt hat sich die Atmosphäre in den Betrieben geändert. Eine neue, nichtautoritäre Generation wächst in die Führungspositionen hinein, für die es ein selbstverständliches Ziel ist, bei aller Leistungsorientierung niemanden zu demütigen. (Natürlich waren auch die vermeintlich antiautoritären 68er oft autoritär, sobald sie dazu Gelegenheit hatten.)

All das bestimmt die Lebensqualität in diesem Land mit – und keine Krise kann es uns nehmen, wenn wir es uns nicht nehmen lassen. All das bestimmt aber auch die Art und Weise, wie Deutschland durch die Krise kommt. Wohlgemerkt: nicht wie es heraus-, sondern wie es hindurchkommt.

Dazu hat die Politik bisher wenig gesagt. Mit mehr Fleiß allein wird es angesichts dieser gewaltigen, fast unheimlichen Wirtschaftskrise nicht getan sein. Auch bloßer individueller Verzicht wird nicht genügen. Schon gar nicht kann ein allmächtiger Staat alle an die Hand nehmen und es sozusagen anstelle des Volkes richten.

Was nun kommen muss, ist etwas anderes: eine Phase der Solidarität. Solidarität – sobald man dieses Wort hinschreibt, möchte man es sogleich wieder zurücknehmen, klingt es doch nach Reichensteuer, Neid und saurem Zwang. Doch ist dem Land im Moment nicht geholfen, wenn die da oben etwas mehr geben, denn das wird den Hauptfeind in der Krise nicht vertreiben: die Angst. Es hilft nicht, wenn wenige etwas tun müssen, es hilft nur, wenn (fast) alle etwas tun können.

Aber was? Im Kern der Krise, am Grund der Angst sitzt die Arbeitslosigkeit. Die Prognosen darüber, wie sehr sie steigen wird, gehen auseinander. Aber Prognosen sind hier auch sekundär. Wenn diese Wirtschafts- und Finanzkrise unabsehbare Dimensionen hat, dann kann schon ein geringer Anstieg der Arbeitslosenzahlen dazu führen, dass die Mehrheit Angst bekommt. Das Land kriegt schwere Füße. Und seine Regierung – egal, welche – kann allein wenig dagegen tun.