Patriotismus Heroische Niederlage

Der Mythos vom Freiheitshelden Andreas Hofer stärkt bis heute das Selbstbewusstsein der Tiroler

Er stand gegen den Geist der Revolution, gegen Aufklärung und bürgerliche Freiheiten. Er kämpfte für Kaiser und Vaterland, für Habsburgs Widerstand gegen all das, was aus dem Westen kam – und in Tirol bayrische oder französische Uniformen trug.

Das erklärt natürlich nicht die Art und Weise, mit der Andreas Hofer heute in Tirol gefeiert wird. Wer sich dem Heldenmythos nicht entzieht, bekennt sich dadurch natürlich nicht auch zur absoluten Monarchie oder bezieht gegen Religionsfreiheit Stellung. Niemand hat die historische Figur des Bauernführers im Sinn, wenn während der Feierlichkeiten Bezüge zur Gegenwart hergestellt werden. Hofer wird instrumentalisiert – von den einen, um die »älteste Festlanddemokratie« zu beschwören, die Tirol sein soll, und von den anderen, um gegen alles zu mobilisieren, das als fremd empfunden wird. Dabei bietet sich ein einschlägiger Kanon an: Europäische Union, Transitverkehr oder Minarette.

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In Tirol leben heißt, Andreas Hofer als einen Teil der gottgegebenen Natur hinzunehmen – wie die Bergketten und den Föhn. Zu den Selbstverständlichkeiten des Landes zählen auch das Hofer-Denkmal am Bergisel und das berühmte Rundgemälde der Schlacht, das an diesem historischen Ort neu ausgestellt werden soll – dort, wo der Freiheitskampf letztlich die entscheidende Niederlage bezog. Tirol benützt Andreas Hofer, um Geschichte so darzustellen, wie sie garantiert nicht war. Es feiert die Niederlage von1809 wie die Serben die Niederlage auf dem Amselfeld, die Tschechen jene am Weißen Berg und die Ungarn ihr Debakel bei Mohacs. Tirol bezieht seine Identität aus einem verlorenen Krieg.

Dieser Bauernkrieg wird nach Belieben gedeutet: mal als völkische, dann wieder als demokratische Tat. Einmal soll die katholische Kirche verteidigt worden sein, dann wieder heißt es, die Rebellen aus den Bergen hätten sich im Konzert des Völkerringens gegen den Kaiser der Franzosen befunden. Die Burschenschaften werden bei einem Festkommers ihren deutschnationalen Hofer ehren, die Diözese Innsbruck hingegen wird ein frommes Hofer-Bild zeichnen, und die Opposition im Innsbrucker Landtag wird einen Hofer beschwören, der gegen die Herrschaft der Mächtigen aufgestanden war.

Liberale und Linke hatten vor rund 25 Jahren versucht, einen Anti-Hofer zu kreieren: Michael Gaismair, einen Revolutionär aus dem 16.Jahrhundert. Als Klosterstürmer war der Sozialrebell vor einer Vereinnahmung durch die Kirche sicher. Allerdings war auch er vor rechter Heldenverehrung ebenso wenig gefeit, wie es Hofer bis heute ist.

Vor mehr als 30 Jahren fuhr der damalige Landeshauptmann Eduard Wallnöfer an der Spitze einer Tiroler Schützenkompanie nach Paris, um Tirol bei dem Begräbnis von General Emile-Marie Béthouart, der nach 1945 viele Jahre in Innsbruck die Besatzungstruppen kommandiert hatte, zu vertreten. Wallnöfer fand anerkennende Worte: Béthouart habe wesentlich zur Überwindung der jahrhundertealten Feindschaft zwischen den beiden Völkern beigetragen. Die Völker: Tirol und Frankreich.

So drückt sich Selbstbewusstsein aus: Tirol spiele in einer Liga mit Frankreich, und Hofer stehe auf Augenhöhe mit Napoleon. Das zu verstehen heißt, Tirol zu verstehen.

 
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