Am Morgen jenes Tages, an dem Thomas Schramm (Name von der Redaktion geändert) um ein Leben zu kämpfen beginnt, als wäre es sein eigenes, ist er noch ein zufriedener Mensch. An diesem Montag, dem 26. Mai 2008, geht er früh ins Büro. Der Ingenieur hat vor Kurzem seine Stelle gekündigt und in München eine eigene Firma gegründet, sie stellt Produkte aus Naturholz her. Vier Angestellte, noch kein Gewinn, aber große Pläne. Es scheint ihm, als werde er mit der vielen Arbeit niemals fertig, doch er ist kein Typ, der schnell aufgibt. Schramms Familie lebt von Erspartem, seit Kurzem geht seine Frau Linda (Name geändert) wieder arbeiten. Das Paar hat drei Kinder, das jüngste ist gerade ein Jahr und drei Monate alt. Sie leben in einer kleinen Eigentumswohnung am Stadtrand – eine noch unsichere bürgerliche Existenz, aber Thomas Schramm ist glücklich, weil er ja Familie hat.

Er ist 37 Jahre alt, ein kleiner Mann mit den wachen, unsteten Augen eines Kindes. Über nur Vorgestelltes vermag er sich so sehr zu freuen, als könnte er es bereits mit Händen greifen. Seine Begeisterungsfähigkeit, dieses Talent, sich die eigene Zukunft auszumalen – das ist der Magnet, der ihn in dieses Drama zieht.

Gegen Mittag klingelt im Büro das Telefon, am Apparat ist Linda. Sie ruft aus der Praxis ihrer Gynäkologin an. "Stell dir vor, die Spirale hat nicht gewirkt. Scheiße, ich bin schwanger." – "Wie schön!", ruft Thomas, er hat nicht genau hingehört. Er bemerkt auch nicht die Bedrücktheit im Schweigen seiner Frau. Er sagt: "Das muss ich den Kindern erzählen."

Als er am Abend nach Hause kommt, will er ihren Bauch anfassen, aber sie stößt ihn weg. Während der drei vorherigen Schwangerschaften haben sie das werdende Leben gemeinsam zelebriert. Sie sind seit 14 Jahren ein Paar, jetzt sagt Linda: "Ich will kein Kind mehr. Ich lasse es abtreiben." Drei Kinder in sieben Jahren, gerade erst hat Linda abgestillt, gerade erst ist sie auf ihre alte Stelle als Chefsekretärin zurückgekehrt. Sie ist 35 und kann nicht mehr.

Nur mit Mühe bleibt Thomas ruhig. Die Nachricht, er werde noch einmal Vater, hat in ihm ein Gefühl von Stärke geweckt. Er liebt Kinder. Er ist es gewesen, der seine Frau gedrängt hat, früh Nachwuchs zu planen, da studierten sie noch. Ihr ältester Sohn ist sieben, der kleinere fünf, man kann bereits Fußball mit ihnen spielen, und nichts genießt Thomas mehr, als sie abends ins Bett zu bringen und mit ihnen zu kuscheln. Auch um die eineinhalbjährige Tochter kümmert er sich gern, und es ist kein Problem, dass Linda und er beide arbeiten, denn Kindergarten und -hort bieten Ganztagsbetreuung an. Warum also kein viertes Kind? Doch nicht etwa wegen der kleinlichen Angst, dass das Geld nicht reicht? Der Streit um die Abtreibung wird seine Ehe in eine tiefe Krise stürzen. Er wird ihn erschüttern wie nichts zuvor. Es ist, als betrete er einen leeren Raum, in dem er sich ganz allein zurechtfinden muss.

Thomas Schramm ist einer von Tausenden deutscher Männer, deren Partnerinnen jedes Jahr ungewollt schwanger werden und abtreiben. 2007 beendeten deutsche Ärzte 114.000 Schwangerschaften ohne medizinischen Grund, einfach weil die Mütter das wollten – das ist in den ersten drei Monaten nach der Empfängnis ihr Recht. Jede achte Schwangerschaft endet so. Aber kaum einer spricht darüber. Abtreibung ist immer noch ein Tabuthema, halb verborgen unter einem Nebel diffuser Schuldvorwürfe, wofür auch die Kampagnen der Abtreibungsgegner verantwortlich sind.

Seit je gilt Abtreibung als Sache der Frauen – es ist ihr Kind, ihr Körper. Und schließlich haben sie sich dieses Recht in den siebziger Jahren gegen harten Widerstand erkämpft. Bis 1976 mussten sie für einen legalen Abbruch in die Niederlande oder nach England reisen. An die 400.000 Frauen ließen jedes Jahr illegal abtreiben, bei Ärzten und anderen "Engelmachern", manche benutzten Stricknadeln oder Fernsehantennen. Viele brachten sich dadurch in Lebensgefahr.