Schicksal
Wir haben abgetrieben
Welche Rolle spielen Männer bei einem Schwangerschaftsabbruch? Ein Betroffener spricht über seine Seelenqualen, seine Hilflosigkeit und Wut

© Bay Ismoyo/AFP/Getty Images
Kaum ein Mann spricht darüber, was die Abtreibung seiner Partnerin in ihm ausgelöst hat
Am Morgen jenes Tages, an dem Thomas Schramm (Name von der Redaktion geändert) um ein Leben zu kämpfen beginnt, als wäre es sein eigenes, ist er noch ein zufriedener Mensch. An diesem Montag, dem 26. Mai 2008, geht er früh ins Büro. Der Ingenieur hat vor Kurzem seine Stelle gekündigt und in München eine eigene Firma gegründet, sie stellt Produkte aus Naturholz her. Vier Angestellte, noch kein Gewinn, aber große Pläne. Es scheint ihm, als werde er mit der vielen Arbeit niemals fertig, doch er ist kein Typ, der schnell aufgibt. Schramms Familie lebt von Erspartem, seit Kurzem geht seine Frau Linda (Name geändert) wieder arbeiten. Das Paar hat drei Kinder, das jüngste ist gerade ein Jahr und drei Monate alt. Sie leben in einer kleinen Eigentumswohnung am Stadtrand – eine noch unsichere bürgerliche Existenz, aber Thomas Schramm ist glücklich, weil er ja Familie hat.
Er ist 37 Jahre alt, ein kleiner Mann mit den wachen, unsteten Augen eines Kindes. Über nur Vorgestelltes vermag er sich so sehr zu freuen, als könnte er es bereits mit Händen greifen. Seine Begeisterungsfähigkeit, dieses Talent, sich die eigene Zukunft auszumalen – das ist der Magnet, der ihn in dieses Drama zieht.
Gegen Mittag klingelt im Büro das Telefon, am Apparat ist Linda. Sie ruft aus der Praxis ihrer Gynäkologin an. "Stell dir vor, die Spirale hat nicht gewirkt. Scheiße, ich bin schwanger." – "Wie schön!", ruft Thomas, er hat nicht genau hingehört. Er bemerkt auch nicht die Bedrücktheit im Schweigen seiner Frau. Er sagt: "Das muss ich den Kindern erzählen."
Als er am Abend nach Hause kommt, will er ihren Bauch anfassen, aber sie stößt ihn weg. Während der drei vorherigen Schwangerschaften haben sie das werdende Leben gemeinsam zelebriert. Sie sind seit 14 Jahren ein Paar, jetzt sagt Linda: "Ich will kein Kind mehr. Ich lasse es abtreiben." Drei Kinder in sieben Jahren, gerade erst hat Linda abgestillt, gerade erst ist sie auf ihre alte Stelle als Chefsekretärin zurückgekehrt. Sie ist 35 und kann nicht mehr.
Nur mit Mühe bleibt Thomas ruhig. Die Nachricht, er werde noch einmal Vater, hat in ihm ein Gefühl von Stärke geweckt. Er liebt Kinder. Er ist es gewesen, der seine Frau gedrängt hat, früh Nachwuchs zu planen, da studierten sie noch. Ihr ältester Sohn ist sieben, der kleinere fünf, man kann bereits Fußball mit ihnen spielen, und nichts genießt Thomas mehr, als sie abends ins Bett zu bringen und mit ihnen zu kuscheln. Auch um die eineinhalbjährige Tochter kümmert er sich gern, und es ist kein Problem, dass Linda und er beide arbeiten, denn Kindergarten und -hort bieten Ganztagsbetreuung an. Warum also kein viertes Kind? Doch nicht etwa wegen der kleinlichen Angst, dass das Geld nicht reicht? Der Streit um die Abtreibung wird seine Ehe in eine tiefe Krise stürzen. Er wird ihn erschüttern wie nichts zuvor. Es ist, als betrete er einen leeren Raum, in dem er sich ganz allein zurechtfinden muss.
Thomas Schramm ist einer von Tausenden deutscher Männer, deren Partnerinnen jedes Jahr ungewollt schwanger werden und abtreiben. 2007 beendeten deutsche Ärzte 114.000 Schwangerschaften ohne medizinischen Grund, einfach weil die Mütter das wollten – das ist in den ersten drei Monaten nach der Empfängnis ihr Recht. Jede achte Schwangerschaft endet so. Aber kaum einer spricht darüber. Abtreibung ist immer noch ein Tabuthema, halb verborgen unter einem Nebel diffuser Schuldvorwürfe, wofür auch die Kampagnen der Abtreibungsgegner verantwortlich sind.
Seit je gilt Abtreibung als Sache der Frauen – es ist ihr Kind, ihr Körper. Und schließlich haben sie sich dieses Recht in den siebziger Jahren gegen harten Widerstand erkämpft. Bis 1976 mussten sie für einen legalen Abbruch in die Niederlande oder nach England reisen. An die 400.000 Frauen ließen jedes Jahr illegal abtreiben, bei Ärzten und anderen "Engelmachern", manche benutzten Stricknadeln oder Fernsehantennen. Viele brachten sich dadurch in Lebensgefahr.
Am 6. Juni 1971 erklärten 374 Frauen im stern: "Ich habe abgetrieben." Zu viele, als dass Staatsanwälte in der Lage gewesen wären, sie alle zu verfolgen. Keine einzige wurde verurteilt. Ihrem Mut ist es mit zu verdanken, dass das Gesetz 1974 geändert wurde. Das Bundesverfassungsgericht setzte die neue Regelung zwar kurz darauf außer Kraft. Fünf Jahre nach der bis heute legendären Kampagne wurden Schwangerschaftsabbrüche dann aber doch straffrei – bis zur zwölften Woche nach der Befruchtung und bei "sozialer Indikation", einer Notlage der Schwangeren. Die hatte ein Arzt festzustellen. Praktisch bedeutete dies, dass jede Frau abtreiben konnte, die fand, ein Kind passe nicht in ihr Leben.
In den neunziger Jahren wurde das Gesetz reformiert. Seit 1995 können Frauen bis zur zwölften Woche abtreiben, ohne eine Notlage nachweisen zu müssen – solange sie sich vorher beraten lassen. Der Mann muss nicht gefragt werden. Welche Rolle spielt er? Und wie geht es ihm, wenn die Partnerin abtreibt?
Davon will Thomas Schramm berichten. Anonym, darum hat ihn seine Frau gebeten. Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung sehen. Die zehn Männer, die außerdem in diesem ZEITmagazin die persönlichen Geschichten ihrer Abtreibungen erzählen, offenbaren sich mit Namen, und sie zeigen ihr Gesicht. Sie hoffen, dass ihre Seite des Themas so endlich Aufmerksamkeit erfährt.
Die meisten sind über 40 Jahre alt, und sie schildern ganz subjektiv die Ereignisse, die oft lange zurückliegen. Sie alle sind heute von ihren damaligen Partnerinnen getrennt. Viele dieser Männer waren vor der Entscheidung hin- und hergerissen, wie die Frauen; sie sprechen von Reue, weil sie die Entscheidung ihrer Partnerin überlassen haben und das nun für einen Fehler halten. Mehrere Frauen hatten ihren Männern signalisiert: "Hättest du nur deutlich gesagt, dass du dir ein Kind mit mir vorstellen kannst, ich hätte es bekommen." Einige Männer waren von dem eigenmächtigen Handeln der Partnerin wie vor den Kopf gestoßen. Einen brachte die Abtreibung so aus der Fassung, dass er Strafanzeige stellte, um sie zu verhindern, vergeblich. Zwei Männer sagten, nach der Abtreibung hätten sie plötzlich den Wunsch gespürt, Vater zu werden. Alle hat dieses Erlebnis verändert, es hat sie geprägt.
Wie sehr eine Abtreibung Männer berühren kann, weiß der Bielefelder Psychologe Wolfgang Neumann. Seit 15 Jahren hat er sich auf die Therapie von Männern spezialisiert, er hat darüber auch ein Buch geschrieben (Den Mann zur Sprache bringen, 2004). In seiner Praxis werden Abtreibungen häufig und meist unvermutet zum Thema. "Männer reden zwar darüber, als ob es sie nichts anginge, und sie wissen auch wenig", sagt er. "Aber innerlich sind sie stärker beteiligt, als sie gewöhnlich glauben. Selbst hinter einer emotionslosen Fassade steckt oft viel Wut über die eigene Ohnmacht. Und da sind auch Enttäuschung und Trauer über den Verlust." Ist all das, was Thomas Schramm erlebt und was ihm noch bevorsteht, also ganz normal?
Einen Tag nachdem Linda von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, lässt sie sich einen Termin bei einer Beratungsstelle geben, für denselben Nachmittag. Hat sie erst einmal den Beratungsschein, muss sie drei Tage warten, dann kann sie eine Klinik aufsuchen; die Bedenkzeit erzwingt das Gesetz. Ihre Frauenärztin hat Linda die Adresse einer Abtreibungsambulanz gegeben, davon weiß Thomas nichts. Er weiß nichts von dem Beratungsschein, der eine Abtreibung erst möglich macht. Er denkt, bei einer Schwangerschafts-Konfliktberatung gehe es nur um den Rat. Deshalb will er mitgehen.
Die Beratungsstelle von "Frauen beraten e. V. München" befindet sich im Stadtzentrum, der Verein steht der evangelischen Kirche nahe. Auf dem Weg vom Büro dorthin ist Stau, Thomas kommt eine halbe Stunde zu spät. Im Wartezimmer liegt Spielzeug, er ist der einzige Mann weit und breit. Linda spricht bereits mit einer älteren Dame, für die Fälle wie ihrer tägliche Normalität sind: Fast die Hälfte jener, die bundesweit Rat suchen, sind verheiratet und haben wenigstens ein Kind. Wenn sie abtreiben, dann häufig mit dem Einverständnis des Mannes. "Traute Einigkeit unter Frauen", denkt Thomas, als er sich mit an den kleinen Tisch setzt. Er fragt sich, ob er hier überhaupt etwas sagen darf.
Nicht einmal jede vierte Frau, die wegen einer Abtreibung eine Beratungsstelle aufsucht, wird von einem Mann begleitet, das bestätigt eine Statistik von Pro Familia in Köln aus dem Jahr 2005. Das Gesetz, das die Beratungen regelt, hat die Väter praktisch vergessen: Es listet auf, welche Experten man hinzuziehen könnte, Ärzte und Sozialarbeiter, erst ganz am Schluss erwähnt es den "Erzeuger". Thomas Schramm, ein bloßer Funktionsträger der Fortpflanzung? Es ist die alte Abtreibungsdebatte, der berühmte Satz "Mein Bauch gehört mir", der so schwer und wuchtig klingt wie aus einem Geschichtsbuch, durch den er sich als Mann so an die Wand gedrängt fühlt.
Linda nennt das Argument, das ihn an meisten ärgert: Das Geld würde nicht reichen für ein viertes Kind. Wie kann sie so kalt sein, ein Leben mit Materiellem aufzurechnen? "Notfalls würde ich Sozialhilfe beantragen", sagt er. Die Beraterin zählt ruhig weitere staatliche Hilfen auf, Mutterschaftsgeld, Erziehungsgeld, Kindergeld, aber für ihn klingt es, als erfülle sie nur ihre Pflicht. Dann fragt sie: "Würden Sie es Ihrer Frau übel nehmen, wenn sie abtreibt? Würden Sie es ihr später mal vorwerfen?" Thomas ärgert sich. Die Frau gibt ihm das Gefühl, er sei hier das Problem. "Ich weiß es nicht", antwortet er patzig. "Die Situation hatten wir ja noch nie." Linda verlässt die Beratungsstelle vor Thomas, sie muss die Kinder abholen. Das Gespräch hat sie darin bestärkt, dass eine Abtreibung allein ihre Entscheidung ist. Thomas wartet noch, bis die Beraterin den Schein ausgefüllt hat, er muss ihn nach Hause tragen.
"Von da an gingen wir durch die Hölle", sagt Linda heute. Thomas kauft ein Buch, es heißt Ein Kind entsteht. Aufnahmen von wenige Wochen alten Embryonen. Rötliche Ausstülpungen, die an Pflanzen erinnern, nicht an Körper. Er sucht im Internet Fotos von Embryonen, auf den Websites von Abtreibungsgegnern. Das Buch und die Fotos legt er auf den Küchentisch. "Du willst mir ein schlechtes Gewissen machen", sagt Linda. Sie streiten jeden Tag.
Wie Frauen die Zeit vor und nach einer Abtreibung erleben, warum sie sich gegen ein Kind entscheiden, wie sie daran leiden – das ist der Inhalt Hunderter wissenschaftlicher Studien. Nur ganz wenige haben sich mit den betroffenen Männern befasst. Die erste und einzige deutsche Untersuchung stammt von der Münchner Psychologin Helgard Roeder. Anfang der neunziger Jahre sprach sie für das Institut für Psychosomatische Medizin der Technischen Universität München mit 101 Paaren, die eine Abtreibung erwogen hatten oder sie bereits hinter sich hatten. "Seitdem ist das Thema leider wieder in Vergessenheit geraten", sagt sie.
Die meisten Männer, die an ihrer Studie teilnahmen, vermieden offene Auseinandersetzungen, beeinflussten die Frauen aber indirekt. Diese sagten, sie trieben ab, weil sie die Männer nur flüchtig kannten oder mit ihnen unglücklich waren. Dazu kam die Furcht vor materieller Not. Roeder erkannte auch starke unbewusste Motive: Die meisten Männer und Frauen, die eine Abtreibung erwogen, hatten Angst, keine guten Eltern zu sein, weil sie sich selbst als Kind nicht geborgen gefühlt hatten. Der Mann, der einem Klischee zufolge die Frau unter Druck setzt, weil er das Kind nicht haben will, war in Roeders Untersuchung selten: einer von zehn. Die meisten Männer waren einem Kind gegenüber nicht grundsätzlich negativ eingestellt. Viele machten unentschiedenen Frauen sogar Mut. Die Männer fühlten sich in der Zeit der Entscheidung aber alleingelassen, unsicher und orientierungslos.
"Anders als Frauen sind Männer auf eine ungewollte Schwangerschaft meist nicht vorbereitet", hat Roeder aus den Gesprächen gelernt. "Sie reden untereinander nicht über solche Erfahrungen. Sie orientieren sich an der traditionellen Männerrolle und fühlen sich verpflichtet, kühl zu reagieren. Die Frauen bekommen oft gar nicht mit, wie es den Männern geht."
Bei Frauen ist die Frage, ob und wie sie mit einem Schwangerschaftsabbruch zurechtkommen, immer auch ein Politikum gewesen: Abtreibungsgegner behaupten, Frauen würden traumatisiert, sie berufen sich dabei auf einzelne Studien. Voriges Jahr hat die Amerikanische Gesellschaft für Psychologie mehr als 200 neuere wissenschaftliche Untersuchungen über die psychischen Folgen von Abtreibungen für Frauen ausgewertet und kam zu einem anderen Ergebnis: Der Anteil jener Frauen, die auch Jahre später noch psychische Probleme hatten, war nicht größer als in der gesamten weiblichen Bevölkerung. Doch jede Abtreibung wird von einem gewissen Maß an Trauer und Schuldgefühlen begleitet.
Und die Männer? Sie klagten in Helgard Roeders Studie über Ängste, Unruhe und Schlaflosigkeit – Symptome, die man zuvor nur Frauen zugeschrieben hatte. Eine schwedische Untersuchung aus dem Jahr 1999 bestätigte das. Die Mehrzahl der hierfür befragten 75 Männer berichtete von negativen Gefühlen. "Wie die Frauen spüren auch Männer die Enttäuschung und Trauer, die der Verlust eines Kindes auslösen kann, wenn auch schwächer", sagt der Psychologe Wolfgang Neumann. Seine Kollegin Roeder erzählt von einem Mann in ihrer Studie, der sich zutiefst verletzt fühlte, als seine Partnerin gegen seinen Willen abtrieb. "Wahrscheinlich reagieren Männer öfter so. Aber sie zeigen ihre Verletzungen bekanntlich nicht gern."
Auch Thomas Schramm vergräbt sich. Wie Linda weiht er nur seine Eltern ein und ein paar Freunde. Zu Thomas halten seine Mutter und ein einziger Freund, alle anderen sind auf Lindas Seite. Wo könnte er Rat finden? Wer sich bei den Beratungsstellen umhört, der hat praktisch immer Frauen am Telefon. Er findet aber auch Verständnis für die Probleme der Männer – und oft sogar ein Bewusstsein für das Defizit im eigenen Angebot. Mancherorts ändert sich bereits etwas: Die katholische Organisation Donum Vitae hat in Bayern männliche Berater eingestellt, in Augsburg, Regensburg und Nürnberg. Auch bei der katholischen Organisation Esperanza beraten Männer, etwa in Bonn, Köln und Düsseldorf. Sie wollen Rat suchenden Männern die Schwellenangst nehmen.
Einer der ersten Schwangerschaftsberater Deutschlands in einer psychologischen Beratungsstelle ist Ulrich Kruse aus Rendsburg – einer der Männer, die in diesem ZEITmagazin über Abtreibungen reden. Zwei Schwangerschaftsabbrüche hat er als junger Mann in erster Ehe erlebt, heute ist er 62 Jahre alt. "Warum sah meine damalige Frau keinen anderen Weg?", fragt er sich. Sie hat ihm nie eine Antwort gegeben. Kruse spricht mit einfühlsamer Stimme, doch seine Sätze klingen nüchtern, als versuche er, die 40 Jahre zurückliegenden Ereignisse nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen.
Er ist nicht zufällig Schwangerschaftsberater geworden. Seit 1974 arbeitet er beim Diakonischen Werk Schleswig-Holstein, heute ist er zuständig für die Fachaufsicht aller evangelischen psychologischen Beratungsstellen im Bundesland. Er studierte Theologie und Psychologie und arbeitete zuerst in der Psychiatrie. "Das Thema Abtreibung ist für Männer immer noch stark mit Scham besetzt. Sie hätten ja besser verhüten können", sagt er. "Sie leiden daran, in der Phase der Entscheidung oft von Frauen nicht wahr- und ernst genommen zu werden." Kruse hält es für einen Fehler vieler Männer, ihren Frauen zuzustimmen, ohne selbst zu einer inneren Haltung zu finden. "Die Männer könnten durchaus Position beziehen", sagt er. Geht es nach ihm, hat Thomas Schramm etwas richtig gemacht.
Am Samstag, dem 31. Mai, fahren die Schramms zu Freunden an den Starnberger See, im Gepäck die Tränen und Wunden von fünf Tagen Streit. Sie sind nun ein zermürbtes Paar, das sich aneinander fast aufgerieben hat. Linda hat mit Trennung und Auszug gedroht, Thomas hat entgegnet: "Dann ziehe ich eben ins Büro." Er hat die Ankündigung nicht wahr gemacht. Nun sitzen sie im Garten der Freunde, es ist ein unverschämt strahlender Tag. Thomas kann nicht mehr genau sagen, warum sich für ihn ausgerechnet in diesem Moment etwas verschiebt. Liegt es an der Sonnenwärme auf der Haut? Daran, dass auch die Freunde über ihn den Kopf schütteln, wie sehr er sich auch um Argumente müht? Er begreift, dass er gerade seine Ehe zerstört.
Nach dem Beratungsgespräch hatten sich die Schramms an eine befreundete Psychologin gewandt, die ihnen schon oft beigestanden hatte. Diesmal sagte sie: "Geht auseinander, es hat keinen Sinn mehr." Die Krise hat auch die Eltern entzweit, Thomas’ Mutter und Vater. Lindas Eltern haben angeboten, die Abtreibung zu bezahlen. Ihre Schwester sagt hinter vorgehaltener Hand: "Bist du dumm, dass du ihm von der Schwangerschaft überhaupt erzählt hast."
Jetzt, im Garten, erschrickt Thomas. Wenn die Freunde ihm nicht folgen, sind seine Argumente schwach. Dann ist er im Unrecht. "Diese philosophischen Gedanken um Würde haben gar nicht so viel Gewicht wie Lindas Gesundheit und das Wohl der ganzen Familie", denkt er. "Der Embryo wächst in ihr, wie kann ich ihr eine Entscheidung aufzwingen? Ich bin als Mann einfach weiter weg."
Es ist eine plötzliche Wendung, die Thomas vollzieht, sie erfordert seine ganze Kraft. Aber er schafft es: Wenige Tage später begleitet er Linda morgens in die Ambulanz. Auf sie wartet ein Eingriff unter Vollnarkose, er dauert nur eine Dreiviertelstunde. Der Arzt findet heraus, warum Linda trotz Spirale schwanger wurde: Diese war in einen Eileiter gerutscht. Drei Stunden später ist Linda wieder wach. Am frühen Nachmittag fahren sie und ihr Mann in einen Biergarten. Beide fühlen sich gelöst. Es ist wieder Frieden.
Ein halbes Jahr nach den schweren Tagen im Mai sitzen Linda und Thomas zu Hause im Esszimmer an einem Tisch, der mit Kinderzeichnungen bekritzelt ist. Die Wohnung hat vier kleine Zimmer, sie ist voller alter Möbel und Spielzeug und wirkt studentisch. Die Kinder sind an diesem Abend bei Freunden und den Großeltern. Thomas hat am Ende der Abtreibung zugestimmt, aber die Wut und Verzweiflung, in die ihn der Streit stürzte, wirken immer noch nach. Die Gefühle sind mit im Raum als etwas Sprachloses, das die beiden verbindet und zueinander auf Abstand hält.
Thomas und Linda wollen sich gegenseitig erklären, wie sie jene Tage im Mai erlebt haben. Linda spricht ruhig und überlegt. "Als meine Frauenärztin sagte, dass ich schwanger bin, war mir sofort klar: Das muss weg. Ich fühlte mich reingelegt vom Schicksal. Ich hatte ja gerade erst aufgehört zu stillen, und den Job hatte ich auch erst seit zwei Monaten. Wie das Stillen den Körper auslaugt, alles ist wund! Ich hatte einfach nicht mehr die Kraft für ein Kind. Das war natürlich egoistisch." – "Genau", sagt er. "An erster Stelle hast du nur an dich gedacht. Du hast das Kind einen Zellklumpen genannt." – "Aber das war es doch auch." – "Jetzt redest du wieder so abfällig." – "Ich hätte mein Leben nicht anders in den Griff bekommen." Thomas’ Lächeln ist starr geworden. Schon ist er wieder in der Defensive, wie damals im Mai. Er wirkt immer noch verletzt.
Wie geht es ihnen heute? "Gut", sagt Linda. "Keine Schuldgefühle." Und Thomas? "Auch gut", sagt er, aber er klingt gedämpft.
Er steht noch einmal vom Küchentisch auf und kommt mit einem Kästchen zurück, das er selbst gezimmert hat. Auf das Holz sind 14 Namen geschrieben – die der Freunde, die geholfen haben, den Streit zu schlichten. In der Mitte steckt eine Kerze. Das Kästchen soll an ihr verlorenes Kind erinnern. Beide haben ihm symbolische Briefe geschrieben, in dem sie ihm erklären, warum sie es nicht haben leben lassen. Es sind rührende Sätze, angefüllt mit der Qual des Ringens um die Entscheidung. Die Frau von der Beratungsstelle hatte dazu geraten, die Beweggründe zu notieren – "damit Sie sie in 20 Jahren nachschlagen können. Es gibt Menschen, die viele Jahre später plötzlich Zweifel quälen."
Thomas lässt seine Frau an diesem Abend allein, er geht noch aus, auf ein Bier unter Männern. Das Gespräch hat drei Stunden gedauert, sie haben sich angefaucht und wieder versöhnt. Er wirkt weich und verunsichert. "Durch den Streit haben wir uns besser kennengelernt", sagt Linda zum Abschied. "Gut, dass es so gekommen ist." Thomas nickt. Erschöpfung ist zu spüren.
Draußen erzählt er, dass er einer Männergruppe beigetreten ist. Er, der Ingenieur, in so einem Quatschklub! Der Streit hat etwas in ihm geöffnet, das andere Männer nicht kennen, nicht wahrhaben wollen. Sie sollen das erfahren. Deshalb sucht er die Öffentlichkeit.
Der Arzt in der Abtreibungspraxis hat ihm damals den Embryo mitgegeben, eigentlich ist das verboten. Thomas war dankbar dafür, dass er ihn in Händen hat halten dürfen: ein rötlicher Klumpen, klein wie ein Fingerglied. Er kaufte ein Tongefäß und legte den Embryo hinein. Sie haben ihn im Schrebergarten verbrannt und sich so gemeinsam von ihm verabschiedet – von dem Kind, das nur eine Möglichkeit blieb, und von allem, was es ausgelöst hat. Die Asche haben sie in eine Schachtel getan, sie ist immer noch im Gartenhäuschen. Sie rühren sie nicht mehr an.
Die Geschichten von zehn Männern, die erzählen, wie Sie die Abtreibungen ihrer Partnerinnen empfunden haben, lesen Sie im aktuellen ZEITmagazin Nr. 8
- Datum 14.3.2009 - 14:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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Wie schwer war es wohl, so viele Männer zu finden, die die Schuld alleine der Frau geben?
Eine Schwangerschaft -gewollt oder ungewollt- ist eben eine Situation, in der der Mann nicht einfach nur durch Kommando die Kontrolle übernehmen kann, sondern sich durch Einfühlungsvermögen, Bereitschaft zur Lebensveränderung und Übernahme einer aktiven Vaterrolle eine mitentscheidende Rolle erlangen kann. Dass die meisten Männer ihre Mitverantwortung am Abbruch so standhaft übersehen, ist seit jeher der bequemste Weg und nicht wirklich eine Betroffenheitsreportage wert.
Heute holen sich die Frauen die Pille.
Morgen wird abgetrieben, weil das Leben ja noch viele Überraschungen parat hat.
Übermorgen klappt es nicht mit der Kinderzeugung, dann muß das Reagenzglas herhalten.
Danach kommen die Sechslinge, die armen Frauen aber auch.
Die schlechten Männer stehen im Hintergrund und reiben sich die Hände.
Entschuldigung bitte für meine Übertreibung, aber ich kann die dauernden Schuldfragen nicht wirklich dikutieren.
Herzlichst
Auf ein Wort
So salop, bar jeglichen Ernsthaftigkeit und Einfühlungsvermögens, wie Sie sich hier äussern, kann man sich nur dafür herzlich bedanken und aufatmen,
dass Sie sich an der Diskussion nicht weiter beteiligen wollen.
;-)
Grüße
Messala
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"Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
bei einem Schwangerschaftsabbruch muss eine unterstützende sein, was sonst.
»"Stell dir vor, die Spirale hat nicht gewirkt. Scheiße, ich bin schwanger." – "Wie schön!", ruft Thomas, er hat nicht genau hingehört.«
Tolles Team. Beide beschließen, dass (zumindest zunächst mal) keine weiteren Kinder kommen sollen, sie beginnt wieder zu arbeiten, und als kurz darauf die Verhütung versagt, ruft er spontan: "Wie schön".
Das kann doch nur bedeuten, dass er im Grunde gegen die Verhütung war. Klar, dass sich daraus Konflikte ergeben.
"Beide beschließen, dass (zumindest zunächst mal) keine weiteren Kinder kommen sollen, sie beginnt wieder zu arbeiten, und als kurz darauf die Verhütung versagt, ruft er spontan: "Wie schön". Das kann doch nur bedeuten, dass er im Grunde gegen die Verhütung war. Klar, dass sich daraus Konflikte ergeben."
Ich denke, der Artikel hat klar gemacht, dass sie keine Kinder mehr wollte und er ihr auch die Sache mit der Verhütung komplett überlassen hat. Das hat mich bei dem Psychologen auf Seite 1 so genervt: Männer "hätten ja besser verhüten können" - ÜBERHAUPT verhüten, darum geht's! Besser klingt, als würden sie was tun wenn sie in Wahrheit nichts tun!
So wie er sich also geschätze 20 Jahre nicht drum gekümmert hat, ob die Frau die er liebt von ihm schwanger wird oder nicht, hat er sich offensichtlich nicht damit auseinandergesetzt, was die Schwangerschaften, Geburten und Stilljahre für seine Frau bedeuteten. Das war die Ursache des "Konflikts" aus meiner Sicht.
Wer sich nicht zum vierten Mal etwa 1 Jahr lang scheiße fühlen will, keine Lust auf unglaubliche Schmerzen hat, sondern lieber weiter zuverlässig das Familieneinkommen verdient und den Löwenanteil an der Aufzucht von drei Kindern übernimmt (von Haushalt wollen wir mal gar nicht erst anfangen) HANDELT EGOISTISCH?
Ich glaube, bei dem Mann kamen drei Faktoren zusammen:
1. Hatte er wohl nicht mitgekriegt wie lange das dauert bis so ein Fötus im Kita-Alter ist, und wie anstrengend das ist (insbesondere wenn mehrere Kinder bereits Aufmerksamkeit und Zeit verlangen).
2. Fühlte er sich gekränkt, weil sein Unternehmen ein schönes Luftschloss war während seine Frau das nackte Überleben sicherte. Wäre sie jetzt nochmal ein Jahr oder länger "beschäftigt" würde das für ihn den Druck erhöhen erfolgreich zu sein = noch mehr Überstunden = am Ende vielleicht Erfolg. Dann hätte er alles: große Familie, erfolgreiches Unternehmen und damit derjenige sein, der die Brötchen ranschafft (denn als knapp 40-jährige 4-fache - strenggenommen alleinerziehende - Mutter ist sie ziemlich sicher endgültig auf dem Abstellgleis-oder ein Genie mit viel Glück!).
3. Hatte er eine Frau, die sich nicht getraut hat ihm eine Sterilisation nahezulegen. Werde ich zumindest machen, wenn meine Familienplanung abgeschlossen ist. Ich werde sagen: Schatz, die ersten 20 Jahre hab ich das zuverlässig übernommen, jetzt erwarte ich das von dir. Wie ist mir egal, von mir aus laß Dir was davon einfrieren, damit Du für spätere Zeiten noch eine Option hast, aber ich mach es nicht mehr!
Ich freue mich schon sehr auf diesen Tag!
In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!
Hallo Balanus,
Ihre Schlussfolgerung "Das kann doch nur bedeuten, dass er im Grunde gegen die Verhütung war." ergibt sich nicht zwingend. Vielleicht war er froh, dass sie arbeiten konnte. Aber was soll er ihr Passenderes sagen, wenn sie schwanger ist? Etwa "So ein Mist!"?
Schwangerschaftsabbrüche (Abtreibung ist diffamierend) kommen zumeist bei solchen Frauen vor, die bereits mehrere Kinder haben und die Pille nicht vertragen.
In einer kinderfeindlichen Gesellschaft sollte man die Ursachen beseitigen und jeder Frau ein entsprechendes Gehalt zahlen, weil sie mit Geburt und Aufzucht von Kindern eine Leistung erbringt, auf die der Staat dringend angewiesen ist. So ist die Mutter nicht auf die finanzielle Unterstützung durch den Mann angewiesen und kann diesem als gleichberechtigte, unabhängige Partnerin entgegen treten. Zudem hat Frau dann die echte Wahl, ob sie abhängig arbeiten geht oder einen Haushalt mit Kindern selbstständig führt.
"Abtreibung ist diffamierend"
Weshalb ist der Begriff denn diffamierend? "Schwangerschaftsabbruch" klingt eher nach Euphemismus - denn immerhin reden wir hier nicht davon, ein Kleidungsstück zu wechseln, sondern wir sprechen über einen Vorgang, dessen Ziel die Beseitigung von werdendem Leben ist.
der Mutter ein Gehalt zahlen und nicht dem Vater? Erst durch einen konsequenten Rollentausch kann endlich auch sie vollkommen unabhängig ihrer Selbstverwirklichung nachgehen – mithin ihren finanziellen Beitrag zur Sicherung kindlicher als auch väterlicher Grundbedürfnisse leisten. Alles andere ist typisch patriarchalische Konvention mit dem einzigen Ziel: Frauen zu knechten und Männern eine noch höhere Lebenserwartung durch Müßiggang auf Kosten der Mütter zu ermöglichen.
"Abtreibung ist diffamierend"
Weshalb ist der Begriff denn diffamierend? "Schwangerschaftsabbruch" klingt eher nach Euphemismus - denn immerhin reden wir hier nicht davon, ein Kleidungsstück zu wechseln, sondern wir sprechen über einen Vorgang, dessen Ziel die Beseitigung von werdendem Leben ist.
eine andere Assoziation -so als Mann- und zugestanden nicht unbedingt zum Artikel passend (da war es eher gegenteilig)
"Das Kind als Waffe"
Mir ist klar, dass ich mit dieser Assoziation anecken kann. Aber es ist so eine Erfahrung aus dem Leben gegriffen.
der Mutter ein Gehalt zahlen und nicht dem Vater? Erst durch einen konsequenten Rollentausch kann endlich auch sie vollkommen unabhängig ihrer Selbstverwirklichung nachgehen – mithin ihren finanziellen Beitrag zur Sicherung kindlicher als auch väterlicher Grundbedürfnisse leisten. Alles andere ist typisch patriarchalische Konvention mit dem einzigen Ziel: Frauen zu knechten und Männern eine noch höhere Lebenserwartung durch Müßiggang auf Kosten der Mütter zu ermöglichen.
Die Mutter zahlt dem Vater, dem die Kinder zugesprochen wurden. "Beschadet" mit Unterhaltsverpflichtungen könnte denn auch SIE ihrer Selbstverwirklichung nachgehen und dabei "ihren finanziellen Beitrag zur Sicherung kindlicher als auch väterlicher Grundbedürfnisse leisten. Alles andere ist typisch patriarchalische Konvention mit dem einzigen Ziel: Frauen zu knechten und Männern eine noch höhere Lebenserwartung durch Müßiggang auf Kosten der Mütter zu ermöglichen."
"Männern eine noch höhere Lebenserwartung durch Müßiggang auf Kosten der Mütter zu ermöglichen". Lesen Sie keine Statistiken? Die Lebenserwartung weiblicher Wesen ist signifikant höher, bei uns etwa sechs Jahre. In den älteren Generationen meiner Familie zum Beispiel leben nur noch die geknechteten Frauen. Die müßiggängerischen Männer haben sich allesamt frühzeitig zum ewigen Faulenzen verabschiedet. Solche und ähnliche Fingerzeig-"Argumentationen" verhindern, daß hier ernsthaft über die Thematik gesprochen werden kann.
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Lyriost – Madentiraden
(entfernt. Biotte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)
Zitat:
"Vier Angestellte, noch kein Gewinn, aber große Pläne. Es scheint ihm, als werde er mit der vielen Arbeit niemals fertig, doch er ist kein Typ, der schnell aufgibt. Schramms Familie lebt von Erspartem, seit Kurzem geht seine Frau Linda (Name geändert) wieder arbeiten. Das Paar hat drei Kinder, das jüngste ist gerade ein Jahr und drei Monate alt. Sie leben in einer kleinen Eigentumswohnung am Stadtrand – eine noch unsichere bürgerliche Existenz, aber Thomas Schramm ist glücklich, weil er ja Familie hat.
Er ist 37 Jahre alt, ein kleiner Mann mit den wachen, unsteten Augen eines Kindes. Über nur Vorgestelltes vermag er sich so sehr zu freuen, als könnte er es bereits mit Händen greifen."
Man reiche mir bitte ein Rotztuch, was ist das für ein armer Mann. Hua!
Na, wunderbar. Frau geht arbeiten mit drei Kindern und er macht den Traumtänzer vor dem Herrn. Lustig. (entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)
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