Manchmal gibt es auf Filmfestivals diesen Moment, in dem der Kopf des Vordermannes das halbe Bild und die Untertitel verdeckt und man ganz froh ist, statt auf die Leinwand ein wenig in sich hinein blicken zu dürfen. Dann wieder kommt der Moment, in dem die Augen ein Stückchen weiter aufgehen, Sehen und Erkennen eins werden und Entferntes zueinanderrückt. Zum Beispiel wenn zwei Bilder im Gedächtnis bleiben und sich nach einer Weile ineinanderblenden: Das eine stammt aus einem iranischen Film und zeigt eine Frau, die in einem Ferienhaus an einem Tisch sitzt, erschüttert von sich selbst und ihrem Verrat an einer anderen Frau. Das andere Bild, aus einem deutschen Film, zeigt eine junge Frau, die fassungslos in der Küche eines Ferienhauses steht, nachdem ihr betrunkener Freund sie in den Swimmingpool geworfen hat.

Was hat Asghar Farhadis Film About Elly, dessen iranische Heldinnen mit Kopftuch in die Sommerfrische fahren, mit Maren Ades Alle Anderen zu tun, dessen weibliche Hauptfigur die erste Dreiviertelstunde im Bikini durch den Ferienort läuft? Und was verbindet eine Familie der iranischen Mittelschicht mit einem jungen deutschen Paar aus der sogenannten Kreativbranche? In About Elly folgt Farhadi einer Freundesgruppe aus Teheran bei einem Ausflug ans kaspische Meer. Die Ferienvilla ist groß und heruntergekommen, die Atmosphäre heiter und auch ein bisschen erotisiert. Begleitet von einer behänden Kamera, isst, singt und spielt man gemeinsam. Nebenbei soll die ebenfalls eingeladene Kindergärtnerin Elly mit einem frisch geschiedenen Mann verkuppelt werden. Als die unverheiratete, aber offenbar verlobte junge Frau bei einem tragischen Vorfall spurlos verschwindet, fürchten die Ausflügler um ihr Ansehen. Aus Dialogen und erhitzten Diskussionen formiert sich eine gnadenlose Entledigungsstrategie: Eine Lüge soll Ellys Ruf zerstören, um den der anderen zu retten.

Die schwierigste Jury-Entscheidung: Wer ist die beste Hauptdarstellerin?

About Elly zeigt eine iranische Turnschuh- und SUV-Generation selbstbewusster Mittdreißiger, die zwar demokratisch über das Abendessen diskutieren, angesichts des Unglücks aber in tradierte Verhaltensmuster und Moralvorstellungen zurückfallen. Die westlich anmutende Offenheit entblößt sich als von ihnen selbst nicht durchschaute Fassade. Währenddessen tobt draußen das Meer, wütend und immer lauter, als habe es sich mit der Verschwundenen verbündet.

Auch in Maren Ades deutschem Wettbewerbsfilm Alle Anderen wird ein Ferienaufenthalt zum Prüfstand der Selbstbilder und Lebensweisen. Auch in diesem Film schaut man den Figuren beim Sprechen und beim Streiten zu. Und auch hier entspinnt sich ein so feinfiebrig wie klug erzähltes Drama, dem man gebannt und immer wieder auch belustigt zuschaut.

Birgit Minichmayr und Lars Eidinger spielen Gitti und Chris, ein Paar, das sich noch nicht ganz im Leben eingerichtet hat. Sie ist Pressefrau in der Musikbranche, er Architekt mit großen Visionen und kleinen Aufträgen. Sie ist dominant und extrovertiert, er zurückhaltend und unsicher. Sie weiß um seine Stärken und Schwächen, er drückt sich um beides. Durch den Besuch eines erfolgreichen Freundespaares mit offenbar klassischer Rollenverteilung beginnen sich die Kräfteverhältnisse und Konstellationen zu verschieben. Plötzlich gibt Chris den Macker, der seine Freundin vor den anderen runterputzt und betrunken in den Pool wirft. Sie kauft sich ein Kleid, das ihr nicht steht, passt sich an – und verweigert sich wieder. Es beginnt ein großes Hin und Her, ein Kampf um Macht und Anerkennung, bei dem Träume und Ideale verhandelt und Illusionen zerstört werden. Über zwei Stunden hinweg und mit großartigen Schauspielern entfaltet Maren Ade dieses Drama der Liebe und der Geschlechterrollen. Am Ende, nach aufgepeitschten Diskussionen und Demütigungen, nach Küssen und Sex, Beschimpfungen und Zärtlichkeiten, steht ein Paar, das sich trennen oder neu erfinden muss.

In Alle anderen wie in About Elly beobachtet die Kamera Menschen, die anders als die anderen sein wollen, sich aber dennoch genauso wie sie verhalten. Beide Filme führen nicht ihre Figuren vor, sondern die Muster, in die sie zurückfallen. Und gemeinsam zeigen sie, dass man hier wie dort keineswegs so frei und offen und selbstbestimmt ist, wie man zu sein glaubt.