Berlinale 2009 Festival der Heldinnen
Das Filmfest zeigt starke Frauen, die ohne große Worte und Gesten ihr Ding machen
Manchmal gibt es auf Filmfestivals diesen Moment, in dem der Kopf des Vordermannes das halbe Bild und die Untertitel verdeckt und man ganz froh ist, statt auf die Leinwand ein wenig in sich hinein blicken zu dürfen. Dann wieder kommt der Moment, in dem die Augen ein Stückchen weiter aufgehen, Sehen und Erkennen eins werden und Entferntes zueinanderrückt. Zum Beispiel wenn zwei Bilder im Gedächtnis bleiben und sich nach einer Weile ineinanderblenden: Das eine stammt aus einem iranischen Film und zeigt eine Frau, die in einem Ferienhaus an einem Tisch sitzt, erschüttert von sich selbst und ihrem Verrat an einer anderen Frau. Das andere Bild, aus einem deutschen Film, zeigt eine junge Frau, die fassungslos in der Küche eines Ferienhauses steht, nachdem ihr betrunkener Freund sie in den Swimmingpool geworfen hat.
Was hat Asghar Farhadis Film About Elly, dessen iranische Heldinnen mit Kopftuch in die Sommerfrische fahren, mit Maren Ades Alle Anderen zu tun, dessen weibliche Hauptfigur die erste Dreiviertelstunde im Bikini durch den Ferienort läuft? Und was verbindet eine Familie der iranischen Mittelschicht mit einem jungen deutschen Paar aus der sogenannten Kreativbranche? In About Elly folgt Farhadi einer Freundesgruppe aus Teheran bei einem Ausflug ans kaspische Meer. Die Ferienvilla ist groß und heruntergekommen, die Atmosphäre heiter und auch ein bisschen erotisiert. Begleitet von einer behänden Kamera, isst, singt und spielt man gemeinsam. Nebenbei soll die ebenfalls eingeladene Kindergärtnerin Elly mit einem frisch geschiedenen Mann verkuppelt werden. Als die unverheiratete, aber offenbar verlobte junge Frau bei einem tragischen Vorfall spurlos verschwindet, fürchten die Ausflügler um ihr Ansehen. Aus Dialogen und erhitzten Diskussionen formiert sich eine gnadenlose Entledigungsstrategie: Eine Lüge soll Ellys Ruf zerstören, um den der anderen zu retten.
Die schwierigste Jury-Entscheidung: Wer ist die beste Hauptdarstellerin?
About Elly zeigt eine iranische Turnschuh- und SUV-Generation selbstbewusster Mittdreißiger, die zwar demokratisch über das Abendessen diskutieren, angesichts des Unglücks aber in tradierte Verhaltensmuster und Moralvorstellungen zurückfallen. Die westlich anmutende Offenheit entblößt sich als von ihnen selbst nicht durchschaute Fassade. Währenddessen tobt draußen das Meer, wütend und immer lauter, als habe es sich mit der Verschwundenen verbündet.
Auch in Maren Ades deutschem Wettbewerbsfilm Alle Anderen wird ein Ferienaufenthalt zum Prüfstand der Selbstbilder und Lebensweisen. Auch in diesem Film schaut man den Figuren beim Sprechen und beim Streiten zu. Und auch hier entspinnt sich ein so feinfiebrig wie klug erzähltes Drama, dem man gebannt und immer wieder auch belustigt zuschaut.
Birgit Minichmayr und Lars Eidinger spielen Gitti und Chris, ein Paar, das sich noch nicht ganz im Leben eingerichtet hat. Sie ist Pressefrau in der Musikbranche, er Architekt mit großen Visionen und kleinen Aufträgen. Sie ist dominant und extrovertiert, er zurückhaltend und unsicher. Sie weiß um seine Stärken und Schwächen, er drückt sich um beides. Durch den Besuch eines erfolgreichen Freundespaares mit offenbar klassischer Rollenverteilung beginnen sich die Kräfteverhältnisse und Konstellationen zu verschieben. Plötzlich gibt Chris den Macker, der seine Freundin vor den anderen runterputzt und betrunken in den Pool wirft. Sie kauft sich ein Kleid, das ihr nicht steht, passt sich an – und verweigert sich wieder. Es beginnt ein großes Hin und Her, ein Kampf um Macht und Anerkennung, bei dem Träume und Ideale verhandelt und Illusionen zerstört werden. Über zwei Stunden hinweg und mit großartigen Schauspielern entfaltet Maren Ade dieses Drama der Liebe und der Geschlechterrollen. Am Ende, nach aufgepeitschten Diskussionen und Demütigungen, nach Küssen und Sex, Beschimpfungen und Zärtlichkeiten, steht ein Paar, das sich trennen oder neu erfinden muss.
In Alle anderen wie in About Elly beobachtet die Kamera Menschen, die anders als die anderen sein wollen, sich aber dennoch genauso wie sie verhalten. Beide Filme führen nicht ihre Figuren vor, sondern die Muster, in die sie zurückfallen. Und gemeinsam zeigen sie, dass man hier wie dort keineswegs so frei und offen und selbstbestimmt ist, wie man zu sein glaubt.
Private Dramen, in denen sich die globalen Erschütterungen spiegeln, Schaufenster der Wirtschaftskrisenfilme – was wurden dieser Berlinale im Vorfeld doch für Trends angedichtet! Die Festivalwirklichkeit hat die Mutmaßungen schnell über den Haufen geworfen. Ein Thriller, in dem ein böser Banker vorkommt, ist noch kein Kommentar zur Bankenkrise. Und wenn von 400 Filmen einer die Entstehung des Neoliberalismus dokumentiert, wird ein Festival noch nicht politisch. Eines aber lässt sich jetzt schon sagen: Die schwierigste Entscheidung der Jury unter Vorsitz von Tilda Swinton wird die über die beste Hauptdarstellerin sein. Kerry Fox zum Beispiel spielt in dem deutschen Wettbewerbsbeitrag Der Sturm (Regie: Hans-Christian Schmid) eine Juristin in Den Haag mit einer so überzeugenden Mischung aus Einsamkeit, Karrierewillen und Gerechtigkeitssinn, dass man ihr statt des Silbernen Bären fast lieber eine Beförderung zur Oberstaatsanwältin wünschen würde.
Als Staatsanwältin Hannah Maynard versucht sie, am Internationalen Gerichtshof einen serbischen Kriegsverbrecher hinter Gitter zu bringen. Als sie die entscheidende Zeugin findet, zerfleddert die Anklage in einer sich verselbstständigenden Gerichtsbürokratie und den diplomatischen Rücksichten auf ein zukünftiges EU-Land. Der Sturm ist weder Thriller noch Gerichtsfilm. Er ist die Chronik einer Anklage, eine nüchterne Konfrontation von Moral und Rechtsbegriffen, ein Laufsteg für das schauspielerische Understatement von Kerry Fox. Schmid filmt sie an Unorten: In Hotelzimmern, nüchternen Büros, Behördenfluren, vor serbischen Plattenbauten, beim Ortstermin in abgerissenen serbischen Sträßchen. Ihr Businesskostüm wirkt wie eine hastig übergeworfene Uniform, ihre Entschlossenheit ist nicht die einer Heldin sondern eines Spürhunds. Am Ende muss sich Maynard entscheiden zwischen Recht und Gerechtigkeit. Aber auch diesen Augenblick spielt Fox so unheroisch, dass man ihn fast verpassen könnte.
Eröffnen wir also einen kleinen Subtrend: die Berlinale, das Festival der Heldinnen, die ohne große Worte und Gesten ihre Sache durchziehen. Auch Alexandra Lamy macht in François Ozons Film Ricky wenig mehr als das Allernotwendigste, was umso schwerer ist in einem Film mit derart abgedrehter Handlung. Als alleinerziehende Fabrikarbeiterin Katie sieht man Lamy ein Leben im Rhythmus des Jobs führen. Katie verliebt sich in einen Kollegen und bekommt ein zweites Kind. Spuren deuten auf die Misshandlung des Kleinen.
Diesen Sozialrealismus überhöht Ozon mit einer fantastischen Ebene. Dass Ricky dabei nicht auseinanderbricht, liegt an Alexandra Lamys Figur. Ruhigen Auges blickt sie auf alle Absurditäten und hält den abgehobenen Film am Boden. Vielleicht ist Ricky eine Wunschfantasie, in der sich Katie zur Engelsmutter stilisiert. Ein Traum seiner Heldin, durchgeknallt und schrill. Aber auch zutiefst traurig, weil wir nur ahnen können, was er verdeckt.
Der schönste Film der Berlinale ist auch der schrecklichste
Man muss diese Filmheldinnen einfach bewundern. Gern würde man sie auch ein bisschen vor der Welt beschützen, wenn sie durch Kriegsverbrechen und Kinofantasien wandeln, ernst und eins mit sich selbst und ihrer Sache. Am unerschütterlichsten aber ist Katalin Varga. Wahrscheinlich weil sie schon alle Erschütterungen hinter sich hat.
Katalin Varga von Peter Strickland ist der Monolith im Wettbewerb der Berlinale. Womöglich ist es der schönste Film des Festivals. Aber auch der Schrecklichste. Nicht nur wegen seiner Handlung: Eine Frau zieht aus, den Mann zu suchen, der sie vor zehn Jahren vergewaltigt hat. Ihr eigener Mann hat sie verstoßen, nachdem er erfuhr, dass er nicht der Vater ihres Sohnes ist. Im Pferdewagen und mit dem Jungen fährt Katalin (Hilda Péter) durch eine zeitlose osteuropäische Landschaft. Irgendwo hinter grünen Wiesen und sonnenüberfluteten Hügeln wird sie den Vergewaltiger finden. Aber wer ist diese Frau? Ein Racheengel? Eine Flüchtende? Eine mythische Gestalt? Manchmal hält der Film inne, und der Pferdewagen scheint zu schweben. Man möchte ihn für immer anhalten und Katalin Varga herausreißen aus dieser archaischen Geschichte von Schuld und Sühne. Tröstlich ist allein, dass sie mit einem Berlinale-Bären enden wird.
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- Datum 13.02.2009 - 10:09 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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wer die Kunst des Lichtes und der Farben versteht richtig zu inszenieren, der beherrscht die Leinwand, so wie ein Autor, der seine weißen Blätter füllt, und seine gezeichnete Gärung reklamierend zugleich als Erfolg herbeischreit. Aus einem kollektiven Szenario wird ein Gedanke, der berauschen soll. Dererlei komplexe Schönheit allzumal und gern die Deutschen in den Bann der Faszination verketten kann oder soll. Aber wie lieblich sich diese fremden Lippen berühren.
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