BÜCHER MACHEN POLITIK Kouchners Geschäfte
Ein Buch bringt den Außenminister von Frankreich in Not
Der Journalist Pierre Péan hat schon zweimal den Lauf der französischen Geschichte geändert. Vor dreißig Jahren enthüllte er, dass der zentralafrikanische Despot Jean-Bedel Bokassa dem damaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing kostbare Diamanten geschenkt hatte. Die Affäre trug zur Niederlage d’Estaings gegen François Mitterrand bei, der 1981 Präsident wurde. Dem Sozialisten erging es nicht besser: Péan wies nach, dass Mitterrand dem profaschistischen Vichy-Regime gedient hatte, bevor er sich der Résistance anschloss – ein Umstand, über den der Präsident stets geschwiegen hatte.
Der heute 70-jährige Péan ist ein Journalist der alten Schule, nimmt sich Zeit, befragt seine Zeugen mehrmals und sucht entlegene Archive auf. Jetzt hat er noch einmal zugeschlagen. Le monde selon K. heißt sein soeben erschienenes Buch, also »Die Welt, wie K. sie sieht« . K. steht für den französischen Außenminister Bernard Kouchner. Als Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen bekannt geworden, taucht er seit Jahren als Politiker an internationalen Krisenherden auf, möglichst zeitgleich mit den Fernsehkameras. Der ehemalige Linksradikale war Minister in mehreren sozialistischen Regierungen und ist es jetzt unter Nicolas Sarkozy.
Doch nun ist Kouchners Ruf als rasendes Weltgewissen ramponiert. Péan zufolge soll er in jener Zeit, in der er zwar nicht Minister, wohl aber Chef einer staatlichen Gesundheitsorganisation war, mit afrikanischen Diktatoren hoch dotierte Beratungsaufträge über Reformen des Gesundheitswesens in deren Ländern eingefädelt haben. Als er dann Mitarbeiter der Gesundheitsorganisation mit ins Außenamt am Quai dOrsay nahm, hätten diese mit frisch gewonnener Autorität bei den Afrikanern auf die Bezahlung offener Beträge gedrängt.
Bis der Leser in Péans Buch auf die konkreten Vorwürfe stößt, muss er sich allerdings durch zweifelhafte Thesen zur Rolle Frankreichs in Ruanda und zur französischen Außenpolitik im Allgemeinen wühlen. Kouchner sei eine »öffentliche Gefahr«, schreibt Péan. Denn er träume davon, »fünfzig Jahre unabhängiger französischer Außenpolitik zunichte zu machen«. Als wenn es darauf ankäme, wovon Kouchner träumt! Schließlich werden die wichtigen Dossiers der Außenpolitik im Präsidentenpalast verfasst und nicht im Außenministerium auf der anderen Seite der Seine. Doch der Autor verbeißt sich in diese Vorstellung, wittert allenthalben antigaullistischen Selbsthass sowie Machenschaften jener »pro-amerikanischen Intellektuellen, die früher mal extrem links standen«. Gemeint ist damit vor allem Kouchners Freund, der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der im Geiste eines »angelsächsischen Kosmopolitismus« die eigene Nation verachte.
Péan, wahrlich kein geschichtsvergessener Autor, wird gewusst haben, welche Töne er anschlägt. Es sind solche Formulierungen, die seinem Buch einen Teil der Wirkung nahmen. Inzwischen aber steht Kouchner wieder im Mittelpunkt der Debatte: In der Assemblée nationale zu einer Erklärung aufgefordert, windet sich der Angegriffene, baut Verteidigungsstellungen auf, die von einer mittlerweile aufgewachten Presse durch weitere Enthüllungen zunichte gemacht werden. Fällt Kouchner, so haben jene gewonnen, die als Quelle der Informationen Péans infrage kommen: die gaullistische Minderheit im Élysée, Reformverlierer am Quai d’Orsay sowie jene Linken, die dem Politstar seinen Seitenwechsel in das Kabinett Sarkozys nie verziehen haben.
- Datum 12.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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