Hätte Volker Kilgus vor zehn Jahren jemand gesagt, dass er einmal in einem Schloss leben und elf Kinder haben würde, er hätte laut gelacht und gerufen: »Erzähl keine Märchen!« Damals war Kilgus gerade durch einen dieser Zufälle, die ihn so durchs Leben trieben, in einem Autohaus gelandet, zuständig für Markenstrategien, Verkäuferschulungen, Hausmessen und die Kundenzeitung. Eigentlich war er Gymnasiallehrer für Biologie und Sport, aber das hatte Kilgus etliche Jahre fast vergessen. Inzwischen ist er wirklich angekommen, auf Schloss Hohenwehrda, hoch oben auf dem Berg mit weitem Blick auf die winterlich kargen Wiesen des Haunetals in Hessen. Wie jeden Morgen sitzt er pünktlich um halb acht an der langen Frühstückstafel, neben ihm Anastassija, Theresah, Chantal, Daniel, Max und all die anderen. Volker Kilgus wohnt jetzt im Internat und lebt mit elf Jugendlichen wie in einer Familie zusammen. »Seine« Kinder sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. Sie haben vieles hinter sich gelassen, ihre vertraute Schule, die alten Freunde, ihre Mütter und Väter. 14 Familieneltern gibt es an der Hermann-Lietz-Schule Schloss Hohenwehrda – Lehrer, die nach dem Unterricht nicht nach Hause flüchten, sondern bleiben, um im Rhythmus der Schüler im Internat zu leben.

Sie haben sich einander nicht ausgesucht, Vater Kilgus und seine Kinder. Wer nach Hohenwehrda kommt, wird einer Familie zugewiesen, und für Volker Kilgus beginnt mit jedem Neuzugang das nächste Abenteuer. Denn nicht alle Kinder beginnen ihr Internatsleben mit romantischen Hanni und Nanni- Erwartungen, manch einer fühlt sich regelrecht »abgeschoben«, andere vergleichen das starre Reglement der Lietz-Schule hinter vorgehaltener Hand schon mal mit Alcatraz.

Das Leben, aus dem sie kommen, scheint hier oben im Schloss unendlich fern. Die Tage vergehen zwischen Klassenräumen, Speisesaal, Gildenarbeit, Lernzeit und Dreibettzimmern. Das Internat hat 130 Schüler und 30 Lehrer und Sozialpädagogen, ein paar Schafe, zwei Pferde, eine Schreinerei und eine Gärtnerei und im Sommer einen Pool. Fluchtgedanken mag da manch einer hegen, aber jeder »Ausgang« muss angemeldet werden. Niemand darf sich weiter entfernen als ins zwei Kilometer nahe Dorf Wehrda. Dort haben die Schüler die Wahl, im einzigen Laden ihren Süßigkeitenvorrat aufzustocken oder bei »Käthe«, der 78-jährigen Besitzerin der Dorfkneipe, ihr Herz auszuschütten und dabei die zwei Bier zu trinken, die ab 16 erlaubt sind. Wer das Internat unerlaubt verlässt, muss Strafe fürchten, einen Waldlauf früh am Morgen, in eisiger Luft, wenn alle noch schlafen.

Volker Kilgus ist es, der darüber wacht, dass alle Regeln eingehalten und alle Strafen verbüßt werden. Seit fast fünf Jahren arbeitet der 52-Jährige Tür an Tür mit den Jugendlichen, die aus Fulda, Bremen oder München kommen. Weil sie ihre Noten verbessern wollen oder weil ihre Eltern eine Alternative zur Staatsschule suchten oder einen Ausweg aus G8, dem verkürzten Gymnasium. 2300 Euro zahlen sie jeden Monat für die Privatschule und den Platz ihrer Kinder in der Kilgus-Familie.

Der Internatsvater erlebt die Kinder als Lehrer und Betreuer. Vormittags gibt er ihnen Noten, abends schauen sie zusammen Tatort. Er weiß, wer in wen verliebt ist, wer sich einsam fühlt. Er ist für sie da, wenn sie heulend in seiner Küche sitzen. Feierabend kennt Kilgus erst, wenn die elf Mädchen und Jungen schlafen und das Klopfen an seiner Wohnungstür endlich aufhört.

»Wer bei uns Familienvater wird, der entscheidet sich für einen Lebensstil und nicht dafür, nur einen Beruf auszuüben«, sagt Sabine Hasenjäger, die Schul- und Heimleiterin von Schloss Hohenwehrda – sie selbst lebt dieses Leben seit über 30 Jahren. »Die Kinder müssen merken, da lebt einer gerne mit ihnen zusammen. Und wer es nicht schafft, jedes Einzelne dieser Kinder zu mögen, der ist hier fehl am Platz.«

Volker Kilgus überzeugte die Schulleiterin auch durch seinen schillernden Lebenslauf – im Internat braucht sie Pädagogen, die sich für mehr interessieren als nur für ihr Fach. Sie sucht nach Menschen, die viele Begabungen haben und die Kinder begeistern können. Volker Kilgus führt zwei Schülerunternehmen, gibt die Schloßpostille heraus und meditiert mit den Kindern. Bevor er ins Internat kam, war er Lokaljournalist, leitete ein Pressebüro, gründete eine Eventagentur, arbeitete im Autohaus. Nach Ausbildungen zum Systemcoach und als Mediator zog es ihn doch wieder in die Klassenzimmer. »Aber vor 20 Jahren hätte ich diesen Job hier im Internat noch nicht durchgehalten«, sagt er heute.

Es ist Donnerstagvormittag. Mit knallrotem Gesicht kommt Volker Kilgus aus einem Elterngespräch. »Jetzt dröhnt der Kopf ganz schön«, sagt er in breitem Hessisch, fährt sich durch die wilde grau-blonde Mähne und steckt sich eine Zigarette an. Es ging um ein Mädchen seiner Familie – und die gescheiterte Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der Vater spielt wie in so vielen Familien keine Rolle mehr. Vor Kurzem hat Volker Kilgus in einigen Klassen eine Umfrage gemacht, welche Kinder aus welchen Familienstrukturen kommen. Nicht mal 50 Prozent der Kinder gehörten noch einer klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie an. Es hatte selbst die Kinder überrascht, wie viele von ihnen allein mit der Mutter oder in neu zusammengewürfelten Patchworkfamilien lebten. »Im Grunde sehnen sich die Kinder nach der Struktur und Berechenbarkeit einer ganz normalen Familie«, sagt Kilgus. Und das gelte für alle. Egal, welcher gesellschaftlichen Schicht sie angehören, ob ihre Eltern wohlhabend sind oder arbeitslos. Für 20 Prozent der Schüler auf Schloss Hohenwehrda übernimmt das Jugendamt die Kosten für den Internatsplatz. Oftmals, weil es für diese Kinder besser ist, nicht in ihren kaputten Familien zu leben.

»Sorgen Sie dafür, dass mein Kind auch zu Hause so ist«, fordern die Eltern

Volker Kilgus hat einen eng gestrickten Tagesplan. Er muss den Stand der Jahresarbeiten kontrollieren, die Infoveranstaltung für die Malta-Reise vorbereiten und zur Lehrerkonferenz. Drei Mädchen aus seiner Familie warten bereits mit ihren Jahresarbeiten in seinem Arbeitszimmer. Der Familienvater hat nun wieder in die Rolle des Lehrers zu schlüpfen. Chantal fummelt nervös an einem gelben Stoffbeutel herum. Als sie an die Reihe kommt, zögert sie, ihren Hefter herauszuziehen. »Ich hab nur ein bisschen, und das ist scheiße«, sagt sie. Unzufrieden blättert Volker Kilgus durch die spärlichen Aufzeichnungen. Er könnte jetzt drohen: Die Lehrerkonferenz hat festgelegt, dass alle Arbeiten eine Note herabgesetzt werden, die jetzt noch nicht weit genug sind. Ostern ist Abgabe. Stattdessen schlägt Kilgus vor, dass sich Chantal am nächsten Wochenende zu ihm ins Büro setzt und intensiv an der Arbeit schreibt. Sie nickt und geht.

Aus Abneigung gegen die »seelenlose Staatsschule« gründete der Pädagoge Hermann Lietz seine »Erziehungsschulen« – die erste entstand 1898 in Ilsenburg. Noch heute verstehen sich die 20 Landerziehungsheime in Deutschland als Lebens- und Entwicklungsraum, in dem Kopf, Hand und Herz gleichermaßen gefördert werden sollten. Auf die Beziehungen zu den Kindern komme es dabei an, darin sind sich die Pädagogen auf Schloss Hohenwehrda einig. Wenn es mehr Nähe zu den Erwachsenen gebe, mehr Berührungspunkte im gemeinsamen Alltag, dann funktioniere auch der Unterricht besser.

Aber was sind das für Menschen, die den Beruf des Lehrers zur Lebensform machen, um mit Kindern zu leben, die Fremde ihnen anvertrauen? Manche kämen als lonely wolves nach Hohenwehrda, sagt Volker Kilgus, als einsame Wölfe, die selbst kein Glück hatten, eine intakte Familie zu gründen oder zu erhalten. Volker Kilgus kam als alleinerziehender Vater. Inzwischen geht sein Sohn Paul auf die benachbarte Lietz-Schule Schloss Bieberstein, um dort Abitur zu machen. Seltsam sei das gewesen, plötzlich das eigene Kind aufs Internat zu schicken, sagt Volker Kilgus. Vor Kurzem hatte Paul Geburtstag, er wurde 17. Für Kilgus Anlass genug, ein paar Flaschen Sekt und Zigaretten nach Bieberstein zu schmuggeln.

Auf Schloss Hohenwehrda sollte das natürlich niemand wissen. Die strengen Internatsregeln gehen Kilgus manchmal fast zu weit. »Wenn ich mir überlege, was ich in dem Alter angestellt habe, finde ich die Kinder hier eher harmlos«, sagt er. Kilgus hat herausgefunden, dass es den Jugendlichen in seiner Gruppe viel unangenehmer ist, sein Vertrauen zu missbrauchen, als eine Regel zu brechen, und darauf setzt er. Aber es kann lange dauern, bis das Vertrauen überhaupt da ist. »Ich erinnere mich an ein Mädchen, die hat wochenlang nur geweint und gezittert, ständig gebrochen. Sie hat sich mit ihrem gesamten Körper gegen dieses Internat gewehrt«, sagt Kilgus. Der Moment, in dem ein Kind ihn zum ersten Mal anlächelt, ist für Kilgus der Durchbruch. Dann weiß er: Von jetzt an wird es leichter.

Er hat gerne die Älteren in seinen Familien, die Bockigen und Hartnäckigen. Nicht selten schickt die Internatsleitung die schwierigen Fälle in die Kilgus-Familie. Die Internate profitieren nicht unwesentlich davon, dass Eltern gerade in der Pubertät an ihren Kindern verzweifeln. Viele kommen, wenn die Zeit der großen Zerrissenheit so richtig an den Familienbanden kratzt, Schulnoten versaut und jede Diskussion im Streit enden lässt. »Die meisten Eltern haben nie gelernt, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Aber genau das erwarten sie jetzt von uns«, sagt Volker Kilgus. Und schnell fragen sie sich, was dieser Mann wohl hat, was sie nicht haben. Warum die Kinder »Herrn Kilgus zuliebe« das Zimmer aufräumen. Warum er ihre Offenheit gewinnt. »Sorgen Sie dafür, dass mein Kind auch zu Hause so ist«, fordern sie dann.

Ihn können sie nicht beeindrucken mit ihren großen Wagen, ihren Villen, ihrem Reichtum. Er weiß, dass all das nichts verrät über die Beziehungen, die sie miteinander führen. Kilgus kann die Marken, die die Mädchen und Jungen tragen, kaum aussprechen. Wer ihm imponieren will, braucht zum Frühstück noch keinen Lidschatten zu tragen. Vielleicht verehren die Kinder diesen bärtigen Mann gerade deshalb so, weil er ein Typ ist, den sie in ihren Familienstrukturen so nie angetroffen haben, der sich einen Teufel drum schert, wie seine Haare heute wieder liegen und ob sein Fleece-Pullover blau oder rot ist.

»Herr Kilgus ist der Beste, das weiß ich, obwohl ich erst seit drei Wochen hier bin«, sagt die 16-jährige Laura, die gerade den Tisch für den Raclette-Abend deckt. Jeden Donnerstag ist Familienabend im Internat, und die Kilgus-Familie hat sich in dieser Woche für ein üppiges Abendessen im Schloss entschieden. In der Küche von Volker Kilgus schneiden die Mädchen Fleisch und Gemüse, die Jungen holen Getränke. Kartoffeln soll es auch geben, aber wie kocht man die noch mal? Als Chantal und Theresah die letzten Paprikaschoten klein geschnippelt haben, setzen sie sich zu ihrem Familienvater an den Küchentisch. »Herr Kilgus, sagen Sie ehrlich, was haben Sie gedacht, als Sie mich zum ersten Mal gesehen haben? Wirklich, ehrlich!«, fragt Theresah. Und Chantal will es auch wissen. Sie gieren nach seiner Nähe, nach seiner Wertschätzung. In diesem Moment scheint die Küche ihres Familienvaters wirklich zu einer Art Zuhause für die beiden Mädchen geworden zu sein.

Volker Kilgus ist keiner, der sich als Freund anbiedert, er hält mehr von klarer Linie

Später sitzt die Kilgus-Familie brav am Tisch und packt sich ihre Raclette-Pfannen voll mit Schinken und Käse. Die Jugendlichen reden leise, kichern verlegen. Als der Hunger nicht mehr so groß ist, fangen sie an zu erzählen. »Ich wäre fast geflogen«, sagt der eine. Der andere nickt: »Na, ich doch auch.« Max hat sich geprügelt, danach wurde er für ein Wochenende von der Schule suspendiert, um zu sich zu kommen. Es folgten drei Tage »Dauergespräch« mit den Eltern in Berlin. Für Nikolas war die Versetzung in die Kilgus-Familie die letzte Chance. »Die Strafe war für mich eher ein Glücksfall«, sagt er trocken. Chantal war kaum angekommen, da stand ihre Zukunft schon auf dem Spiel. »Sie hätte um ein Haar das Haus abgefackelt«, sagt Kilgus leise. Eine Woche lang wurde sie in die Fremde geschickt, in die Lietz-Schule nach Haubinda in Thüringen, um dort im Garten zu arbeiten.

Große Erwartungen lasten auf den Kindern und Jugendlichen, aber auch auf Volker Kilgus. Die Eltern erwarten, dass das Kind endlich so funktioniert, wie sie es wollen. Der Internatsvater hat ein einfaches Rezept. Er gibt den Jugendlichen das, was sie zu Hause nicht finden. »Eine klare Linie, Ansprache, Reibungsfläche und das Gefühl, dass jemand für sie da ist.« Kilgus ist keiner, der sich als Freund anbiedert. »Die wollen keine Erwachsenen, die glauben, sie müssten die Pubertät noch einmal mitmachen, um ihre Kinder besser zu verstehen. Die wollen sich abgrenzen.« Viele Eltern könnten das aber nicht ertragen. Das kann so weit führen, dass die Jugendlichen am Heimfahrtswochenende lieber im Internat bleiben wollen. Aus Angst vor dem ewigen Streit. Vor ein paar Jahren hat Kilgus einen Jungen aus Berlin übers Wochenende einfach mit zu sich genommen. Der Mutter war es recht, und der Junge atmete auf. Und Kilgus? Blieb wie immer gelassen: »Ich leb halt damit, und dann ist die Tür eben auch offen.«

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