Internat "Herr Kilgus ist der Beste"Seite 3/3
»Herr Kilgus ist der Beste, das weiß ich, obwohl ich erst seit drei Wochen hier bin«, sagt die 16-jährige Laura, die gerade den Tisch für den Raclette-Abend deckt. Jeden Donnerstag ist Familienabend im Internat, und die Kilgus-Familie hat sich in dieser Woche für ein üppiges Abendessen im Schloss entschieden. In der Küche von Volker Kilgus schneiden die Mädchen Fleisch und Gemüse, die Jungen holen Getränke. Kartoffeln soll es auch geben, aber wie kocht man die noch mal? Als Chantal und Theresah die letzten Paprikaschoten klein geschnippelt haben, setzen sie sich zu ihrem Familienvater an den Küchentisch. »Herr Kilgus, sagen Sie ehrlich, was haben Sie gedacht, als Sie mich zum ersten Mal gesehen haben? Wirklich, ehrlich!«, fragt Theresah. Und Chantal will es auch wissen. Sie gieren nach seiner Nähe, nach seiner Wertschätzung. In diesem Moment scheint die Küche ihres Familienvaters wirklich zu einer Art Zuhause für die beiden Mädchen geworden zu sein.
Volker Kilgus ist keiner, der sich als Freund anbiedert, er hält mehr von klarer Linie
Später sitzt die Kilgus-Familie brav am Tisch und packt sich ihre Raclette-Pfannen voll mit Schinken und Käse. Die Jugendlichen reden leise, kichern verlegen. Als der Hunger nicht mehr so groß ist, fangen sie an zu erzählen. »Ich wäre fast geflogen«, sagt der eine. Der andere nickt: »Na, ich doch auch.« Max hat sich geprügelt, danach wurde er für ein Wochenende von der Schule suspendiert, um zu sich zu kommen. Es folgten drei Tage »Dauergespräch« mit den Eltern in Berlin. Für Nikolas war die Versetzung in die Kilgus-Familie die letzte Chance. »Die Strafe war für mich eher ein Glücksfall«, sagt er trocken. Chantal war kaum angekommen, da stand ihre Zukunft schon auf dem Spiel. »Sie hätte um ein Haar das Haus abgefackelt«, sagt Kilgus leise. Eine Woche lang wurde sie in die Fremde geschickt, in die Lietz-Schule nach Haubinda in Thüringen, um dort im Garten zu arbeiten.
Große Erwartungen lasten auf den Kindern und Jugendlichen, aber auch auf Volker Kilgus. Die Eltern erwarten, dass das Kind endlich so funktioniert, wie sie es wollen. Der Internatsvater hat ein einfaches Rezept. Er gibt den Jugendlichen das, was sie zu Hause nicht finden. »Eine klare Linie, Ansprache, Reibungsfläche und das Gefühl, dass jemand für sie da ist.« Kilgus ist keiner, der sich als Freund anbiedert. »Die wollen keine Erwachsenen, die glauben, sie müssten die Pubertät noch einmal mitmachen, um ihre Kinder besser zu verstehen. Die wollen sich abgrenzen.« Viele Eltern könnten das aber nicht ertragen. Das kann so weit führen, dass die Jugendlichen am Heimfahrtswochenende lieber im Internat bleiben wollen. Aus Angst vor dem ewigen Streit. Vor ein paar Jahren hat Kilgus einen Jungen aus Berlin übers Wochenende einfach mit zu sich genommen. Der Mutter war es recht, und der Junge atmete auf. Und Kilgus? Blieb wie immer gelassen: »Ich leb halt damit, und dann ist die Tür eben auch offen.«
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- Datum 05.08.2009 - 08:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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Ganztagsschule par excelence?
Der einzige Haken: 2300€ monatlich.
Ein sehr informativer und für angehende Lehrer durchaus motivierender Artikel. Schülerinnen und Schülern ein Zuhause zu geben, die Schule vom sozialen Mittelpunkt des Lebens zum Mittelpunkt des Lebens zu machen, an dem man sich gern aufhält, ist die größte Herausforderung für das deutsche Schulsystem. Leider fliehen die guten Pädagogen allzu häufig an gymnasiale Schulformen - mir ist bedauerlicherweise kein Hauptschul-Internat bekannt.
Deutschland ist in Fragen der Bildung schon seit Entstehung seines heutigen Schulsystems in der Weimarer Republik zu Eliten- und Resultatfixiert geblieben, um europäischen Vorbildern folgen zu können. Der Umbau wird sehr viel Zeit und Personal kosten. Allein der Mangel persönlicher Arbeitsplätze für die Lehrer an den Schulen verhindert Aufenthalt über die Pflichtzeiten hinaus. Leider trägt die Journaille nicht selten zu falschen Erwartungen an die Reformierbarkeit des Schulsystems bei.
Wenn man einmal etwas genauer untersucht, mit wieviel Energieaufwand sich unsere Unterrichtsvollzugsbeamte in den Du-musst-Schulen in all den Frust und die Krankheit, die viele schon relativ früh in den Ruhestand treibt, hineinarbeiten, dann wäre es eine weitere Untersuchung wert, ob man mit einem etwas schlichteren und weniger verkonstruierten Umgang mit dem Leben nicht ähnliche Wirkungen wie Herr Kilgus überall erlben könnte. Als Ich-kann-Schule-Lehrer verdanke ich jedenfalls zahlreiche Schlüsselerlebnisse, die mir viel gegeben habe, einfachsten Dingen. Zum Beispiel habe ich damit aufgehört, Erdrückung mit Erziehung zu verwechseln oder ich habe geprüft und erkannt, für wie wenig doch der von der Pädagogik allein strapazierte bewusste Verstand tatsächlich zuständig ist, und welch unermessliche Möglichkeiten beim Unbewussten liegen, das die ignorante Pädagogik immer noch links liegen lässt und oft sogar tabuisiert.
Herr Kilgus könnte eine Orientierungshilfe sein, wenn wir nur genau hinschauen (lernen) wollten. Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
Ich war selber auf dieser Schule und weis das es wirklich so ist wie im artikel béschrieben!!!!!:)
Herr Kilgus ist der beste und Internate (das hätte ich damals NIE gesagt)gute Auswege.Schlechte noten,streit,Problem daheim. Das alles ist nich gut für Kinder und abstand ist da einfach perfekt.Alleine würst du selbständiger,erwachsener und lernst so viel fürs leben.
Ohne Ho würd eich heute viel unsicherer sein,hätte nie solche tollen sachen erlebt.Man bekommt klare regeln(die man mehr als einmal brechen würd)und muss mit andern zusammenleben.Das Sozialverhalten und die toleranz anderen gegenüber ist viel ausgebrägter.Natürlich nervt man sich und will heim aber daheim vermisst man seine Freunde und das Internat so sehr da sman sich nach großen ferien immer wieder freunt.
ich war 6 jahre dort und es hat mich sehr gebrägt und enwickelt.
Das liest sich sehr idyllisch.
Hohenwerda ist ein Paradies für Kinder, die von der Staatsschule fertig gemacht wurden. Herr Kilgus ist nicht repräsentativ für die anderen Lietz-Internate, die alle kein eigentliches pädagogisches Konzept haben.
Der relative Schulerfolg liegt in Kasernierung der Schüler, den sehr kleinen Klassen und dass die Jugendlichen rund um die Uhr eingespannt sind.
Von kleinen Klassen mit 12 Schülern profitieren mehr die Lehrer. Evangelische Internate haben Klassengrößen von 18-22 Schülern und kosten etwa die Hälfte der HL-Landerziehungsheime.
Gute Lehrer sind Mangelware. Die staatlichen Schulen habe Probleme, trotz guter Bezahlung und Sicherheit ausreichend gute Lehrkräfte zu bekommen.
Internate haben nur ausnahmsweise gute Lehrer; wer geht denn schon freiwillig die Abgeschiedenheit? Die Internate müssen das nehmen, was "draußen" übrig bleibt.
Vorteile durch den Besuch eines Nobelinternates könnte man durch Bildung von Seilschaften haben.
Ein Leserbriefschreiber bemängelte, dass es kein Internat für Hauptschüler gibt. Hohenwehrda und Haubinda beginnen in der Grundschule.
Internate sind auf jeden Fall eine förderungswürdige Einrichtung, die nicht unbedingt üppige 2.500,00 € im Monat kosten müssen. Interessenten sollten einfach googeln - das Angebot beginnt bei 500,00 € im Monat.
Der Autor hätte etwas genauer, mehr hinter die Fassade schauen sollen. Ganz so dolle ist das ganze nicht.
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