Sprachengymnasium Mandarin in Schnepfenthal
In einer staatlichen Internatsschule in Thüringen können Schüler schon in der sechsten Klasse Arabisch, Chinesisch oder Japanisch lernen
Auf den ersten Blick ist Schnepfenthal einer dieser kleinen, verschlafenen Orte, wie es sie zu Tausenden in Deutschland gibt. Doch am Waldrand, hinter einer kleinen Plattenbausiedlung mit vor sich hin welkenden Fassaden, verbirgt sich eine spannende Schule: die Salzmannschule, Deutschlands einziges auf Fremdsprachen spezialisiertes Gymnasium. In dem staatlichen Internat für sprachbegabte Kinder lernen die Schüler schon in der sechsten Klasse als zweite Fremdsprache Chinesisch, Arabisch oder Japanisch. In Klasse 8 kommt eine dritte, in Klasse 9 eine vierte Fremdsprache dazu. Vor acht Jahren startete Thüringen das Experiment, in diesem Jahr verlassen die ersten vierzig Absolventen das Sprachengymnasium.
Von außen wirkt das 200 Jahre alte, sandfarbene Anwesen, als sei die Zeit stehen geblieben, ein Glockenturm spiegelt sich in einem süßlich-modrig riechenden Teich. Im Inneren der Schule ist man auf dem modernsten Stand. Auf jedem Lehrerpult steht ein Flachbildschirm, mit Beamer wird das Bild auf weiße Wandtafeln projiziert. Die Satellitenanlage auf dem Dach empfängt ausländische Sender. 13 Millionen Euro hat Thüringen in die Sanierung der Schule gesteckt, gerade wird für weitere zwölf Millionen ein neues Wohnheim gebaut. Eine moderne Lernoase am Rand des Thüringer Waldes, die Chancen bieten will in einem Bundesland, in dem in einigen Regionen mehr als 15 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind. Weil deshalb vor allem die jungen Erwachsenen wegwollen, gibt Thüringen laut der Studie »Bildungsmonitor 2008« bundesweit den höchsten Anteil des Länderhaushalts für seine Universitäten und Schulen aus.
Bevor die Salzmannschule zu einen Spezialgymnasium für Sprachen wurde, war sie ein Regelgymnasium. Als »moderne Erziehungsanstalt« hatte sie der Reformpädagoge Christian Gotthilf Salzmann 1784 gegründet, um naturverbundene Zöglinge heranzubilden. Statt Naturnähe hat die Schule heute die Vorbereitung auf den globalen Arbeitsmarkt im Blick. Und so verwundert es nicht, dass sich die meisten Schüler in der sechsten Klasse für Chinesisch als zweite Fremdsprache entscheiden.
Auch die außereuropäischen Fremdsprachen werden von Muttersprachlern wie Shahir Nashed unterrichtet. Der schreibt von rechts nach links arabische Lettern an die Tafel. »Erinnert ihr euch an die Vergangenheitsform?«, fragt er in die Runde von zehn Schülern. Nicht nur wegen der Stelle als Arabischlehrer zog Nashed vor vier Jahren nach Thüringen, wo seine Frau aufgewachsen ist. Er wollte seinem Sohn die Konflikte ersparen, in die er als Christ im islamischen Ägypten geriet. Als er einen arabischen Text über eine Beerdigung vorliest, unterbricht der 17-jährige Josef ihn: »Das ist ja voll teuer, das ganze Dorf einzuladen.« – »Nein, das ist anders als in Deutschland«, erwidert Nashed, »jeder bringt etwas zum Essen mit.« Josefs Nachname Baghdadi verrät, warum der Junge mit dem ernsten Blick seit sechs Jahren Arabisch lernt. Jeden Sommer fährt er die große Familie des Vaters in Damaskus besuchen. »Die Kehllaute waren am Anfang das Schwierigste«, erzählt er in der Pause.
Schulleiter Dirk Schmidt hofft, dass seine Schüler einmal zur Elite Deutschlands gehören. Zu einer geistigen, betont er, die nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängt.
Eine Privatschule hätten sich etwa die Eltern von Julia nicht leisten können. 253 Euro monatlich zahlen sie für Unterkunft und Verpflegung. Die 17-Jährige probt gerade im Speisesaal des Wohnheims ihren Auftritt für ein Schulfest. Sie singt Amy Winehouses Song Rhab, ihre Freundinnen spielen Gitarre und Geige. Die Zeit fürs Musizieren ist hart erkämpft. Vierzig Wochenstunden Unterricht, eine Arbeitsgemeinschaft und soziale Aufgaben wie Nachhilfe für die Jüngeren sind ein enormes Pensum. Vier Fremdsprachen sind Pflicht, Julia lernt neben Chinesisch, Spanisch, Französisch, Englisch auch noch Italienisch. »Ich brauche die vollen Tage und den Druck, um mich konzentrieren zu können«, sagt sie. Neben der Schule macht sie im nahe gelegenen Weimar einen Abschluss als Museumsführerin und spielt in der Kinderserie Schloss Einstein mit – die meisten Mädchen hier kamen durch die Serie auf die Idee, im Internat zu leben. Das Klischee der unscheinbaren Streberin erfüllt Julia mit ihren hüftlangen Haaren und den geschminkten Augen nicht.
»Oh Gott, ich muss für Ethik noch Kants kategorischen Imperativ vorbereiten. Was war das noch mal?«, fragt sie abends im Wohnheim zwei Klassenkameradinnen. »Handle so, dass die Maxime deines Willens zum allgemeingültigen Gesetz werden könnte«, erklärt eines der Mädchen. »Ich muss noch Aristoteles vorbereiten«, sagt die Dritte, »der war voll der Frauenfeind, wie Goethe, der war auch so ein Lustmolch.« Dann diskutieren sie über Shakespeare, der so viel geklaut hätte, aber gut klauen wolle auch gelernt sein.
Manchmal sind die Lehrer von der Cleverness der Kinder überfordert. Als eine Musiklehrerin den elfjährigen Marvin Classen bittet, zu erklären, wovon das Lied Der Winter ist vergangen handelt, erklärt der schmächtige Junge: »Der Winter ist sehr kalt, sodass…« – »Mit einem Satz habe ich gesagt«, unterbricht sie ihn. »Aber ich war doch erst beim Nebensatz«, entgegnet der Kleine selbstbewusst. »Im Winter können Pflanzen halt keine Fotosynthese betreiben«, mischt sich sein Banknachbar grinsend ein. Marvin hat in seiner alten Schule zwei Klassen übersprungen, bevor er nach Schnepfenthal kam. »Ich bin hochbegabt, das weiß ich, seit ich drei bin, da war ich bei einer Psychologin«, erklärt er und schaut auf seine Schuhe. Um an der Schule aufgenommen zu werden, müssen die Salzmanier nicht hochbegabt wie Marvin sein, sondern einen Sprachtest bestehen. Im vergangenen Jahr wurden 55 der 89 Bewerber aufgenommen. Die meisten Eltern leben ein bis zwei Autostunden von Schnepfenthal entfernt. Marvin Classen kommt sogar aus Norddeutschland.
Die Eltern des Arabischschülers Josef sind heute zu Besuch, um einem Verwandten aus Damaskus die Schule zu zeigen. Auch die Tochter der Baghdadis geht auf die Schule. »Für einen arabischen Vater ist es sehr untypisch, seine Kinder wegzugeben«, sagt Faiez Baghdadi. »Für Deutsche ist das auch schwer, auch wenn es in der DDR normaler als im Westen war«, unterbricht ihn seine Frau Annett. Ein privates Internat wäre für den Vater nie infrage gekommen, obwohl er sich das als niedergelassener Internist leisten könnte. »An einer staatlichen Schule müssen sie sich wirklich anstrengen, um in unserer Ellbogengesellschaft eine Chance zu haben.«
In Schnepfenthal bleiben die 400 begabten Kinder unter sich, weshalb sie bei manchen im Ort als Privilegierte gelten. Doch mit dem Begriff Elite können sie nur wenig anfangen. »Jeder hat Sachen, die er gut kann. Nee, Elite sind wir nicht«, sagt Josef.
Josef und Julia machen in einem Jahr ihr Abitur. Julia träumt von New York, sie will sich an einer Musicalschule bewerben.
- Datum 13.02.2009 - 12:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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Soeben las ich den Artikel über die Salzmannschule, die ich selbst besuche.
Ich lese die Zeit wöchentlich, sie ist in einem der hübschen, restaurierten Schulgebäude zu finden, zum Mitnehmen. Bisher hielt ich die Zeitung für eine der Besten, ich lese sehr gern darin. Allerdings ist es traurig festzustellen, das es selbst einer solchen Zeitung nicht gelingt, ein realistisches Portät der Schule zu erstellen. Zuviel wird da abgeschliffen, zurechtgerückt und hinter Schleiern gelassen. Die Interviewten sind Ausnahmefälle, selbst an unserer Schule. Angaben zu einer der erwähnten Personen sind sogar falsch, so viele Sprachen wie Julia zugleich zu erlernen ist nicht möglich, auch bei uns nicht. Es ist schade unsere Schule stets nur einseitig beleuchtet zu sehen, zumal es doch einige Diskrepanzen gibt, und nicht alle davon sind beiseite zu schieben.
Unsere Schule ist ein außergewöhnliches Modell mit guten Ansätzen, aber sie in solch gutes Licht zurücken entspricht nicht der Realität, ist ein bloßes Wunschbild.
soweit,
Anna-Maria,
17,
Schülerin der Salzmannschule
Ein solcher Artikel kann niemals alle Facetten einer Schule enthalten, das ist klar. Wir haben zwei unserer Söhne an der Schule, sind dafür aus Bayern gekommen und haben das verkrustete bayerische Schulsystem gerne für die äußerst motivierten Lehrer und Schüler hier in Thüringen zurückgelassen. Nein, auch hier geht es nicht ohne Differenzen ab, aber hier haben wir Partner an Schule und Internat, die mit uns gemeinsam nach Lösungen suchen und dank echtem Interesse am Kind auch finden. Verbessern kann man immer, und da die Schule bis zu diesem Schuljahr im Aufbau war, muss sich natürlich noch Vieles finden. Aber die Vielfalt im Angebot an die Schüler kann nicht mal ein/e Vollzeitmutter/-vater im Dauerchauffierdienst leisten, abgesehen davon, dass im Internat die Freunde immer noch da sind. Übrigens bietet die TH Illmenau für Schüler ab der 10.KLasse auch noch ein betriebswirtschaftliches Frühstudium an. Der Stundenplan ist darauf abgestimmt und interessierte Schüler können sich zur 10. Klasse neu in der Salzmannschule bewerben. Wir haben viel mitgemacht an Schulen, die gegen die Kinder arbeiten, und haben hier "die beste aller möglichen Welten" gefunden. Aber wer Salzmanns " Ameisenbüchlein" und "Krebsbüchlein" gelesen hat, weiß natürlich, dass von der Pädagogik unseres Schulgründers noch nicht alles umgesetzt wird.
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