STAMMTISCH STÄRNE Alles beim Alten

Was hatte sich Chäschpi gefreut! Aufs Heimkommen selbstverständlich auch, nach einer Woche Skilager, das glücklicherweise ohne Zwischenfälle verlaufen war. Aber die Diskussionen… Immer nur über die Schule. Und so hatte Ruth, seine Ehefrau, gesagt: »Geh schon«, als er nach dem Abendessen vor dem eingeschalteten Fernseher auf und ab tigerte. »Geh schon.« Fast ein bisschen ausgelacht hatte sie ihn.

Als er den Sternen betrat, war die Diskussion voll im Gang. Charlotte schimpfte eben etwas von »Erpressung«. Als Baugewerblerin pflegte sie eine Affinität zur Baumaschinenherstellerin Jasmin Hutter. »Ich sicher nicht«, entgegnete Chäschpi aufs Reizwort. »Ich ämel au ned«, doppelte Peti ohne Brustton der Überzeugung nach. Er hatte einfach Ja gestimmt, weil es vernünftig war, nicht weil er für die Personenfreizügigkeit entflammt gewesen wäre. »Ihr werdet die Verantwortung tragen müssen, wenn unsere Sozialwerke pleite sind«, rief Charlotte, und ihr Gesicht schimmerte fast so rot wie ihr Haar.

»Nein, Charlotte, das ist alles viel zu dramatisch«, sagte Peti mit erstaunlicher Geduld. »Unsere Arbeitslosenzahlen steigen wegen der Wirtschaftskrise wie bei allen anderen auch.« – »Ihr seid doch schweizmüde«, gab sie zurück. »Jetzt gehst du zu weit«, intervenierte Chäschpi. »Euer Lager hat mit einer gefälschten Website versucht, den Stimmbürger zu täuschen. Euer Lager hat Calmy-Rey verklagt. Euer Lager hat Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Trotzdem habt ihr verloren, und der Blocher will bereits eine neue Initiative lancieren. Ihr könnt nicht verlieren, Charlotte, und von Demokratie habt ihr auch keine Ahnung.«

»Das gilt für euch genauso!« In Charlottes Reibeisenstimme klirrten schneidende Höhen mit. »Jetzt wollt ihr sofort der EU beitreten und unsere Souveränität verkaufen.« – »Es ist jetzt das fünfte Mal in Folge«, ereiferte sich Chäschpi, obwohl er noch nicht einmal seine Stange bestellt hatte, »das fünfte Mal in Folge, dass eine EU-Vorlage angenommen wird. Da kann man schon über einen Beitritt nachdenken.«

»Nein, das kann man nicht.« Petis Ton erreichte wieder vertraute Entschiedenheit. »Ich habe Ja gestimmt, aber sicher nicht, weil ich der EU beitreten will, sondern weil die Bilateralen der richtige Weg sind. Das Gerede vom Beitritt ist genauso eine Zwängerei von euch wie die Initiative von Blocher.«

»Es ist nicht wahnsinnig souverän«, spritzte Chäschpi, »wenn wir nur nachvollziehen können, was die EU bereits beschlossen hat. Da geben wir Einfluss leichtfertig aus der Hand.« – »Es ist eben doch Erpressung, da sagst du es selbst«, triumphierte Charlotte, und Chäschpi dämmerte, was Ruth gemeint hatte: »Es ist doch alles beim Alten geblieben.« In ihrer Ehe, in ihrer Liebe, in der Schweiz. Um die ersten beiden Punkte war Chäschpi gottefroh. Silvano Cerutti

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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    • Schlagworte Erpressung | Schweiz
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