Pop Das Denkmal atmet
Morrisseys neuestes Album ist kein Alterswerk – es rockt
Widerborstig winkt wieder die Haartolle vom Cover, sein Markenzeichen seit den Tagen der seligen Smiths. Die hohe Stirn wird würdevoll flankiert von den ergrauenden Schläfen eines demnächst dann doch 50-Jährigen. Unter dem herausfordernd gereckten Kinn spannt sich das obligatorische Fred-Perry-Hemd, lässig hängt ein Arm herab, der andere trägt nachlässig – einen Säugling.
Ein komischer Heiliger, dieser Steven Patrick Morrissey. Mal brachte er ein Maschinengewehr in Anschlag, zuletzt eine Konzertgeige aus dem Hause Stradivari. Nun also posiert der Mann mit einem Kleinkind, dem zu allem Überfluss ein Schmetterling auf die Stirn tätowiert ist. Wobei diese eigentümliche Ikonografie nur verschleiert, was sein neuntes Soloalbum im Kern auszeichnet: Years Of Refusal rockt.
An Morrissey selbst liegt das nicht einmal so sehr, er verkörpert auch hier wieder, was er immer darstellte: einen Crooner alter Schule ohne Scheu vor Melodie und Prätention. Allerdings schlackert ihm diesmal die Musik nicht luftig um die Stimme wie noch bei seinem fulminanten Comeback You Are The Quarry, diesmal sitzt sie körpernah wie eines der engen Shirts, die er so gern trägt.
Schon im ersten Titel spielt die Band wie besessen auf – muskulös schrammelnd, treibend perkussiv, dass es bisweilen die brüchige Empfindsamkeit des Helden zu dementieren scheint. Dessen sperrige Gesangssentenzen spreizen sich über scheinbar endlose Takte, bis sie endlich zum Punkt kommen: »It’s not your birthday anymore, did you really think we meant all those syrupy, sentimental things that we said yesterday?« Und das ist noch eine der maulfauleren Refrainzeilen.
Morrissey wird in England eben nicht grundlos bigmouth genannt: Er ist ein Mann der großen Worte, ein Verwandter Oscar Wildes, der sich im Jahrhundert geirrt hat. Widerwillig nur federt er seine sarkastischen Beobachtungen mit den Stoßdämpfern des Wohlklangs ab, wenn er Oboen oder anderes Bläserwerk aufspielen lässt, hat das immer etwas Spöttisches. Die elegant dahingehauchte Moritat You Were Good In Your Time überrascht sogar mit zwei Minuten voll verfremdeter Walgesänge und Stimmen wie aus einem französischen Film.
Seine Songtitel bestehen gern aus ganzen Sätzen, wie sie am Ende eines melancholischen Films gesprochen werden könnten: That’s How People Grow Up, One Day Good Bye Will Be Farewell. Und, nein, ein Song wie I’m Throwing My Arms Around Paris handelt nicht von Paris Hilton. Gestern Los Angeles, heute Rom, morgen Paris – der alternde Bohemien neigt dazu, seiner kapriziösen Welterfahrung immer neue Lokalitäten anzuverwandeln.
Dass Morrissey dabei nicht in die Schnulzenfalle tappt, spricht für seine Integrität – und seinen künstlerischen Instinkt. »I’m doing very well«, schmettert er schon während der ersten Takte, und es stimmt: Dieses Album stürmt einfach nur vorwärts, getrieben von der ewigen Dreifaltigkeit aus Leben, Lieben und Sterben. Years Of Refusal ist kein Alterswerk: Das Denkmal atmet und lacht. Im Bedarfsfall stürzt es sich selbst vom Sockel.
Morrissey: Years Of Refusal (Polydor/Universal)
- Datum 16.02.2009 - 17:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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