»Als Kind Cello zu spielen ist furchtbar – es ist unmöglich, cool zu sein, wenn dein Instrument größer ist als du.« Der amerikanische Comedian Rob Paravonian weiß, wovon er spricht, und ich weiß es auch. Während nämlich die coolen Jungs E-Gitarre oder am besten gleich Fußball spielten, schleppte ich jahrelang unter ihren spöttischen bis mitleidigen Blicken mein Cello zum Schulorchester. »Wie eine verwundete Gazelle in der Serengeti«, beschreibt es Paravonian. Selbst Mitglieder der Berliner Philharmoniker berichten im Tourneefilm A Trip to Asia, zu Schulzeiten als exzentrische Einzelgänger gegolten zu haben. Mädchen, das war klar, lernte man auf diese Weise auch nicht kennen – und wenn, dann spielten sie Blockflöte und sahen auch so aus.

Die Waffe zum Gegenschlag fiel mir 1996 in Form einer CD aus dem fernen Finnland in die Hände, betitelt Apocalyptica plays Metallica by four Cellos. Die Freunde Eicca Toppinen, Paavo Lötjönen, Max Lilja und Antero Manninen, so entnahm ich dem Booklet, hatten Cello an der renommierten Sibelius-Akademie zu Helsinki studiert, dann aber offenbar die Lust an Bach und Beethoven verloren. Sie verfielen auf die Idee, die Musik, die sie privat hörten, auf dem Cello nachzuspielen: Heavy Metal, speziell Songs der Band Metallica. Das Celloquartett Apocalyptica war geboren.

Unter Cellisten erreichte dieses Debütalbum sofort Kultstatus. Jaulende Soli und rohe Metal-Riffs, mit brachialem Bogen auf historische Instrumente gehämmert, das hatte es noch nie gegeben. Cellorocker, was für eine Provokation! Ohne die Gesangstexte zogen sich die Strophe für Strophe nachgespielten Songs zwar arg in die Länge, zugegeben, aber der Effekt war beeindruckend. Zumal Toppinen & Co fast vollständig auf Verstärker und Postproduktion verzichteten. Die Platte klingt, genau wie Nirvana einige Jahre zuvor, als sei sie nicht im Studio, sondern in der väterlichen Garage aufgenommen worden. Die cellistischen Fähigkeiten der vier Akademieabsolventen kamen so besonders gut zur Geltung. Im Gegensatz zum Grunge schien die instrumentaltechnische Qualität gewährleistet, und das war mir bei allem postpubertären Protestgeschrammel dann doch wichtig.

Natürlich taten meine Cellofreunde und ich es unseren Helden nach. Wir liehen uns Metallica-Songbooks und schrieben die größten Hits – von Enter Sandman bis Nothing Else Matters – selbst für Cello um. Wobei wir, genau wie Apocalyptica, die Stücke meist von e- nach d-Moll transponierten: In dieser Tonart lässt es sich aufgrund der Saitenstimmung und der Obertonreihen des Cellos am lautesten spielen. Und Lautstärke war alles, was zählte. Zum bevorzugten Aufführungsort entwickelte sich der Duschraum des Schullandheims, dessen gekachelte Wände unsere dröhnenden Quinten voluminös verstärkten – und mit ihnen mein Cellistenego. Selbst Punks, Metal-Freaks und andere schwarz gewandete harte Jungs mussten einsehen, dass Cello eben doch ein saucooles Instrument ist, das es mit E-Gitarre und Schlagzeug locker aufnehmen kann. Sicher lag es auch an dem unübersehbaren Apocalyptica-Aufkleber auf meinem Cellokasten, dass die früher belustigten Blicke bald respektvolleren wichen.

Apocalyptica plays Metallica by four Cellos, Mercury/Universal (1996)