Platte meines Lebens (40) Cellorocker in der Dusche
Das finnische Quartett Apocalyptica bestärkte unseren Autor: Metallicas Rockmusik kann man auch auf einem klassischen Instrument herunterkacheln
»Als Kind Cello zu spielen ist furchtbar – es ist unmöglich, cool zu sein, wenn dein Instrument größer ist als du.« Der amerikanische Comedian Rob Paravonian weiß, wovon er spricht, und ich weiß es auch. Während nämlich die coolen Jungs E-Gitarre oder am besten gleich Fußball spielten, schleppte ich jahrelang unter ihren spöttischen bis mitleidigen Blicken mein Cello zum Schulorchester. »Wie eine verwundete Gazelle in der Serengeti«, beschreibt es Paravonian. Selbst Mitglieder der Berliner Philharmoniker berichten im Tourneefilm A Trip to Asia, zu Schulzeiten als exzentrische Einzelgänger gegolten zu haben. Mädchen, das war klar, lernte man auf diese Weise auch nicht kennen – und wenn, dann spielten sie Blockflöte und sahen auch so aus.
Die Waffe zum Gegenschlag fiel mir 1996 in Form einer CD aus dem fernen Finnland in die Hände, betitelt Apocalyptica plays Metallica by four Cellos. Die Freunde Eicca Toppinen, Paavo Lötjönen, Max Lilja und Antero Manninen, so entnahm ich dem Booklet, hatten Cello an der renommierten Sibelius-Akademie zu Helsinki studiert, dann aber offenbar die Lust an Bach und Beethoven verloren. Sie verfielen auf die Idee, die Musik, die sie privat hörten, auf dem Cello nachzuspielen: Heavy Metal, speziell Songs der Band Metallica. Das Celloquartett Apocalyptica war geboren.
Unter Cellisten erreichte dieses Debütalbum sofort Kultstatus. Jaulende Soli und rohe Metal-Riffs, mit brachialem Bogen auf historische Instrumente gehämmert, das hatte es noch nie gegeben. Cellorocker, was für eine Provokation! Ohne die Gesangstexte zogen sich die Strophe für Strophe nachgespielten Songs zwar arg in die Länge, zugegeben, aber der Effekt war beeindruckend. Zumal Toppinen & Co fast vollständig auf Verstärker und Postproduktion verzichteten. Die Platte klingt, genau wie Nirvana einige Jahre zuvor, als sei sie nicht im Studio, sondern in der väterlichen Garage aufgenommen worden. Die cellistischen Fähigkeiten der vier Akademieabsolventen kamen so besonders gut zur Geltung. Im Gegensatz zum Grunge schien die instrumentaltechnische Qualität gewährleistet, und das war mir bei allem postpubertären Protestgeschrammel dann doch wichtig.
Natürlich taten meine Cellofreunde und ich es unseren Helden nach. Wir liehen uns Metallica-Songbooks und schrieben die größten Hits – von Enter Sandman bis Nothing Else Matters – selbst für Cello um. Wobei wir, genau wie Apocalyptica, die Stücke meist von e- nach d-Moll transponierten: In dieser Tonart lässt es sich aufgrund der Saitenstimmung und der Obertonreihen des Cellos am lautesten spielen. Und Lautstärke war alles, was zählte. Zum bevorzugten Aufführungsort entwickelte sich der Duschraum des Schullandheims, dessen gekachelte Wände unsere dröhnenden Quinten voluminös verstärkten – und mit ihnen mein Cellistenego. Selbst Punks, Metal-Freaks und andere schwarz gewandete harte Jungs mussten einsehen, dass Cello eben doch ein saucooles Instrument ist, das es mit E-Gitarre und Schlagzeug locker aufnehmen kann. Sicher lag es auch an dem unübersehbaren Apocalyptica-Aufkleber auf meinem Cellokasten, dass die früher belustigten Blicke bald respektvolleren wichen.
Apocalyptica plays Metallica by four Cellos, Mercury/Universal (1996)
- Datum 13.02.2009 - 09:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
- Kommentare 7
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Werte Redaktion: Ihr Autor benennt es in seinem Artikel richtig: Die Band kommt aus Finnland, die Musiker studierten in Helsinki.
Folglich ist Ihre Einleitung, die Band würde aus Norwegen stammen, falsch.
Helsinki liegt in Norwegen?
Natürlich kann es einem schon egal sein, wo die anderen Hauptstädte so liegen, wenn man aus der deutschen Hauptstadt Wien ist, nicht wahr?
;-D
Herzlichen Dank, liebe Leser,
den Flüchtigkeitsfehler haben wir umgehend korrigiert.
Rabea Weihser, Musikredaktion ZEIT ONLINE
habe die vier finnischen Huenen 'mal in einer Klassischen Philharmonie gesehen - die Damen vom Einlass waren sichtlich irritiert, als um 20 vor 9 noch keiner auf der Buehne war - als das Konzert begann, waren die anderes gewohnten Damen leider schnell draussen - sie konnten damit gar nicht mehr den Metallica-Fanblock im Parkett bewundern, der dann irgendwann mit den entsprechenden Fingerzeichen sein "Die!" - also engl. - Imperativ fuer - "Stirb!"in Richtung Buehne bruellte und einige - nun - recht komplexe "Luftgitarreneinlagen" haben die Damen auch verpasst. Na ja - ist ja nicht Jedermann's oder Jederfrau's Geschmack. Wir fanden's grossartig, wie die Herren ihre Cellos bearbeiteten - im wahrsten Sinne des Wortes. Ach - noch was - Herr Matuschek - Balanescu Quartett - Kraftwerk's Elektro-Sound umgeschrieben fuer Streichquartett auf dem Album Possessed - ich glaube von 1992 - was halten Sie davon ?
Lg
Liebe(r) Aflaton,
besten Dank für Ihre Kommentar und die köstliche Anekdote, die sich weitgehend mit meinen Live-Erlebnissen deckt.
Das Balanescu Quartett ist natürlich stark. Leider habe ich es noch nie live erleben können - damals stand ich Hardrock näher als Elektropop. Neben Tom Cora - danke, ujbi! - muss natürlich auch noch Wolfram Huschke genannt sein, der ebenfalls schon lange mit dem E-Cello unterwegs ist.
Weiterhin viel Vergnügen beim Wandel auf Genregrenzen wünscht
Clemens Matuschek
Liebe(r) Aflaton,
besten Dank für Ihre Kommentar und die köstliche Anekdote, die sich weitgehend mit meinen Live-Erlebnissen deckt.
Das Balanescu Quartett ist natürlich stark. Leider habe ich es noch nie live erleben können - damals stand ich Hardrock näher als Elektropop. Neben Tom Cora - danke, ujbi! - muss natürlich auch noch Wolfram Huschke genannt sein, der ebenfalls schon lange mit dem E-Cello unterwegs ist.
Weiterhin viel Vergnügen beim Wandel auf Genregrenzen wünscht
Clemens Matuschek
von wegen Cello sei langweilig. Neben Apocalyptica und dem von Aflaton schon erwähnten Balanescu Quartet - die auch Sücke von David Byrne und John Lurie gespielt haben - gibt es Tom Cora, der schon vor vielen Jahren elektrisch verstärktes Cello spielte. U.a. mit John Zorn, Fred Frith oder in der Sceleton Group (Learn To Talk). Hörenswert ist auch eine CD von der holländischen Punk Kapelle The Ex mit denen er zusammen gespielt hat.
Liebe(r) Aflaton,
besten Dank für Ihre Kommentar und die köstliche Anekdote, die sich weitgehend mit meinen Live-Erlebnissen deckt.
Das Balanescu Quartett ist natürlich stark. Leider habe ich es noch nie live erleben können - damals stand ich Hardrock näher als Elektropop. Neben Tom Cora - danke, ujbi! - muss natürlich auch noch Wolfram Huschke genannt sein, der ebenfalls schon lange mit dem E-Cello unterwegs ist.
Weiterhin viel Vergnügen beim Wandel auf Genregrenzen wünscht
Clemens Matuschek
Lieber Clemens,
während des Lesens konnte ich mir das ein oder andere Schmunzeln nicht verkneifen. Die musikalische Würdigung kann ich ohne weiteres nachvollziehen und gebe Dir vollkommen recht. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass es durchaus "un-coole" Fussballer mit gutem Gehör und coole Cellisten gibt, trotz dass es so aussieht als würden sie den eigenen Sarg auf dem Rücken tragen. Sie müssen ihre Fähigkeiten nur preis geben, um die notwendige Coolness zu offenbaren.
Ich kann mich an ein prägendes Ereignis in einem Kloster bei Olpe erinnern, bei dem der Fussballer den Cellisten schon fast zwingen musste, seine Kunst zu öffnen, um für einige Takte mit großen Augen bewundert zu werden.
Daher traut Euch aus der Dusche liebe Cellorocker, die wirklich Coolen werden es Euch danken!
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