Aus einem Krieg eine Geschichte vom Sterben zu erzählen ist nichts Besonderes. Im Krieg wird gestorben. Menschen werden getötet, gezielt oder aus Versehen. Lange Erklärungen gibt es. Und kurze. Bomben werden eingesetzt, Raketen, Sprengfallen, Handgranaten. Körper werden durchlöchert und zerrissen, verbrannt und verstümmelt. Im Schlaf wird gestorben, im Kampf, mit geladenen Waffen, mit leeren Händen.

Warum vom Tod eines einzelnen Menschen berichten, wenn auch zahllose andere gestorben sind, auf beiden Seiten? Über Schuld und Unschuld sagt diese Geschichte aus dem jüngsten Gaza-Krieg nichts aus. Trotzdem muss vom Tod eines einzelnen Menschen erzählt werden, weil nur dann verständlich wird, wie unverständlich es ist, das Sterben, so unverständlich wie ungeheuerlich.

Der Palästinenser Mohammed Shurab sucht noch immer nach Gründen für den Tod seiner Söhne. Sucht nach einem Fehler. Nach etwas, das ihm einen Hinweis hätte geben können. Aber da war nichts. Warum nur mussten seine Söhne sterben? Und warum in einer Feuerpause?

Der 63-Jährige sitzt auf der Dachterrasse seines Hauses in der Stadt Khan Younis bei einem Glas Orangensaft und erzählt von jenem 16. Januar 2009, an dem er seine beiden Söhne verlor, obwohl die Rettung so nah war. Er erzählt sie langsam, die ganze Geschichte, als könne er sie so besser begreifen. Er sagt: "Ich hatte nie Probleme mit Israelis. Nie." Wieder und wieder sagt er diesen Satz. Er hält ihn vor sich wie einen Schutzschild, als hätte die versöhnliche Geschichte der Begegnungen, die er mit den Menschen der anderen Seite gemacht hat, all das abwehren müssen, was ihm während des Krieges im Gaza-Streifen widerfahren ist.

Nur vierhundert Meter von der israelischen Grenze entfernt liegt sein Zweithaus auf dem Land nahe dem Dorf al Foukhary, ein von Grapefruitbäumen umstandenes Idyll. Hierhin zieht sich Mohammed Shurab von Sonntag bis Donnerstag zurück, bevor er zurückfährt in die Stadt, jeden Freitag, immer über den lehmigen Sandweg, der in die asphaltierte Hauptstraße mündet, vorbei am kleinen Supermarkt, bis er ein paar Kilometer weiter in Khan Younis ankommt, der ruhigen Stadt im Süden von Gaza, wo er das Wochenende bei seiner Familie verbringt. Das Haus dort teilen sich Mohammed und sein Bruder Ibrahim mit ihren Kindern und der gebrechlichen Großmutter, die im Erdgeschoss auf einem Sofa ruht.

"Ich hatte nie Probleme dort", sagt Mohammed, "nicht während der Besetzung von Gaza und nicht danach." Er lächelt, wenn er von den früheren Besuchen der israelischen Soldaten erzählt. Wie sie mehrmals sein Haus durchsuchten, das wie ein Grenzstein an dieser Konfliktlinie zwischen Palästinensern und Israelis stand, die ihn aber immer unbehelligt ließen. Mohammed verstand das als Bestätigung seiner Unbefangenheit, als ein Gütesiegel vielleicht. Auch darum sucht er jetzt nach Gründen: Weil er noch immer glaubt, dass es der Gründe bedarf, um jemanden zu töten. Weil er nicht glauben will, was so viele andere glauben: dass die andere Seite ein Feind sein müsse. Weil er den Hass, der den Krieg im Nahen Osten schürt, nicht teilt. Und weil er den Hass aus seiner Geschichte des 16. Januar heraushalten will.

Wieder und wieder geht Mohammed Shurab den Ablauf dieses Tages durch, malt Wege und Straßen auf ein Blatt Papier, druckt Satellitenfotos von Google Earth aus, schützt seine Unterlagen mit Klarsichtfolien. Alles muss ordentlich sein. Wie sonst sollte er der Unordnung begegnen, die sein Leben zerstörte, an jenem Freitag, dem 16. Januar?

Am Mittag, gegen 12 Uhr, waren er und seine Söhne, der 28 Jahre alte Kassab und der 18 Jahre alte Ibrahim, in den roten Landrover gestiegen und losgefahren, vom Land in Richtung Stadt, wie immer, sagt Mohammed. Mühsam bewegt er seinen verletzten linken Arm über den Tisch und zeigt auf der Landkarte den Punkt, an dem die Geschichte begann. Von 10 bis 14 Uhr sollte die tägliche Feuerpause dauern, festgelegt von der israelischen Armee, damit Zivilisten sich bewegen konnten, zum Beispiel etwas einkaufen. Dass Einheiten der israelischen Armee in der Nähe waren, wusste Mohammed Shurab. Er hatte Panzer vorbeifahren sehen. Von der Terrasse seines Landhauses hatte er einen Überblick. "Ich konnte die Bombardierungen sehen", sagt er und malt einen Halbkreis auf seinem Lageplan, "in Rafah…", er malt einen Punkt im Süden, für die Grenzstadt, "…in Gaza", er malt einen weiteren Punkt für Gaza-Stadt ans andere Ende. "Ich konnte alles sehen."

Mohammed Shurab beschreibt den Krieg wie jemand, der sich in Sicherheit wähnte, auf einem entlegenen Außenposten, den die Gewalt nicht treffen konnte. All die Jahre hatten die Israelis um sein Haus gewusst, und nie hatten sie etwas zu beanstanden. Warum sollte er irgendetwas anders machen als an all den anderen Freitagen? Warum den Israelis nicht trauen? Sie hatten diese Waffenruhe versprochen, und Mohammed Shurab war ohne Furcht.

Den Zeitpunkt, an dem er aufbrach, wählte er mit Bedacht. 12 Uhr, das sollte die besonders sichere Mitte der Waffenruhe sein. Normalerweise, erzählt Mohammed, fuhr er diese Strecke allein. Es war ein Zufall, dass ihn an diesem Tag seine beiden Söhne begleiteten. Der Fernseher in seinem Haus auf dem Land war ausgefallen. "Kassab wollte ihn reparieren." Kassab, der ältere Bruder, hatte einen Abschluss in Architektur an der Universität in Gaza. Ibrahim, der jüngere, begleitete ihn. Am Mittwoch, dem 14. Januar, hatten die beiden den Vater besucht, die Satellitenschüssel gerichtet und danach zusammen ferngesehen. Als sie am Freitag ins Auto stiegen, um in die Stadt zurückzukehren, saß der Vater auf dem Fahrersitz, neben ihm Kassab, Ibrahim dahinter.