Print-Medien Mutlos links

Das Wochenblatt "Freitag" heißt jetzt "der Freitag" und erscheint in neuem Gewand

"der Freitag" bezeichnet sich nicht mehr als "Ost-West-Wochenzeitung"

"der Freitag" bezeichnet sich nicht mehr als "Ost-West-Wochenzeitung"

Auf die akute Frage, was heute links sein könnte, antwortet man am einfachsten, indem man erklärt, wo früher schon links war. Gesellschaftskritik von links hieß während ihrer Glanzzeit: in nichts nachgeben, was die Gerechtigkeit betrifft, und auf nichts verzichten, was die Freiheit angeht. Damals in der Weltbühne gehörte Mut dazu, sich dem Deutschlandlob zu verweigern und den geharnischten Patrioten zum Trotz mitten im Ersten Weltkrieg von einer »Krise des national verbrämten Kapitalismus« zu sprechen. Es war gefährlich, während der Novemberrevolution die Revolution zu kritisieren oder in den frühen Dreißigern den landläufigen Revanchismus zu attackieren durch Sätze wie »Soldaten sind Mörder«.

Links sein hieß für die Wochenblattschreiber Tucholsky, Ossietzky, Kästner, ihre Meinung ohne Rücksicht auf eine Mehrheitsmeinung kundzutun. Der Wochenzeitungserneuerer Jakob Augstein hingegen, der soeben den linken Freitag renoviert hat, sagte auf die entscheidende Frage, was er unter links verstehe: Er wolle nicht bei der Linkspartei landen. Eine Formel wie aus dem Bundestagswahlkampf – zumal Augstein verschwieg, warum die Partei über ihre totalitäre Vorgeschichte hinaus indiskutabel ist und welche ihrer Positionen etwa demokratiefeindlich sind. Das wäre interessant gewesen. Doch der Verleger versteckte sich am Ersterscheinungstag seines neuen Blattes hinterm gängigen Ressentiment – ausgerechnet in einem programmatischen Interview mit der Berliner Zeitung , unter deren Lesern nicht wenige Linksparteiwähler sein dürften. Noch kleinmütiger wirkte nur seine Begründung, warum der Freitag linksliberal bleiben müsse: weil sich da eine publizistische Nische auftue, nachdem der Spiegel, die ZEIT, die Süddeutsche die Lücke nicht mehr füllten. Mag sein. Aber was, wenn sie sich woanders aufgetan hätte? Wäre man dann vielleicht mitte-rechts?

Nichts läge näher für echte Linksliberale, als in der jetzigen Krise eine kapitalismuskritische, aber radikaldemokratische Haltung im Stil der Weltbühne zu verteidigen. Nichts scheint dringender nötig, als das ewige Schönreden im Namen der angeblich besten aller möglichen Marktwirtschaften zu beenden. Wir Negativen hieß 1919 ein Artikel Tucholskys, in dem er sich gegen den Vorwurf des Defätismus verteidigte und sein Bürgerrecht auf Kritik einklagte. Aus solcher gedanklichen, vielleicht auch moralischen Schärfe des Kritisierens heraus könnten heute ein paar der berühmten Alternativen entstehen – Gegenentwürfe zu einer Gesellschaft, die ihre Wirtschaftsbosse erst zu tadeln wagt, wenn sie pleite sind, die Massenarbeitslosigkeit hartnäckig kleinredet und sich das Ausmaß der Misere erst eingesteht, wenn diese kaum mehr zu beheben ist. Warum formuliert Augstein seine journalistische Mission nicht aus der prekären Wirklichkeit heraus? Weil eine Nische auch bloß eine Marktlücke und ein Verleger bloß ein Unternehmer ist? Weil Leser Kunden sind, die man durch allzu undiplomatischen Journalismus nicht verschrecken darf?

Der neue Freitag, der leider recht unelegant und sehr nach Guardian aussieht, wird zwar von einem neuen Chefredakteur (Philip Grassmann), aber ansonsten von der guten alten Mannschaft gemacht. Da bleibt es nicht aus, dass manche Artikel tucholskyscher sind als des Verlegers Absichtserklärungen – provokanter auch als das meiste, was in anderen Blättern beispielsweise über eine Enteignung der Hypo-Real-Estate-Aktionäre geschrieben wird. »Enteignen? Lachhaft! Die HRE ist wertlos«, heißt es im Leitartikel. So kurz und präzise kann man die Verstaatlichungsdebatte auf den Punkt bringen.

Schade, dass der aktuelle Freitag sich beim Titelthema »Internetjournalismus« wiederum blind stellt und community building mit Demokratie verwechselt, ohne die neuesten Möglichkeiten einer propagandistischen Manipulation der Massen auch nur anzudeuten. Da sollten aufgeklärte Linke eigentlich sensibel sein. Doch das Traurigste am Freitag ist, wie leichthin Augstein dessen Beinamen »Ost-West-Wochenzeitung« abgeschafft hat. Während Medienhistoriker zwanzig Jahre nach der Wende die Abwesenheit Ostdeutschlands in den überregionalen Zeitungen Westdeutschlands beklagen, während das journalistische Desinteresse an der Umbruchzone wächst und das Nichtwahrhabenwollen der Wiedervereinigungsprobleme sich verfestigt, erklärt ausgerechnet der Freitag das Problem für erledigt. Da war wirklich eine Lücke, die man weiterhin hätte besetzen können.

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 13.02.2009 um 12:16 Uhr

    Liebe Frau Finger,

    Mit dem Mut und mit den Helden hat ja ausgerechnet die ZEIT in der letzten Zeit eine Obsession. Und wahrlich, es gehört Mut dazu in der ZEIT dezidiert linke Positionen suchen zu wollen. Wer gegen die Arroganz mancher Zeit-Autoren, Artikel (fast) ohne Recherche zu schreiben und ohne erkennbares Engagement Pro und Kontra einmal abzuwägen, irgend etwas einzuwenden hat, der gleitet unsanft ab an der Mauer des Schweigens. - Einer Ihrer Herausgeber führt das fast Woche für Woche vor und die Generation Golf in Politik, Wirtschaft und Feuilletonistik folgt allzu willig.

    Irgendwie hat man schon den Eindruck, dass die ehemals auch öffentlich gepflegte Diskussionskultur nicht nur in Ihrem Blatt, liebe Frau Finger, erheblich gelitten hat. - Daher wohl die Feststellung des neuen Richtlinienkompetenten beim "Freitag", nun also "der Freitag".

    Meine Leseerfahrung mit dem "Freitag": Meist finde ich sehr dicht geschriebene, faktenreiche Artikel, ein kluges und nicht schwafelndes Feuilleton und wirklich einmal anders herum denkende Gastautoren, denen aber mehr als nur ein Statement oder Testimonial abverlangt wird. Alles ist weniger bildmächtig und manchmal wohl für ein breiteres Publikum zu detailverliebt. Mir gefällt das. Aber, wie Sie an Ihrem eigenen Blatt beobachten können, lebt der Mensch nicht allein vom harten Brot der Tatsachen und Details, er möchte auch den einen oder anderen Schnörkel.

    Wie heisst es hingegen bei der ZEIT, sie stehe für "Orientierung". Da war im Wirtschaftsressort, fast bis zum Sankt Nimmerlein der Lehman-Pleite, neoliberales und neokonservatives Denken angesagt, auch wenn in aufwendiger, auch publizierter Recherche bewiesen wurde, ab und an hätten Frau Buchter und andere Autoren auch einmal einen Warnruf ausgesandt. Was sollte man dazu sagen, wenn Woche für Woche die ZEIT, es war einmal anders, blutigrote Warnungen vor dem Kryptokommunismus, Apologien für "Hockey moms" und sonstige Republikaner zu lesen aufgab und keine Gelegenheit ausgelassen wurde, ohne je die Argumente zu nennen, Linke als "gefährlich" zu portraitieren?- War das nicht sehr rechtes Agitprop?

    "der Freitag", startet nun den Versuch, mit den wirklich bienenfleißigen Redakteuren und Autoren, etwas mehr Publikum anzusprechen. Obwohl ich, wie Sie, ein wenig skeptisch bin, ob diese Transformation ohne Qualitätsverlust gelingt, so steckt doch wenigstens Hoffnung und ein fester Wille dahinter. Dafür gibt es zunächst einmal, jedenfalls von mir, Vorschuss.

    Für die Affirmation des Bestehenden und Herrschenden existiert doch weiß Gott der Rest an Blättern in der Republik und das TV. - Sie sollten der kleinen Schwester, sie ist ja auch ein richtiges Wochenblatt, den Versuch gönnen und sich, ich meine jetzt die Blatt-Tendenz der ZEIT, einmal ein wenig selbst an die Nase fassen. Sonst müssen Sie weiterhin so illustre Gäste wie Florian Illies dulden, der ungestraft über den Suhrkamp-Verlag herziehen darf, ohne ein einziges Argument, aber mit Vorurteilen bezüglich Brecht und Hesse. Früher hätte es da eine Replik aus der Redaktion gegeben.

    Sie führen die "Weltwoche" der Weimarer Republik als erstrebenswertes Gegenbeispiel an.
    Jedoch, liebe Frau Finger, so sehr die "Weltwoche" mit den bekannten Namen tatsächlich häufig Minderheitenpositionen, sogar meist die hinterher treffenden, vertrat, -das gehörte zu den größten Tugenden dieses Blattes-, so sehr war diese intellektuelle und bewusst für die Wenigen geschriebene Zeitschrift in ein Meer von linken Zeitungen, eine tagtäglich links denkende publizistische Welt mit Millionenauflagen eingebettet. Von ganz allein auf weiter Flur konnte also nicht die Rede sein. Da war Münzenberg schon davor, dafür gab es genügend Platz für die linken Autoren der "Weltwoche", um ihr Brot literarisch und journalistisch auch in der so genannten bürgerlichen Presse zu verdienen. - Ich vermute, Sie wissen das, schreiben aber trotzdem, "der Freitag" sei nun nicht mutig.

    Es könnte doch sein, die ZEIT-Redaktion hat der Mut verlassen, am Salon aus Edelsozialdemokraten und eingefleischten "Transatlantikern", schon die Nennung gewisser Think tank- Beziehungen scheint ja immer noch höhere Weihen anzudeuten, einmal vorbei zu schreiben. Denn meist war ja mit der atlantischen Hinwendung nicht irgend eine "Brokeback Mountain" oder gar Liebe zur amerikanischen Gegenkultur gemeint, sondern ein simples Abschreiben dessen, was dort am Potomac verfasst wurde.

    Dann geben Sie dem "Freitag", pardon, "der Freitag" auch noch Ratschläge, es solle sich doch gefälligst vor allem um die Ost-Seelen kümmern, da bestünde eine Nische.
    Solche Bemerkungen macht man nur, wenn man auf sehr hohem Ross daher reitet.
    Das steht Ihnen, mit ihrem auftrumpfenden Appell zu mehr Mut nicht allzu gut zu Gesicht. Besser hätten Sie den Versuch von der Insel zu schwimmen, loben müssen.

    Das Alles schreibe ich Ihnen, ohne zu vergessen, dass kurz vor den ganz finsteren Zeiten zu Weimar, auch die liberalen und konservativen Blätter zunehmend mehr nach Rechts rutschten. Das hatte damals was mit Ökonomie, -wem gehörte letztlich das Blatt-, und mit "Orientierung" zu tun, und heute selbstverständlich auch.

    Sie können das heute als Nachhall in den Feuilletons der großen Zeitungen Deutschlands nachlesen. Denn die weigern sich beharrlich von der Kultur der Weimarer Republik mehr wahrzunehmen als Thomas Mann.
    Brecht, Tucholsky und Co. werden fleißig und meist versteckt zitiert, aber das ganze Umfeld dieser Leute, ihre Konzepte und Ideen, es waren ja nicht nur Literaten und Künstler, wurde ins publizistische Abseits gedrängt, auch in der ZEIT!
    Dafür aber, erschien noch vor Wochen, täglich ein Artikel über Friedrich Hayek, Rudolf Eucken und Werner Sombart.

    Alexander Kluge titelte, der Teufel ließe immer eine Lücke. Dem ist zuzustimmen und dem umgetitelten "Freitag" eher Glück zu wünschen, dass er die Lücke trifft. Wovor, liebe Frau Finger haben sie nur Furcht, was ängstigt Sie, schreiben Sie doch regelmäßig für Deutschlands formatfüllende Wochenzeitung?

    Liebe Grüße

    Christoph Leusch

    • Colon
    • 14.02.2009 um 16:03 Uhr

    Es muss natürlich an Stelle von "Weltwoche", "Weltbühne" heißen. Ich war wohl zu zornig auf der Rampe.

    Grüße
    C. Leusch

    • hagego
    • 16.02.2009 um 11:29 Uhr

    "der freitag" ist doch bekanntlich nur ein kleiner Teil der "ZEIT" - warum also die m. E. etwas überzogene Skepsis?

    Ist es für die deutsche Medienlandschaft nicht eher gut, wenn ein Blatt versucht, sich so aufzustellen, dass es auch da Leser abholen möchte, wo die ZEIT ein wenig neoliberal die Augen schließt?

    Die Treue zur Tageszeitung ist nicht mehr so eng, wie das die Verleger vielleicht gern hätten. Auch ich habe eine ganz bestimmte Erwartungshaltung, wenn ich an die ZEIT denke. Der zuweilen hämische oder ironische Unterton, der sich in den letzten Jahren hier m.E. eingeschlichen hat, kann nicht über einen Kurswechsel in Richtung "Mainstream" hinwegtäuschen. Schade eigentlich!

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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