Neues Deutschland

Ausgerechnet der belgische Kurator Max Borka zeigt uns, wie avantgardistisch junge deutsche Designer sind

Herr Borka, woher rührt Ihre Begeisterung für deutsches Design?

Ich war schon immer von deutschem Design umgeben. Ich bin gewissermaßen damit aufgewachsen. Mein Elternhaus war von oben bis unten mit Braun-Geräten von Dieter Rams bestückt.

Das hat Sie offenbar nicht zu einem Fan von ihm gemacht. In Ihrer Herforder Ausstellung »Nullpunkt. Nieuwe German Gestaltung« fehlt er.

Rams ist zweifellos einer der wichtigsten deutschen Designer. Aber mir geht es darum, etwas Neues zu zeigen. Deutsches Design wurde immer mit Purismus und Funktionalität verbunden. Diese Image wurde geradezu als Marke gepflegt. Unsere Ausstellung zeigt ein unbekanntes Gesicht des deutschen Designs – experimentell und verspielt.

Sehen Sie neue Bewegung in der Designszene?

Ich habe für meine Ausstellung eine Deutschlandreise unternommen und viele Designer besucht. Besonders in Berlin trifft man auf völlig neue Einflüsse. Man kann dort beobachten, dass die Gestalter wieder alles aus einer Hand machen. Sie haben die Idee, sie stellen das Produkt selbst her, sie verkaufen es sogar im eigenen Laden.

Es gibt in Berlin wohl einfach zu wenige Aufträge aus der Industrie.

Gerade darin liegt auch eine Chance. Die Markenindustrie hat in den vergangenen Jahren einen unglaublichen Einfluss auf das Design gewonnen. Design ist heute oft nur noch dazu da, Produkte zu verkaufen. Denken Sie doch mal an die Autoindustrie: An welches Auto, das in den vergangenen Jahren gebaut wurde, erinnert man sich noch?

In der Ausstellung sind unter anderem Lampen zu sehen, die aus Kuhpansen gemacht wurden. Ist das noch Produktgestaltung oder Kunst?

Immer wenn der Einfluss der Industrie zu groß wurde, haben Designer sich in die Kunst geflüchtet, um sich wieder neu zu entdecken. Ich glaube, in Deutschland gibt es da enormen Nachholbedarf.

Sieht es denn im Ausland besser aus?

In Italien hatten sich in den achtziger Jahren radikale Bewegungen gebildet wie die Gruppe Memphis. Dabei waren Ettore Sottsass und Andrea Branzi. Zwanzig Jahre später waren diese Rebellen führende Designer.

Und Deutschland hat keine Rebellen hervorgebracht?

Und ob! Es ist erstaunlich, wie viele Designer vom Neuen Deutschen Design der Achtziger beeinflusst waren. Auf meiner Deutschlandreise habe ich auch Andreas Brandolini besucht, in Saarbrücken. Einer der wichtigsten Vertreter dieser experimentellen Bewegung. Seine Arbeit ist völlig vergessen.

Es scheint, dass die Deutschen Hilfe aus dem Ausland benötigen. In Ihrer Ausstellung spielen auch Spanier wie Martí Guixé eine große Rolle.

Er wohnt seit Langem in Berlin, arbeitet dort und wird von Berlin inspiriert. Seltsam, dass noch niemand vor mir darauf gekommen ist, seine Arbeit als deutsches Design zu bezeichnen.

Hat Ihre Reise Ihr Bild von Deutschland verändert?

Ja, ich liebe es jetzt noch mehr.

 
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