Es ist offenbar leider so, dass der Baron Instetten Oswalt Kolles Filme nicht gesehen hat, denn er nähert sich seiner Frau, dem unbekannten Wesen, das sich in der Hochzeitsnacht angstvoll unter der Bettdecke verschanzt, äußerst grob. Anstatt sie liebevoll an- und aufzuwärmen, macht er sich in einer Weise über sie her, die man nicht anders denn eine Vergewaltigung nennen kann. Effi schreit wie am Spieß, und Instetten grunzt wie ein Eber. Der Major Crampas hingegen weiß, wie man Frauen glücklich macht. Er verführt Effi mit Blicken und Gesten und Küssen, sodass sie sich willig entkleidet. Zwar ist der sandige Boden draußen an der pommerschen Ostseeküste nicht ganz so bequem wie das Ehebett, aber wo Leidenschaft ist, da fügt sich zusammen, was zusammengehört. Wir sehen Effi nackt ausgebreitet, sehen, wie der ebenfalls nackte Crampas ihre Brüste umschmeichelt und auch in tiefer gelegenen Regionen Lust entfacht, bis Effi am Ende wiederum schreit, diesmal vor Glück. Es ist durchaus so, dass man die Szene leicht begreifen könnte, aber für den Fall eines begriffsstutzigen Zuschauers fragt Crampas sinngemäß, ob dies Effis erster Orgasmus gewesen sei, was sie freudig bejaht und eine Wiederholung des Vorgangs anregen lässt.

Alles, was Fontane in seinem Roman Effi Briest (1895) andeutet, spricht Hermine Huntgeburth in ihrer Verfilmung offen aus; alles, was er an Ambivalenzen sieht, ist hier von unüberbietbarer Eindeutigkeit; alles, was er in der Schwebe lässt, landet hier auf dem tristen Boden des Geschlechterdiskurses. Der alte Briest ist ein weinseliger Trottel; die Mutter Briest wahrhaft ein Biest, das die Tochter an den Mann ihrer eigenen lüsternen Träume verkuppelt; und Instetten ein Karrierist und Macho, der nichts anbrennen lässt, nicht einmal die Haushälterin.

Bei Fontane stirbt Effi am gebrochenen Herzen, seine Geschichte endet tragisch. Zur Tragik gehört die Einsicht, dass der Mensch nicht nur ein unbekanntes Wesen ist, sondern auch ein sehr dunkles. In diesem gut ausgeleuchteten Film ist von Tragik keine Rede, worin man vielleicht einen Gewinn sehen kann, denn das Tragische ist Ausdruck einer alten Zeit, die vom Widerspruch zwischen Sittengesetz und Selbstverwirklichung geprägt war. Bei Hermine Huntgeburth findet Effi ihr Auskommen als Hilfskraft in einer Bibliothek, und zum Entsetzen der Eltern zündet sie sich im Operncafé eine Zigarette an, zahlt ihr Gedeck selber und verlässt stolz das Etablissement. Eine Frau geht ihren Weg.

Das Missverständnis, dem Kostümfilme leicht aufsitzen, besteht darin, dass sie den Blick unserer Gegenwart auf eine vergangene Zeit richten und so tun, als wäre sie uns ganz nah, als wären sich die Menschen immer gleich. Rainer Werner Fassbinders geniale Verfilmung von Effi Briest (1974, mit Hanna Schygulla in der Hauptrolle) machte von allem Anfang an klar, wie fern und fremd diese Geschichte für uns heute ist. Die Bilder waren schwarz-weiß, die Kamera hielt Distanz. Je länger wir aber zuschauten, umso mehr wurden wir ergriffen von diesem Schicksal, das uns am Ende wie unser eigenes erschien. Hermine Huntgeburths bunter Film macht die Gestalten derart zeitgenössisch und bringt sie uns derart nah, dass sie uns, je länger sich das hinschleppt, umso geheimnisloser und gleichgültiger erscheinen.

Der Film tut so, als wären Instetten und Effi Menschen wie du und ich. Und das sind sie ja auch, denn in keiner Sekunde gibt es einen Zweifel daran, dass wir nicht die nackte Effi vor uns haben, sondern die nackte Julia Jentsch (deren schauspielerische Leistungen den Film retten könnten, wenn er denn zu retten wäre), und nicht den Baron Instetten, der sich vorm Vollzug die Schlafanzughose vom Hintern streift, sondern den Schauspieler Sebastian Koch.

Alle diese Zeitgenossen unserer herrlich aufgeklärten Epoche bewegen sich in den herrlichsten Kulissen, und wir sehen, was alles mithilfe unseres Solidaritätsbeitrags im Osten restauriert worden ist. Dass die Allee Unter den Linden ohne Autos schöner ist und immer noch sehr prächtig, das zu sehen ist eine Freude. So gehen wir alles in allem getröstet aus dem Kino, denn die Zeiten, da der Mann so unumschränkt-brutal die Frau beherrschen durfte, sind glücklicherweise vorbei, und die schönen Fassaden dieser Zeit sind noch da, wenn auch leider zu wenige. Aber man kann nicht alles haben. Zugunsten dieses Films wäre immerhin zu sagen, dass er bedenkenlos am Samstagabend im Fernsehhauptprogramm gezeigt werden kann.