Fotografie Es war einmal in Amerika
William Eggleston ist der Großmeister der Farbfotografie. Das Münchner Haus der Kunst zeigt erstmals in Deutschland unbekannte Arbeiten des Künstlers
Ist es die Spontaneität des Schnappschusses? Wie sich das eine Mädchen dem anderen zuwendet, das die Hände über dem Bauch gefaltet, den Blick gesenkt hält. Oder sind es die Farben, die dieses mehr als 30 Jahre alte Foto so gegenwärtig wirken lassen, als sei es eben erst für die französische Vogue entstanden? Das tief gesättigte Rot des einen Kleids, das Blau des anderen, dazu die goldblonden Locken und der abgewetzte, grünliche Bezug des Sofas. William Eggleston sei der Erfinder der Farbfotografie, behauptete das Museum of Modern Art 1976, als es zum ersten Mal eine große Retrospektive des Fotografen aus Memphis zeigte. Und auch heute seien alle Farbfotografen von diesem Großmeister beeinflusst – sagt der Schauspieler und Filmemacher Dennis Hopper, der mit Eggleston auf Fotosafaris durch die amerikanische Provinz ging: »Zumindest all jene, die einen guten Geschmack haben.«
Nicht nur die Farben und die Schnappschussästhetik haben Eggleston berühmt gemacht, auch sein Blick auf die Menschen und den Alltag hat das getan, ein Blick, den er selbst einmal als »demokratisch« bezeichnete. Kein Gefrierfach, kein Kabel, kein Staubsaugerrohr ist ihm ästhetisch zu belanglos, um nicht abgelichtet zu werden. All das betrachtet er mit einer Melancholie, die noch verstärkt wird durch dieses warme Nachmittagslicht, das man auch von den Gemälden Edward Hoppers kennt. Es legt sich auf einsame Leute und auf gewöhnliche Dinge. Etwa auf einen Mann im gelben Poloshirt, der vor einem Glücksspielautomaten sitzt und in die Ferne schaut. Und wartet. Vielleicht schon sein Leben lang. Wer Eggleston kennt, kennt dieses Foto. Aber selbst Kenner können vom 20. Februar an in einer Retrospektive im Münchner Haus der Kunst bisher unbekannte Bilder entdecken. Etwa das von Egglestons Sohn Winston, einem Jungen mit bravem Scheitel und milchigen Wangen, der sich versonnen eine Werbung für Handfeuerwaffen anschaut.
Auch in der größten Trostlosigkeit der amerikanischen Provinz hat Eggleston noch Glanz eingefangen, eine Rest-Coolness, die uns nostalgisch stimmt. Gerne würde man in einen dieser alten Chevrolets oder Cadillacs steigen, die man auf seinen Fotos sieht, und damit durch sein Amerika fahren. Tobias Timm
- Datum 17.02.2009 - 08:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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