Was soll das eigentlich heißen, The International? Die Internationale? Wo das bekannte Lied zukunftsträchtige Versprechen und Forderungen anzubieten hat – Befreiung, Aufstehen, Signalehören –, geht es bei Tom Tykwers internationaler Verschwörung um eine maximal dystopische Internationalität. Früher, als internationale Unternehmungen langsam von der revolutionären zur kapitalistischen Seite zu rutschen begannen, erfand man zur Unterscheidung den Begriff »multinational«. Dem folgte die scheinbar absolute Ausweglosigkeit des Kapitalismus unter dem Namen »global«, aber selbst davon scheint The International noch eine Steigerung parat zu haben.

In Luxemburg residiert eine Bank, die sich in einer gigantischen Verschwörung im Schüren von Konflikten engagiert. Zu ihren Kunden zählt jeder, sogenannte Befreiungsbewegungen und ihre Gegner, Hisbollah und die CIA. Ihr einziges Ziel ist es, die globale Destabilisierung und die in ihrer Folge, vor allem in der dritten Welt schwelenden Konflikte zu hegen und auszubeuten. Ja nicht einmal auszubeuten, kontrollieren will sie, einfach nur kontrollieren, weiß ein Politiker, der von derselben Bank später im Kennedy-Stil gekillt werden wird. Einfach nur kontrollieren – das klingt fast nach einer Dämonie, die sich zu einer eigenen Kunstform steigert, nach dem Bösen um der Bosheit willen. Und tatsächlich ist die Kunst auf dieser Reise durch die Metropolen des Westens selten weit.

Agenten sitzen grübelnd vor Böcklin-Gemälden

Ich mag Filme, in denen ein Berliner sagt: Sowieso kommt um acht Uhr mit der Luxair aus Luxemburg an, und es gibt tatsächlich einen Flug dieser Gesellschaft, der morgens um acht in Tegel landet. So sucht Tykwer für die eher raunende Räuberpistole der ganz großen Verschwörung nach klaren Bilder aus dem konkreten Alltagsleben und dem City-Marketing. Er findet sie bei liebevollen Architekturstudien berühmter sogenannter signature buildings. Zur anderen Seite der Verschwörungstheorie wird nämlich der Versuch – und auf den verwendet dieser Film am meisten Mühe, und das nicht ohne Erfolg –, zeitgenössischer globaler Macht in der internationalen neueren Architektur des Westens ein Gesicht zuzuweisen.

Vom neuen Berliner Hauptbahnhof bis zum brandneuen Banken-, Museen- und Opernhausviertel in Luxemburg führt die Handlung das zentrale Detektivpaar (Clive Owen und Naomi Watts) zu Gebäuden, die erst in den letzten Jahren fertig geworden sind. Sie wollen, aus modernistischer Tradition kommend, die aufklärerische Bauästhetik mal erweitern, mal zu spiegelnden Fetischfronten fixieren, immer aber eine Transparenz zur Schau tragen, die dialektischerweise gerade verhüllt und verbirgt, wie sich Macht strukturiert. Sie schwelgt lediglich narzisstisch in der Verselbstständigung schöner, leerer Struktur. Da diese Architekturkritik aber wiederum latent vertraut ist, kann man solche Gebäude auch direkt als Gestalt undurchschaubarer Macht casten, ohne sie, wie etwa in Luxemburg gut gelungen, zu analysieren. Damit wächst natürlich die Gefahr, ein Vorurteil gegen die da oben und die dazugehörigen präpolitischen Verschwörungstheorien nur zu reproduzieren, statt zu zeigen, wie Macht sich gerade durch ihre Unsichtbarkeit in Spiegeln und Glasfassaden konfiguriert.

Die Steigerung der architektonischen Ambivalenz und die geheime Währung, die Vertreter und Gegner des Bösen verbindet, ist die Bildende Kunst. Agenten sitzen grübelnd vor Böcklin-Gemälden in der Alten Nationalgalerie und sagen sich Melancholisches. Nebenbei fällt ein Mordauftrag ab. Die brillante endlose Schießerei im Guggenheim-Museum hat es schon drei Tage nach der Berlinale-Premiere zu legendärem Status gebracht. Eine – nur für den Film konzipierte – Ausstellung mit Bewegtbild-Installationen von Julian Rosefeldt macht das Geballer zwischen dem Interpol-Agenten und seinen über die aufsteigende Rampenspirale verteilten Gegnern buchstäblich undurchsichtig.

Fast schon zu allegorisch stehen die neuen Bewegtbildformate der klassischen Kinoschießerei im Wege – um sie gerade dadurch zu intensivieren. Gespielt wird einmal mehr mit der Idee, dass die zynische Selbstzweckhaftigkeit zeitgenössischen globalen Kapitalismus selbst eine ästhetische Komponente hat. Dämonische Widerlinge waren im Weltverschwörungsgenre ja schon seit den alten Mabuses, erst recht bei den verschiedenen James-Bond-Antagonisten ausgesprochen kunstsinnig. Jetzt, wo die Dämonie systemisch geworden ist, ähnelt die Weltverschwörung selbst einer ästhetischen Operation. Es tut allerdings auch dieser Idee ganz gut, dass sie nur angespielt wird.