Kunst Lustvolle Zerstörung

Das "Futuristische Manifest" prägt seit 100 Jahren die moderne Kunst – und unseren Alltag. Noch im iPhone zeigt sich seine Macht

Mal angenommen, die futuristischen Künstler von einst kämen für ein paar Tage herübergereist ins Krisenjahr 2009. Sie sähen sich um, läsen die Zeitung – und könnten ihr Glück kaum fassen. Was für eine großartige Zeit!, würden sie lauthals schwärmen. Wie glorreich der Bankrott der Banken! Wie herzerquickend die Ratlosigkeit der Politik! Und weil die Künstler des Futurismus immer schon gern Manifeste schrieben, würden sie auch diesmal eines verfassen, eine Hymne auf »Die Schönheit des Abgrunds« oder auf »Das Ende des Gelds«.

Uns Kleinmütigen aber, die wir zusähen, verblüfft oder erbost ob solcher Dreistigkeiten, würden sie ins Gesicht lachen. Schaut nicht so trübsinnig!, riefen sie. Ist doch fantastisch, dass endlich alles zusammenbricht! Denn nur im Zusammenbruch liegt das Heil!

Schon zu ihren Lebzeiten, als vor hundert Jahren die große Bewegung begann, als am 20. Februar 1909 auf der ersten Seite des Figaro das Futuristische Manifest erschien, priesen die Künstler wollüstig Vernichtung und Untergang. »Steckt die Bibliotheken in Brand!«, forderten sie die Leser auf. »Leitet die Kanäle ab, um die Museen zu überschwemmen! Lasst sie dahintreiben, die glorreichen Bilder! Nehmt Spitzhacken und Hammer! Untergrabt die Grundmauern der hocherwürdigen Städte!«

Nichts Geringeres planten die Futuristen als die totale Zertrümmerung der Vergangenheit. Vor allem ihr Heimatland Italien wollten sie befreien »von seinem Krebs von Professoren, Archäologen, Ciceronen und Antiquaren«. Und damit das auch wirklich gelinge, riefen sie umstandslos zu den Waffen: »Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt!«

Man stelle sich vor, diese Flammenworte stünden auf der Seite eins der ZEIT – die Leserbriefseite liefe über, der Chefredakteur müsste um seinen Posten fürchten. Denn wie kann man so etwas drucken? Das sind doch Hetzer! Fanatiker! Brandgefährliche Barbaren!

Und ja, sie waren es wirklich. Sie verherrlichten die Gewalt, sie huldigten dem Hass, sie verachteten die Frauen (»Der Feminismus ist ein Gehirnfehler«); selbst mit den italienischen Faschisten paktierten sie für einige Jahre, so unbedingt war ihr Wille zur Macht. Doch seltsam, obwohl die Futuristen ganz offenkundig verblendet waren – sie stehen uns nahe, viel näher, als uns lieb sein kann. Und besser, man hält sich mit vorschnellen Beschimpfungen zurück. Denn wenn diese Künstler Hetzer, Fanatiker, Barbaren waren, dann sind wir es erst recht. Sie haben die kruden Manifeste ja nur geschrieben; wir aber leben danach. Erst in unserer Zeit erfüllen sich viele ihrer geradezu prophetischen Texte. Fast alles, was unsere Vorstellung von Welt und Wirklichkeit, von Kunst und Leben heute bestimmt, haben die Futuristen vorweggenommen.

Viele meinen ja noch immer, beim Futurismus handele es sich um eine kurze und letztlich unbedeutende Aufwallung einiger italienischer Provinzkünstler. Aus der Ferne betrachtet, stimmt das sogar: Unter der geistigen Führung des Schriftstellers Filippo Tommaso Marinetti, der das Futuristische Manifest verfasst hatte, versammelten sich Maler, Architekten, Musiker, Theaterleute und weitere Schwarmgeister, um kampfeslustig eine neue Kunst zu proklamieren. Doch glichen ihre Bilder und Skulpturen auffällig dem, was die Kubisten in Paris damals längst praktizierten. Und so sind denn auch nur wenige futuristische Werke heute noch der Rede wert, die kristallin zersplitterten Landschaften von Giacomo Balla zum Beispiel oder die sturmzerzausten Bewegungsstudien von Umberto Boccioni.

Als bahnbrechend und ungeheuer einflussreich erwies sich hingegen die geistige Beweglichkeit der Futuristen, ihre von Nietzsche und Bergson befeuerte Sehnsucht, die Kunst mit dem Leben zu verschmelzen und auf diese Weise das eine wie das andere von Grund auf zu erneuern.

Deshalb wollten sich die Futuristen aus dem Klammergriff der Geschichte befreien und hätten selbst Venedig gern zerstört und »die kleinen, stinkenden Kanäle mit dem Schutt der alten, einstürzenden Paläste« aufgefüllt: weil diese Künstler glaubten, nur so könne eine andere, bessere Welt entstehen. Sie erfanden das Prinzip Avantgarde, die Vorstellung, dass der Mensch sich aus dem Nichts heraus neu erfinden könne und niemand anderes für diese Neuerfindung besser geeignet sei als die Künstler.

Schluss sollte sein mit Besinnung und Ergötzung, mit Harmonie und Schönheit. »Töten wir die Feierlichkeit, wo immer wir sie finden!«, das war ihr futuristischer Schlachtruf. Nicht um Werke sollte es den Künstlern fürderhin gehen, sondern um Taten, so spektakulär und radikal wie irgend möglich. »Kunst kann nur Gewalt sein, Grausamkeit sein« – auch das steht in ihren Manifesten.

Unzählige Künstler haben sich seither für das futuristische Credo begeistert, allen voran die Surrealisten und die Dadaisten. Auch Happening, Action-Kunst und Pop-Art, alle Künstlerbewegungen, die nach Entgrenzung streben, nach der Auflösung des Werkbegriffs, die mit Schock und Skandal die Menschen wachrütteln und zu einem neuen Sein bekehren wollten, stehen in der Nachfolge der Futuristen.

Viele hatten zwar von den Manifesten nie gehört, andere kannten sie nur vom Hörensagen und scherten sich nicht weiter um die faschistisch-totalitären Anfänge der Avantgarde. Doch die Ideale des Futurismus, der Glaube an den Fortschritt, an die Grenzüberschreitung, an die Macht des Tabubruchs flossen in ihre Kunst ein und vererbten sich von Generation zu Generation. Auch heute sind viele Künstler noch vom alten Fortschrittsglauben und Avantgardedenken geprägt. Und selbst die Verachtung für alles Traditionelle ist weiterhin lebendig. »Ein altes Bild bewundern, heißt unsere Sensibilität in eine Ascheurne schütten«, das scheinen die futuristischen Künstler ihren heutigen Kollegen noch immer zuzuraunen. »Machen wir endlich Schluss mit den Porträtisten, den Malern von Interieurs, von Seen, von Bergen! Wir haben sie lange genug ertragen, alle diese impotenten Sommerfrischen-Maler!«

Doch sind es keineswegs nur die Künstler, die im Bann der Futuristen stehen. Auch der Rest der Welt, die Nichtkünstler scheinen infiziert, vor allem von der Begeisterung für die »Schönheit der Geschwindigkeit«, für jede Form von Technik und Tempo. »Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale«, das war eine ihrer Losungen. Übersetzt heißt das: Die Futuristen wollten eine Gesellschaft wie unsere, hektisch, haltlos, durchflexibilisiert. Sie träumten von der totalen Mobilisierung, von Autobahnen ohne Tempolimit, von Billigfliegern, ICEs, von einer globalen Simultanität mit Internet und Mobiltelefon.

In ihrer Euphorie für alles Schnelle und Laute sahen sie voraus, dass der Mensch eines nicht fernen Tages »über Zeit und Raum herrschen« wird. Denn »die Welt schrumpft durch die Geschwindigkeit zusammen« und schrumpft erst recht, seitdem es Navigationsgeräte und tragbare Telefone gibt. Jetzt ist selbst die größte Fremde ganz nah: Überall sind wir erreichbar, nirgends können wir mehr verloren gehen.

Mehr als alles andere hätte die Futuristen aber das iPhone entzückt, dieser Fototelefoninternetallesverbinder mit seinem Touchscreen, den man nur streicheln muss, schon hat man die ganze Welt in Händen. Auch die Futuristen pflegten schon eine hocherotische Beziehung zur Technik, nur zu gern liebkosten sie ihre Autos, »ihre heißen Brüste«, und wären am liebsten eins mit ihnen geworden. Genau wie manche Gentechniker von heute wollten sie Mensch und Maschine vermählen und hofften darauf, der freie Wille des Individuums käme bald an sein Ende und das Subjekt würde sich auflösen in ein großes, evolutionäres Riesen-Ich.

Ganz gleich also, wohin wir schauen – überall futuristische Spuren. Der Abrisswahn in unseren Städten? »Es steht die Zerstörung der Häuser und Städte bevor, um große Treffpunkte für die Automobile und Flugzeuge zu errichten.« Die Flussbegradigungen? Die Donau wird »bald mit 300 Kilometern pro Stunde in gerader Linie fließen«. Der Extremsport? »Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen.« Der Schlankheitswahn? »Der moderne Mensch muss einen flachen Leib haben, um unter der Sonne klare Gedanken zu haben.«

Selbst die Experimente der heute umschwärmten Molekularküche haben die Futuristen antizipiert, als sie Kandierte atmosphärische Elektrizität oder eine Luftspeise zum Anfassen erfanden. Nur mit der geplanten Abschaffung der Nudel, die ihnen viel zu weich und unmännlich erschien für ihre stramme neue Zeit, waren sie am Ende doch nicht erfolgreich.

Und noch eines hat sich nicht erfüllt: Der Mensch ist kein anderer geworden. Inständig hatten die Futuristen daran geglaubt, mit der Beschleunigung werde sich unser Wahrnehmungsapparat verändern, und das Leiden am unausgesetzten Wandel, an den Ambivalenzen der Moderne, würde sich in Lust verwandeln. Doch obwohl alles kam, wie sie es sich erhofften, obwohl ein Jahrhundert voller Gewalt, Krieg und Terror hinter uns liegt, technikselig und menschenverachtend, sind Angst und Gier noch immer die Alten.

Eine Bilanz nach hundert Jahren Futurismus fällt daher höchst paradox aus: Die Avantgarde hat gesiegt, wir sind zu ihren Jüngern geworden. Und doch ist dieser Sieg nicht mal ein halber, denn vom Idealismus der Futuristen, von ihrer Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft, ist nichts mehr übrig. Für die Künstler lag damals die Zukunft zum Greifen nah, heute hingegen blicken wir lieber versonnen zurück in die Vergangenheit. Noch die größten Experten wissen nicht zu sagen, was in sechs Monaten sein wird, geschweige denn in sechs Jahren. Zudem ist uns mit den prognostischen Fähigkeiten auch das Zutrauen abhandengekommen – oder umgekehrt? Jedenfalls fehlt uns heute jeder Glaube daran, dass alles auch ganz anders sein könnte. Es fehlt die Utopie. Und so rasen wir in der Zeit dahin, ganz wie die Futuristen es wollten. Doch ist es eine Rasanz ohne Ziel und ohne Steuerung.

Im Grunde zweifelt ja kaum jemand daran, dass wir einen radikalen Wandel brauchen, einen ökonomischen und ökologischen Neuanfang. Woher aber soll die Veränderung kommen, solange alle meinen, sie seien in den Zwängen der Notwendigkeit gefangen? Auch die meisten Künstler folgen selbstzufrieden ihren restfuturistischen Ritualen, politisieren ein wenig, skandalisieren mitunter, sind nach Kräften radikal. Und niemand kommt auf die Idee, sich zu einer großen Bewegung zu verbünden, niemand möchte den Burgfrieden der Spätmoderne stören, niemand sich auflehnen gegen die Alten, niemand Gerhard Richter oder Georg Baselitz den künstlerischen Tod wünschen. Es gibt keine Sezessionen, keine Rebellionen und erst recht keinen avantgardistischen Traum von einer anderen Gesellschaft.

Gewiss haben die Künstler recht mit ihrer Enthaltsamkeit. Nach den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ist es klug, sich nicht schon wieder als Weltbeglücker aufzuspielen. Hans Magnus Enzensberger wusste es schon vor 50 Jahren: »Jede heutige Avantgarde ist Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug.« Und doch steht nirgends geschrieben, dass die Künstler für immer zukunftsblind um sich selbst kreisen müssen. Nirgends ist verfügt, die Avantgarde sei endgültig ausgestorben. Denn wo, wenn nicht im großartigen Freiheitsraum der Kunst, sollte der Mensch wieder lernen, sich ein anderes Morgen auszumalen? Und wer, wenn nicht die Künstler, könnte damit beginnen, die gesellschaftliche Zukunft aufzureißen?

Die Zeit dafür ist selten günstig. Alle Stilkriege sind beigelegt, alle ästhetischen Scharmützel befriedet. Jetzt könnte sich die Kunst wieder frei fühlen. Nicht unbedingt, um erneut mit dem Leben zu verschmelzen. Nicht, um in futuristischer Manier Museen und Altstädte in Brand zu setzen. Frei aber, um neugierig in den Blick zu nehmen, was nicht ist, was aber sein könnte.

Seid überschwänglich!, will man den Künstlern zurufen. Seid haltlos, seid abwegig, seid nicht länger die Kinder eurer Zeit! Schreibt Manifeste, an denen wir uns wieder entzünden! Und an die man sich staunend erinnert, selbst nach hundert Jahren noch. Die Avantgarde ist tot; es lebe die Avantgarde!

 
Leser-Kommentare
  1. Von Italien, mit einiger Verspätung dann auch jenseits der Alpen, gingen im Verlauf von etwas über 500 Jahren zwei Strömungen aus, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten : die Renaissance und der Futurismus. Während sich die Renaissancekünstler dem Gedanken der "Wiedergeburt" widmeten und mit der Rückbesinnung auf längst vergangene Kulturen einen schöpferischen Prozess in Gang setzten, der bis heute seine positiven, nachhaltigen Wirkungen auf uns hat, predigten die Futuristen tabula rasa, Zerstörung und Untergang.

    Dieses, jeder Menschlichkeit zutiefst widerstrebenden Manifest, dessen globale Folgen in der Gesellschaft auch heute noch die Nachgeborenen heimsucht, möglicherweise aus den Traumata des 1. Weltkriegs geboren, sollte eigentlich längst überholt sein. Und es hat nichts mit Tempobeschleunigung, Schlankheitswahn oder dergl. zu tun. Auch die alten Griechen frönten der Schönheit. Fette Götter : Fehlanzeige.

    Bedauerlicherweise wird in diesem Artikel wenig differenziert, was vielleicht einer gewissen Faszination des Autors für die Futuristen und ihrem Untergangswahn gezollt sein mag - ein, wie es der Artikel immerhin andeutet, männliches Problem. Die Lust an der Zerstörung ist bis heute aktuell, und wenn sie nur Mobbing heisst.

    Was fehlt, und was schon seit langem in der Kultur ausgeklammert, wenn nicht ausgemerzt, weil offenbar altmodisch, ist der Begriff der Ethik. Das "ich darf alles, weil ich Künstler/In bin" oder "ich kenne keine Grenzen" ist jedoch eher eine Art kleinkindliches Verhalten. Folgerichtig spielt ein Teil unserer Gesellschaft schon seit Jahren mit dem Feuer, ohne dass sie daran gehindert worden wäre, geschweige denn, dass sie es wirklich gesehen hätte. Das Bankendesaster, dessen Auswirkungen auf uns alle noch nicht abzusehen ist, und wenn ja, möchte man am Liebsten nicht darüber nachdenken, könnte auch, im Sinne der Futuristen ein künstlerischer Akt sein. Und wer es versteht, über 50 Milliarden Dollar zu vernichten, ohne dass ihn jemand daran gehindert hätte, müsste im Sinne der Futuristen geradezu ein Genie sein.

    Wer tabula rasa will, wer die Opernhäuser in die Luft sprengen will, muss sich darüber im Klaren und bereit sein, selbst wieder bei Null anzufangen, wenn er ehrlich sein will - und das bedeutet auch, ohne die ganzen Erleichterungen zu leben, die uns die heutige Zivilisation beschert. Wollen wir das wirklich ? Wollen wir die ausradierten Städte, die Trümmerlandschaften ? Eine wahre, konstruktive Zukunftsvision kann dagegen nicht ohne die Kenntnis des Vergangenen entstehen und eine Rückbesinnung auf ihre Werte (anstatt auf ihre Desaster) : das hat uns die Renaissance gelehrt. Sie hat sich auf Vitruv gestützt und nicht auf das "cetero censeo cartaginem esse delendam".

    • ener-b
    • 18.03.2009 um 11:37 Uhr

    Folgt man den Ausführungen des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz, kann es heute kein Futurismus mehr geben, weil seine einstigen Protagonisten nicht mehr am Leben sind. Und doch ist der Futurismus allgegenwärtig. Nicht in Verbindung mit dem Faschismus, welche die dunkle Seite diese Epoche war, auch nicht als abgeschlossenes Kapitel, abgeheftet im Museum.

    Nein, der Futurismus existiert noch immer, immer noch als Revolte. Im Kampf gegen das Bürgerliche, gegen den Mainstream. Als Provokation, die das Herkömmlichen wegfegen will. Das Gewohnte, durchzogen mit Strukturen von Mogulen, gegen die man als Kunstschaffender keine Aussicht hat eine gewisse mediale Wirkung zu erreichen.

    Im Versuch dem Geschrei der Großstadt - der Sinfonie - entgegen zu treten, existiert laut und unheimlich eine Gruppe um den Autoren Alexander Graeff, die sich dem Erbe des Futurismus mit der Electro-Avantgarde Formation KOMA69 verschrieben hat. KOMA69 verbindet verschiedene Aspekte der Kunst: Wort, Bild und Musik. KOMA69 feiert 100 Jahre Futurismus!

    Es lebe der Futurismus. Feiert 100 Jahre Futurismus! Feiert!

    www.koma69.com

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