Literatur Fromme Wünsche

Seit zwanzig Jahren lebt Salman Rushdie mit der Todesdrohung

Dass Bücher manchmal die Welt verändern, merkt man oft erst später. Die Publikation des Archipels Gulag von Alexander Solschenizyn (1974) war der Anfang vom Ende des Kommunismus, aber wirklich sichtbar wurde das erst 15 Jahre später, als der Eiserne Vorhang in sich zusammenfiel. Die Veröffentlichung der Satanischen Verse und der Mordaufruf des Islamisten Chomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie vor 20 Jahren, am 14. Februar 1989 – das war, wie man heute sieht, der Anfang vom Ende des Kulturrelativismus. Er zeigte sich darin, dass nicht wenige Zeitgenossen damals die Ansicht äußerten, die Glaubensgewissheiten orthodoxer Muslime und die Menschenrechtsvorstellungen der westlichen Welt seien gleichrangig und die Kunstfreiheit müsse angesichts der religiösen Empfindlichkeiten einer anderen Kultur zurückstehen. Man schlug vor, Rushdie solle die weitere Verbreitung des Romans unterbinden, zumindest die anstößigen Passagen streichen.

Natürlich ist der Kulturrelativismus nicht ausgestorben, so wie ja auch der Kommunismus noch immer seine Anhänger hat. Doch sieht man heute deutlicher, dass dieser Relativismus einer Selbstpreisgabe gleichkommt. Die Menschenrechte gelten ganz und gar – oder eben nicht. Wer die Folter ein bisschen erlaubt, der erlaubt sie ganz, und wo die Meinungsfreiheit je nach politischer Opportunität ein bisschen eingeschränkt wird, da existiert sie prinzipiell nicht. Es kommt hinzu, dass die Kunstfreiheit gerade deshalb geschützt werden muss, weil sie dem unwissenden Verständnis nicht immer spontan einleuchtet. Was in einem Roman gesagt wird, gewinnt seinen oft vieldeutigen Sinn wesentlich aus der ästhetischen Form und im fiktiven Raum des künstlerischen Gebildes.

Das versteht sich nicht von selbst und führt immer wieder zu Konflikten, auch in der christlichen Welt. Ein halbes Jahr vor der Fatwa gegen Rushdie erregte Martin Scorseses Film Die letzte Versuchung Christi den Zorn christlicher Fundamentalisten, sie zündeten ein Pariser Kino an. Aber einen Mordaufruf hat es erstmals im Fall Rushdie gegeben, und er blieb nicht ohne Folgen. Nicht nur, dass sich der Autor fortan verstecken musste wie ein Verbrecher. Es gab Bombenanschläge auf Buchhandlungen, der italienische Übersetzer wurde schwer verletzt, der japanische umgebracht.

In Deutschland drängte der Fall der Mauer im Herbst 89 das Thema rasch in den Hintergrund. Auch die internationale Öffentlichkeit wendete sich von Rushdie mehr und mehr ab, und zuweilen hatte es den Anschein, als habe er sich sein bedauernswertes Los letzten Endes selber zuzuschreiben. Erst der Anschlag vom 11. September 2001 machte aller Welt klar, dass der Bequemlichkeitsfriede der Multikulturalisten nichts als ein frommer Wunsch war. Nun war Wirklichkeit geworden, was die Satanischen Verse vorausgeahnt hatten, der Konflikt gegensätzlicher Kulturen. Er ist, recht verstanden, kein Krieg, sondern eine geistige Auseinandersetzung. Man kann sie nur führen, wenn man sich seines Herkommens und seiner unveräußerlichen Überzeugungen sicher ist. Salman Rushdies Fall hat dies dramatisch klargemacht. 

 
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