»Mir sind Jobs in China ebenso wichtig«

Wie viele ihrer 95000 Mitarbeiter wird die BASF entlassen? Ein Gespräch mit ihrem Chef Jürgen Hambrecht über die Gewalt der Krise und mögliche Auswege

DIE ZEIT: Herr Hambrecht, im November hat die BASF wegen der Wirtschaftskrise gut ein Viertel der Chemieproduktion gestoppt. Vorübergehend, wie es hieß. Wie sieht es heute aus?

Jürgen HAMBRECHT: Es kann sein, dass wir unsere Kapazitäten noch weiter reduzieren müssen. Die Elektronikbranche ist weltweit eingebrochen, und die Autoindustrie hat ihr Tal noch nicht erreicht. Wenn diese wichtigen Kunden plötzlich nur noch die Hälfte bestellen, gibt es wenig Alternativen. Momentan sieht es rabenschwarz aus, aber wir hoffen, dass sich die Lage stabilisiert, wenn die Kunden ihre Vorräte abgebaut haben. Auch aus Asien kann ein Schub kommen, wenn die Fabriken dort nach dem chinesischen Neujahrsfest wieder mit der Arbeit beginnen.

ZEIT: Vor einem Jahr waren Sie ungleich optimistischer, obwohl die Probleme in der Finanzbranche damals schon bekannt waren.

HAMBRECHT: Ich muss es zugeben: Das Ausmaß des Abschwungs hat auch mich überrascht. 1976, als ich bei der BASF anfing, war ein sogenanntes Krisenjahr. Auch danach haben wir einige Krisen durchgestanden: 1992 bis 1993 nach dem Abflauen des Wiedervereinigungsbooms, 1997 in Asien und 2001 nach den Anschlägen auf die USA. Aber dass die Probleme in Amerika, Asien und Europa synchron auftreten, habe ich in über 30 Jahren bei BASF nicht erlebt.

ZEIT: Inzwischen denken Sie daran, Werke auf Dauer zu schließen, und Sie bauen Jobs in den USA und in Südkorea ab. Wie viele ihrer 95000 Mitarbeiter werden Sie insgesamt entlassen?

HAMBRECHT: Wir werden uns in Europa, Amerika und auch in Asien von weniger effizienten Anlagen trennen müssen. Unter normalen Umständen wären diese Betriebe im Lauf der Zeit durch Neuinvestitionen ersetzt worden. Jetzt machen wir manches früher zu als geplant. Wo und wie viele Jobs das kostet, kann ich nicht sagen, die Krise ist nicht zu Ende. Und weil unser Unternehmen global arbeitet, kann man leider nicht jeden, der an einer Stelle nicht mehr gebraucht wird, irgendwo anders auf der Welt einsetzen.

ZEIT: In Deutschland gibt es das Instrument der Kurzarbeit für maximal 18 Monate. Reicht das, um Arbeitslosigkeit zu verhindern?

HAMBRECHT: In der Chemie können wir dieses Instrument leider nur begrenzt einsetzen. In Betrieben, die nicht rund um die Uhr arbeiten und wo die Produktion täglich mehrfach angefahren wird, geht notfalls auch eine Viertagewoche. Ein Cracker aber …

ZEIT: … also eine Anlage wie hier in Ludwigshafen, die Rohbenzin in seine Einzelteile zerlegt.

HAMBRECHT: … so ein Cracker lässt sich nicht beliebig an- und ausschalten. Der muss sieben Tage die Woche laufen, 24 Stunden lang. Kurzarbeit ist da keine Option. Deshalb müssen wir dort vielleicht auch drastischere Maßnahmen ergreifen.

ZEIT: Planen Sie, deutsche Jobs zu streichen?

HAMBRECHT: Ich bin Chef eines transnationalen Unternehmens und trage Verantwortung für die gesamte Belegschaft: Unsere Mitarbeiter in China oder anderswo sind mir genauso wichtig wie die in Deutschland.

ZEIT: In ihrem Werk Ludwigshafen, dem größten Chemiestandort der Welt, können Sie bis Ende 2010 niemanden entlassen. Bereuen Sie diese Zusage im Standortsicherungsvertrag?

HAMBRECHT: Nein, ganz im Gegenteil. Auch eine solche Vereinbarung enthält Öffnungsklauseln für Notfälle. Und wenn die eintreten, setzt man sich zusammen und sucht mit Augenmaß nach gemeinsamen Lösungen. Der Dialog mit unseren Arbeitnehmern ist konstruktiv und nachhaltig. In Kürze reden wir über eine mögliche Folgevereinbarung.

ZEIT: Eine Investition in die gute Laune Ihrer Leute?

HAMBRECHT: Hier geht es nicht um gute Laune, sondern um ein gemeinsames Ziel, den Erfolg unseres Unternehmens. Und wenn wir eine neue Vereinbarung entwerfen, bilden wir alle Notwendigkeiten ab, die wir für die Zukunft sehen.

ZEIT: Worüber reden Sie: Vorruhestandsregelungen wie früher oder eine Arbeitszeitverkürzung, wie sie Bayer gerade umsetzt?

HAMBRECHT: Für Details ist es noch zu früh. Aber wir sind stolz auf die Flexibilität und den Teamgeist unserer Mitarbeiter. In Ludwigshafen und Antwerpen wechseln derzeit Leute aus weniger ausgelasteten Betrieben in andere Betriebsteile, damit die Kollegen dort ihre Arbeitszeitkonten leeren können.

ZEIT: Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der Bundesregierung?

HAMBRECHT: Das Konjunkturpaket war richtig. Wenn die Realwirtschaft vollends einzubrechen droht, muss man etwas tun. Ich finde es auch gut, dass die Regierung nicht gleich das gesamte Pulver verschossen hat, sondern abwartet, wie die Maßnahmen wirken. Hinterher kann man nachjustieren. Ich zum Beispiel würde mir mehr Unterstützung für die Forschung wünschen.

ZEIT: Das wäre für Sie bares Geld wert.

HAMBRECHT: Ich denke da vor allem an kleinere Betriebe, die oft an der Forschung sparen, wenn es knapp wird. Wenn man eine Steuergutschrift auf die gesamten Forschungsausgaben bekommen könnte, wäre das eine Hilfe. Das Gleiche gilt übrigens für Kreditzinsen. Die Zinsschranke, die den steuerlichen Abzug einschränkt, ist für viele zu einer riesigen Belastung geworden.

ZEIT: Wäre es nicht besser, Sie würden auf die Ausschüttung einer Dividende verzichten, statt steuerliche Entlastungen zu verlangen?

HAMBRECHT: Wir haben versprochen, auch in schwierigen Zeiten eine Dividende auf Vorjahresniveau zu zahlen. Daran halten wir uns. Schließlich haben die meisten Aktionäre schon einen enormen Wertverlust erlitten.

ZEIT: Was macht Ihnen in der gegenwärtigen Krise am meisten Sorge?

HAMBRECHT: Der aufkeimende Protektionismus. Die Krise hat gezeigt, wie sehr wir voneinander abhängen. Schauen Sie sich Asien an. Die meisten dachten, die Milliarden Menschen stabilisieren mit ihrer Nachfrage inzwischen diese Region. Doch als der Westen schwächelte, ging das Wachstum dort derart zurück, dass wir es auch hier wieder merken. Wenn sich immer mehr Länder abschotten, verstärkt das die Abwärtsspirale. Das darf nicht passieren. Schließlich sind wir in der Vergangenheit doch immer nur durch den Export aus der Rezession gekommen.

ZEIT: Mit Zukäufen wollten Sie die BASF unabhängiger von der Konjunktur machen. Nun werden die teuren neuen Konzernteile in der Krise besonders stark getroffen. Ist Ihre Strategie gescheitert?

HAMBRECHT: Überhaupt nicht. Die Chemie ist die Querschnittsindustrie schlechthin. Wir liefern in alle Branchen und spüren natürlich auch deren Ausschläge. Die BASF mit ihrer breiten Basis steht momentan besser da als andere in der Branche.

ZEIT: Aber Bayer hat BASF längst an der Börse überholt. Inzwischen beträgt der Abstand beim Wert zehn Milliarden Euro.

HAMBRECHT: Bayer hat vor allem Pharma, die deutlich weniger zyklisch ist. Das Bild sah auch schon umgekehrt aus. Wir haben unseren Ehrgeiz nicht verloren.

ZEIT: Unglücklicherweise haben Sie vor wenigen Monaten auch noch Ciba gekauft. Das Schweizer Chemieunternehmen ist ein Sanierungsfall.

HAMBRECHT: Falsch. Zwei der drei Geschäfte von Ciba sind exzellent: die Kunststoff-Additive und der Pigmentbereich. Die Papierchemie ist sowohl bei Ciba als auch bei uns problematisch. Wir führen sie zusammen, um sie nach einer harten Restrukturierung profitabel zu machen.

ZEIT: Den Vertrag unterschrieben Sie ausgerechnet an dem Tag, als Lehman Brothers pleiteging.

HAMBRECHT: (lacht) Das ahnten wir natürlich.

ZEIT: Seither geht es mit der Weltwirtschaft steil bergab. Mit 3,8 Milliarden Euro war Ciba schon im September sehr teuer. Werden Sie den Kauf jetzt wenigstens nachverhandeln?

HAMBRECHT: Der Deal ist zu diesen Konditionen abgeschlossen, und wir werden uns vertragskonform verhalten.

ZEIT: Ihre Energietochter galt immer als Stütze des Geschäfts. Aber Risiken gibt es auch dort. Hatten Sie beim jüngsten Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine Angst, bald ohne Erdgas dazusitzen?

HAMBRECHT: Nein. Unser Gas kommt zum größten Teil über Weißrussland, deutlich weniger über die Ukraine. Zusätzliche Sicherheit geben uns große Erdgasspeicher.

ZEIT: Ihre russischen Geschäftsfreunde haben ein schlechtes Image.

HAMBRECHT: Das ist mehr ein Problem der Wahrnehmung. Was Russland angeht, war die Darstellung des Konflikts dieses Mal in den Medien schon fairer. Und dass die Ukrainer Gas abzapfen, ist jetzt wohl allen deutlich geworden.

ZEIT: Gleichwohl setzen die Russen ihre Rohstoffe als politisches Druckmittel ein.

HAMBRECHT: Wir haben selbst in schwierigsten Zeiten immer Gas bekommen. Unser Verhältnis zu Gasprom ist ausgezeichnet, auch deshalb, weil unsere russischen Partner nahezu die Hälfte an der Vertriebsgesellschaft Wingas besitzen. Wir haben von Anfang an gemeinsam investiert, übrigens 1993 – auch in einer Rezession. Damals wurden die großen Pipelines gebaut, von denen wir heute profitieren.

ZEIT: Auch das Geschäft mit der Landwirtschaft galt immer als krisenfest. Mit der Gentechnik laufen Sie aber weiter gegen Mauern. Bei der Zulassung der genmodifizierten Kartoffel Amflora sind Sie um ein weiteres Jahr zurückgeworfen worden.

HAMBRECHT: Was da abläuft, ist höchst problematisch. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Amflora schon zweimal freigegeben und ist dann von der Kommission ausgebremst worden – und das, obwohl wir auf dem Gebiet der gentechnisch veränderten Pflanzen nicht einen einzigen Hinweis auf Schäden für Mensch und Umwelt haben. Das hat gerade auch die deutsche Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard bestätigt. Die Amflora ist nun wirklich das Sicherste, was man machen kann. Kartoffeln vermehren sich nicht durch Pollen und fliegen auch nicht von allein durch die Luft. Wenn man dafür keine Freigabe kriegt, wofür dann?

ZEIT: BASF hat Klage eingereicht. Wieso legt sich das größte Chemieunternehmen der Welt wegen einer Kartoffel mit der EU-Kommission an?

HAMBRECHT: Letztlich geht es um die Frage: Wie ernähren wir eine Menschheit, die in den nächsten 30 Jahren auf neun Milliarden anwächst? Da spielt die grüne Biotechnologie eine ganz wichtige Rolle.

ZEIT: Amflora ist aber nicht zum Verzehr bestimmt. Es geht um industrielle Stärke-Gewinnung.

HAMBRECHT: Stimmt. Für uns ist Amflora aber auch ein Türöffner in Sachen Gentechnik. Was wir uns in Europa da leisten, ist in meinen Augen absolut grenzwertig.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

HAMBRECHT: Uns in Europa geht es gut. Nahrungsknappheit spielt bei uns zurzeit so gut wie keine Rolle. Rund um den Globus aber sterben laut Weltgesundheitsorganisation täglich 20000 Menschen an Unterernährung. Mir scheint, der Respekt vor den Armen dieser Welt geht verloren.

ZEIT: Sie glauben also, die Gentechnik könne das Hungerproblem lösen?

HAMBRECHT: Auch deshalb, weil Wasser eine immer knappere Ressource wird. 70 Prozent des Wassers wird heute für die Landwirtschaft gebraucht. Deshalb müssen wir Pflanzen entwickeln, die auf trockenen Böden wachsen können und einen höheren Ertrag bringen. Allein mit herkömmlicher Züchtung schaffen wir das nicht.

 
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