Es war eine Szene, wie sie Italien seit den Zeiten des Nationalhelden Giuseppe Garibaldi nicht mehr gesehen hatte.

Schauplatz war das prächtige Opernhaus von Neapel, das nach seiner Renovierung im Beisein des Staatsoberhauptes wiedereröffnet werden sollte. Als Präsident Giorgio Napolitano den Saal betrat, erhob sich die dort wartende Festgemeinde vollständig von den Sitzen. 1500 Menschen applaudierten minutenlang dem Präsidenten, einige riefen laut: »Es lebe die Verfassung!« Spontan ließ Dirigent Riccardo Muti die Nationalhymne spielen.

Der 84-jährige Napolitano hatte gewagt, was ihm in Italien kaum noch jemand zugetraut hatte: Silvio Berlusconi Einhalt zu gebieten. Bislang schien der Präsident in seinem Staatsamt langsam, aber unaufhaltsam zu erstarren. Von der Höhe seines Amtssitzes auf dem römischen Quirinalshügel pflegte der stets distanziert erscheinende Exkommunist Napolitano sich nicht in die Niederungen der Tagespolitik einzumischen. Bis zum vergangenen Samstag. Da weigerte sich der Staatspräsident Stunden vor seinem Auftritt in Neapel, eine Notverordnung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu unterschreiben.

In dem Konflikt zwischen Staats- und Regierungschef ging es, jedenfalls vordergründig, um die Komapatientin Eluana Englaro. Nach einem Autounfall vor 17 Jahren war die nunmehr 38-jährige Norditalienerin nie wieder aufgewacht. Sie dämmerte in einer Klinik vor sich hin, während ihre Eltern auf Eluanas Recht zu sterben pochten: Ihre Tochter habe vor ihrem Unfall mehrfach und eindringlich erklärt, in einem solchen Fall lieber sterben als bewusstlos leben zu wollen.

Sie zogen erstmals 1999 vor Gericht. Die Mutter erkrankte schwer an Krebs, der Vater ging durch alle Instanzen, bis ihm der Oberste Gerichtshof im Juli 2008 recht gab: Die künstliche Ernährung Eluana Englaros erfolge gegen den vormals erklärten Willen der Patientin und könne deshalb unterbrochen werden. Das Verfassungsgericht bestätigte dieses Urteil.

Und Berlusconi schwieg. Monatelang. Sterbehilfe und Patientenverfügung, in Italien seit Langem umstritten, waren für ihn kein Thema. Die Anregung der Opposition, ein entsprechendes Gesetz voranzubringen, war beim Regierungschef auf taube Ohren gestoßen. Um »Gedöns« wie Bioethik hatte der Machtpolitiker Berlusconi sich nie gekümmert. Das überließ er gern der Kirche – und die Bischöfe waren ihrerseits froh darüber, wenigstens in diesem Bereich nahezu ungebremst Politik machen zu dürfen. Indem sie den Politikern sagten, wie sie sich in Sachen Patientenverfügung zu bewegen hätten: gar nicht. Dabei ist Berlusconi kein gläubiger Katholik. Zu Papst Johannes Paul II. sagte er einmal: »Wir bringen beide eine siegreiche Idee in die Welt. Sie das Christentum und ich meinen AC Mailand

Aber dann kam Eluana. Jung, madonnenhaft schön, strahlend und gesund. Wenigstens auf den Fotos, die Tag für Tag in den Medien erschienen. Neuere Bilder von der Todkranken gab es nicht, die Familie hatte sie verweigert. Mit den alten Fotos von Eluana aber machte Berlusconi Politik. Er schwang sich zum Retter dieses schönen Mädchens auf. Er versprach, ihr höchstselbst den »Hungertod« zu ersparen. Die Eltern Englaro seien es offenbar leid, sich um ihre Tochter zu kümmern, höhnte er. Und: »Eluana ist so lebendig, dass sie ein Kind austragen könnte.«