Kaleidoskop TASCHENBUCH Schwärmerey
Franz Schuh über Bella Block, Hannelore Hoger, Theodor Storm und »Ein Lesebuch für Verliebte«
Die letzte Folge der deutschen Kriminalfilmserie Bella Block, ausgerechnet diesen Zweiteiler, mochte ich, ein Fan der ersten Stunde, nicht sehr. Bella Block erleidet im Zuge der Ereignisse ein Messerattentat und verliert in der Folge ihre Stimme. Dass die beste Sprecherin deutscher Sprache, Hannelore Hoger, eine Zeit lang ohne Stimme spielen muss, ist vielleicht ein Inbild für den Zustand des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Aber diese Überdramatisierungen von Kriminalhandlungen sind eine deutsche Unsitte, die an vielerlei Tatorten um sich greift. Dennoch war die Doppelfolge Am Ende des Schweigens von großer Wichtigkeit. All die Jahre hatten Bella Block und ihr Lebensgefährte Simon Abendroth, also Hannelore Hoger und Rudolf Kowalski, in einer Kunst ohnegleichen ihre komplizierte zarte und doch zugleich feste Beziehung vor Augen geführt. Würde man eine Montage dieser Kunst zeigen, Ausschnitte aus den Jahren der Gemeinsamkeit, es wäre lehrreich für Psychologen und Liebende. Lehrreich ist auch das Ende ihrer Beziehung. Es geht mit den beiden nicht mehr. Der Film zeigt auffällig ein schwarzes Buch mit dem Namen »Theodor Storm« drauf, und man hört auch entsprechende Verse, das Ende eines Gedichts: »Und wieviel Stunden dir und mir gegeben, / Wir werden keine mehr zusammenleben.«
Die Zeit ist hin heißt das Gedicht von Storm. Ich bin dankbar, davon erfahren zu haben – es ist in meinen Augen ein vollkommenes Gedicht. Karl Kraus hat über den Reim gesagt: »Er ist das Ufer, wo sie landen, / sind zwei Gedanken einverstanden.« Was dies heißen soll, kann man an Storms Abschiedsgedicht begreifen, in dem Trauer über den Abschied und die Einsicht in die Unerbittlichkeit, dass er sein muss, einander treffen. Nicht ohne Gier griff ich nach dem Lesebuch für Verliebte, herausgegeben von Patrick Hutsch (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009; 319 S., 8,– €). Ich wollte nämlich wissen, ob Die Zeit ist hin drin ist. Ist nicht drin, aber man trifft viele Bekannte: den Mythos von den drei Geschlechtern aus Platos Symposion, Schopenhauers Naturalismus, dem zufolge alle Verliebtheit, »wie ätherisch sie sich auch geberden mag«, allein im Trieb wurzelt; Brentanos wunderbares Gedicht: Es war einmahl die Liebe – ein Gedicht, in dem der Konflikt des Triebes, der blind ist, mit der Liebe, die ihn sehend machen kann, ausgetragen wird.
In der vom Herausgeber beibehaltenen Orthografie werden manche Wörter schön wie: »Schwärmerey«. Dieses Buch kann man entlang der Frage lesen, ob man sich der Liebe ausliefern oder ob man ihren Wahnwitz einfach lassen soll. Niemand wird Knigge widersprechen: An der Liebe hat »auch Eitelkeit; Langweile und Avanturengeist Theil, wobey nicht selten beide Partheyen, sowohl einander als auch sich selbst hintergehen«.
Nächste Woche erscheint an dieser Stelle die Kolumne »Vom Stapel« von Ursula März
- Datum 12.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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