Seit einiger Zeit schreibe ich Kolumnen für die Wiener Zeitschrift Volltext. Meist geht es da um Heimat, ein Wort, das ich mir neuerdings gönne. Ein immer wiederkehrendes Thema ist, wie Anfang der neunziger Jahre, als ich noch längst kein Schriftsteller war und in Frankfurt herumsaß (meinem nächsten Ausland – ich bin eigentlich Wetterauer und nur von der Vaterseite her Frankfurter)… wie damals meine ganze Umwelt wie in Panik aufsprang, nach Berlin ging und mich in meiner Frankfurter Ländlichkeit allein ließ. All diese Menschen, die damals nach Berlin eilten, behaupteten, kaum waren sie in Berlin, ein Leben andernorts als Berlin sei völlig undenkbar. Heute verstärkt sich mir dieser Eindruck umso mehr. Sie können woanders gar nicht leben, kommen aber regelmäßig zurück, um ihre in den Frankfurter Winkel gestellten Eltern zu besuchen, vor allem die weggezogenen Töchter, und zwar, wenn sie ihre Berliner Kinder bekommen und dann den Mann entsorgen oder er sich. Ich rede natürlich nicht von Berlinern, sondern von denen, die da hingezogen sind und sich ein Berlin, nein, eine Welt gemacht haben, wie sie sie gern haben wollten, als ginge das. Tocotronic dichtete damals die Zeilen: »Der da drüben ist jetzt DJ in Berlin / Überhaupt gehen jetzt einige da hin.«

Ich kenne diese »Ich kann nur hier leben«-Mentalität nur aus zwei Bereichen, nämlich einerseits der allerengsten Dorfsphäre, da handelt es sich um meist eher alt gewordene Menschen, die sich ein Leben ohne ihre allernächste Umgebung nicht nur nicht vorstellen können, sondern sofort desorientiert wären, wenn sie das Ortsschild passieren müssten. Ockstadt bei Friedberg in der Wetterau wäre hier zu nennen. Der andere Bereich lautet Berlin. Die Mentalität ist haargenau dieselbe, obgleich die einen sich offen, modern, gelassen fühlen und die anderen sich gar nicht fühlen, sondern in Panik geraten, wenn sie übers Dorfschild hinausmüssen, weil es schon eine Weltreise ist. Mir ergibt sich folglich jedes Mal, wenn ich in der offenen, gelassenen, modernen Stadt Berlin bin, die Atmosphäre urtiefster Provinzialität, im Grunde sind sogar die Ockstädter, die ich kenne, Weltbürger gegen all meine Berliner. Die Berliner sind sofort desorientiert, wenn sie der Welt begegnen, der Welt, die nicht Berlin ist und mit der sie nichts anfangen können, und einem Leben, das ihnen unführbar vorkommt wie einem jedem Dörfler das Leben in der großen, weiten Welt, die hinter dem Dorfschild beginnt.

Berlin ist eine Kunstwelt, die auf ähnlichen Ängsten gründet wie die Dorfwelt, nämlich auf der Angst vor dem da draußen, also vor, sagen wir, Paderborn, Münster, Freiburg. Literarisch verwerte ich das in meinen Wiener Kolumnen nun immer so, dass ich uns noch viel kleiner mache in unserer Frankfurter Apfelweinländlichkeit und demgegenüber Berlin immer größer. Es ist ja das Zentrum der Welt. Das hat zu einer Kolumne geführt, in der ich über eine Brecht-Matinee in Berlin schrieb, das war 2006. Da fuhr ich von Rom nach Berlin und trat im Berliner Ensemble auf, um Brecht-Gedichte zu lesen. Liebeslyrik aus dem Suhrkamp Verlag mit hessischem Zungenschlag, was zu einer Art Bierzeltklang führte: »Wie konntest du dich nur in so was schicken! / Das Wort für das, was du da tatst, war…« Brecht spart das letzte Wort aus, auf Hessisch käme der Reim gar nicht zustande.

Ein Berliner kann sich nirgends aufgehoben fühlen außer in Berlin

Zugleich machte mein Verlag, der Frankfurter Suhrkamp Verlag, einen Betriebsausflug nach Berlin. Es war wie immer, wenn wir Dörfler in die Stadt kommen. Wir erkennen unsereinen und sind froh und geborgen. Neulich hatte ich eine Lesung im Brecht-Haus, vorher gab es eine Demonstration gegen das Atomforum in Berlin. Das ist zwei Wochen her. Ich trat auf die Chausseestraße, sah die Banner der Demonstranten und erkannte in vorderster Reihe drei Wendländer. Ich habe mal im Wendland gewohnt. Man wohnt im Wendland wie in einem Asterixdorf. Auch wir begegneten uns im großen Berlin sofort wie eine gemeinsame Heimat. Ja, das ist die Wahrheit, ich sah meine drei Wendländer, und es wurde warm in mir.

So war es auch mit Suhrkamp. Als ich am Tag nach meiner Anreise zum Berliner Ensemble kam, da waren sie, da waren wir. Es war unzweifelhaft so, und wir standen unter uns herum wie die Wendländer, wir Suhrkampler in der großen Stadt. Da standen wir herum und gehörten zusammen, und ich musste an Arnold Stadler denken. Wenn seine Schwackenreuther in die große, weite Welt hinausfahren, dann singen sie im Bus zusammen aus Angst ihre Kirchenlieder. »Gelobt sei…!« Allerdings war der Suhrkamp Verlag mit dem ICE gekommen, und gesungen hatte niemand. Dennoch war es für mich, als sei es so gewesen. Ich sah sie, die Chefin, die Vertreter, die Lektoren, die Hersteller, und war glücklich wie in einer Heimat, am BE. So steht man auch im Auswärtsblock bei Spielen in gegnerischen Stadien und fühlt sich aufgehoben unter den Frankfurtern, ob man will oder nicht. Ein Berliner kann sich nirgends aufgehoben fühlen, da es draußen, außerhalb Berlins, nirgends seinesgleichen gibt, denn draußen, außerhalb Berlins, sind die Berliner alle plötzlich wieder Paderborner oder Münsteraner oder Frankfurter.

Nun springt mein Verlag auf, der auch meine Heimat ist, einerseits meine Suhrkamp-Heimat und andererseits meine Frankfurt-Heimat, und eilt selbst nach Berlin. Man fragt mich jetzt, was das für mich als Suhrkamp-Autor bedeutet. Keine Ahnung, sage ich. Wenn ich am neuen Standort in Berlin sein werde und meine alten Frankfurt-Suhrkampler sehen werde, wird es Heimat sein. Wenn ich neue Mitarbeiter sehen werde, die die Lindenstraße, das Verlagsgebäude in Frankfurt, gar nicht mehr kennen, werden sie vermutlich kein »Damals« mehr für mich sein, sondern Berlin. Aber es müsste schon der letzte Lindenstraßler aus dem Verlag entschwunden sein, meine Verlegerin inbegriffen, bevor ich nicht mehr dieses Gefühl hätte wie bei meinen Wendländern oder meinen Wetterauern. Es wird bei Suhrkamp in Berlin für mich sein, als ob ich einen aus meiner Heimat irgendwo da draußen träfe, und sei es in Berlin. Für mich sind die Leute in Berlin allesamt keine Berliner, sondern Paderborner, Münsteraner und Freiburger, ob sie wollen oder nicht. Mein Bruder wohnt auch da, er ist immer noch Wetterauer und spricht auch noch so, auch wenn er es gar nicht merkt. Und ich selbst werde vielleicht für Suhrkamp eine lebende Reminiszenz an früher sein. Es war einmal Frankfurt.