Kinder- und Jugendbuch Abschied von Opa Meume
Maggi Schneiders bewegender, völlig unprätentiöser Debütroman über das Sterben und das Loslassenkönnen
Von einem Tag auf den anderen war Opa Meume plötzlich grau geworden. Nicht seine Haare, die waren schon immer grau. Sondern sein Gesicht, seine Stimme und sein Blick. Davor, als Oma Meume noch lebte, war alles anders. Die beiden waren bunt.«
Emma ist erst neun, aber sie beobachtet genau, und was sie mit ihrem alten Nachbarn erlebt, beunruhigt sie zutiefst. Seit Jahren durfte sie immer dienstags und donnerstags nach der Schule zu Oma und Opa Meume gehen, die im selben Haus wie Emma wohnten. Anders als ihre berufstätigen Eltern hatten die beiden immer Zeit für Emma, lasen ihr vor, halfen bei den Hausaufgaben oder verwöhnten sie mit »Königsberger Klopsen, Pastetchen mit Hühnerfrikassee oder Himmel und Erde«. Und wenn sie sonntags ihren Sonntagswalzer tanzten, huschte Emma manchmal heimlich nach oben und schaute ihnen zu.
Doch eines Tages stirbt Oma Meume, und alles ändert sich. Opa Meume verstummt, wird dünner und dünner; er will nicht, dass Emma ihn weiter besucht. Immer wieder klingelt sie bei ihm, aber er redet an ihr vorbei mit Oma Meume, als wäre sie noch lebendig, und Emma denkt, dass er verrückt wird. Aber sie gibt nicht auf, und so langsam gelingt es ihr, ihn aus seiner Isolation zu befreien und mit ihr über seinen Schmerz zu sprechen. »›Ich glaube, wenn ein Mensch stirbt, bleibt das übrig, was man nicht sehen kann, das Innendrin‹, sagte er.«
Als die Sommerferien nahen, macht Emma sich Sorgen: Was wird nur aus Opa Meume, wenn sie mit ihren Eltern in die Ferien fährt? »Natürlich gab es die Altenpflegerin, aber die kümmerte sich nur um Opa Meumes Wohnung und seine Kleider … Ich hingegen kümmerte mich um sein Innendrin.« Kurzerhand versammelt Emma ihre drei besten Freunde und organisiert einen Hilfsdienst. Bei den Eltern ihrer Freunde kommt Emmas Initiative allerdings nicht gut an, und die Kinder dürfen den alten Herrn nicht mehr besuchen. Als sie aus den Ferien zurückkehrt, ist Opa Meume im Krankenhaus, und Emma muss Abschied nehmen. Doch weil sie weiß, dass er jetzt bei Oma Meume ist, kann sie ihn loslassen.
Unter den zahlreichen Kindergeschichten um die Beziehung zwischen Alt und Jung fällt dieses bewegende Debüt der in München lebenden Autorin Maggie Schneider aus dem Rahmen. Denn mit der kleinen Emma ist ihr das Porträt eines bewundernswert mutigen und zugleich sensiblen Kindes gelungen, das so viel mehr Verständnis für die Not eines alten Menschen hat als die Erwachsenen um es herum. Eine Figur, wie die Mecklenburger Künstlerin Jacky Gleich sie liebt – das strahlen ihre großartigen Bilder aus. Auch ohne den Text zu kennen, lernt der Betrachter das Kind und den alten Mann über deren Mimik und Körpersprache genau kennen, und es gelingt Gleich meisterhaft, Gefühle wie Glück, Trauer und Abschiedsschmerz in ihren Bildern zu spiegeln. Hilde Elisabeth Menzel
- Datum 12.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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