LUCHS Nr. 264 Jerusalem 1192
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Mirjam Presslers Roman »Nathan und seine Kinder« – frei nach Lessings großer Dichtung
Januar 2009. Ein palästinensischer Arzt, der in einem israelischen Krankenhaus arbeitet, erfährt vor laufenden Kameras, dass beim Bombardement seines Hauses im Gaza-Streifen drei seiner acht Kinder getötet wurden. Viele Israelis reagieren auf die Bilder mit Gleichgültigkeit, manche beschimpfen den trauernden Vater sogar. 800 Jahre nach den Kreuzzügen: Fanatismus, wohin man blickt.
In solchen Zeiten eines der großen Werke der europäischen Aufklärung ins Blickfeld zur rücken, Lessings Nathan der Weise, scheint fast so etwas wie ein Verzweiflungsakt der Vernunft. Der jüdische Kaufmann Nathan hat unsagbares Leid erfahren. Fanatisierte Christen töteten seine Frau und seine acht Kinder. Lessings Held jedoch übt keine Vergeltung. Entgegen allen Rachegelüsten vergibt der weise Mann und nimmt ein kleines, elternloses Christenmädchen in seinem Haus auf, um es liebevoll zu erziehen. Zumindest auf deutschen Bühnen ist dies der Stoff, aus dem die Träume einer Versöhnung von Islam, Christen- und Judentum sind. Kein schöneres Gleichnis über das friedliche Miteinander der Religionen als die Ringparabel.
Es gab bisher nur ein kleines Rezeptionsproblem, gerade für junge Leute. Die Figuren parlieren im Drama durchweg jambisch. Auch lesen viele Menschen ungern Theaterstücke. Sie lesen aber gern Bücher, welche die Illusion wecken, der Erzähler säße direkt gegenüber. Genau das passiert in Mirjam Presslers neuestem Roman, Nathan und seine Kinder. Die bekannte Autorin lässt die Beteiligten des Dramas unmittelbar lebendig werden. Nathans Tochter Recha erzählt, der junge Tempelritter, die Haushälterin Daja, der Derwisch AlHafi, die Schwester von Sultan Saladin. Auch ein paar Figuren, die bei Lessing nicht zu finden sind, kommen zu Wort: der Waisenjunge Geschem, der als Küchenhilfe in Nathans Haus arbeitet oder Abu Hassan, ein fanatischer Hauptmann im Dienst des Sultans. Sie alle erinnern sich an die dramatischen Ereignisse in und um Nathans Haus im Jerusalem des Jahres 1192. Dabei ist die Sprache der Erzähler nicht modern, sie klingt vielmehr wie ein Echo aus jener Zeit, ein bisschen altmodisch, aber sehr verständlich und an manchen Stellen überaus poetisch.
- Mehr über den LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis
Der LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis wird seit 1986 jeden Monat von der Wochenzeitung DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben. Der LUCHS prämiert ein besonderes Kinder- und Jugendbuch, das als "Anstiftung zum Denken und zur Kreativität" taugt. Aus 12 Monatsluchsen wird ein Jahresluchs gekürt.
Der LUCHS Jury gehören an: die Schriftstellerin Julia Franck, die Journalistin Marion Gerhard, Franz, Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, die Kritikerin Hilde Elisabeth Menzel, sowie als Vorsitzende die Kinder-und Jugendbuchredakteurin der ZEIT, Dr. Susanne Mayer.
Das Gespräch zum aktuellen Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/podcast/luchs.
Das Wichtigste: Mirjam Presslers Prosa belebt unsere Vorstellung von Stimmungen und Landschaften. So werden wir Leser unversehens zu Augenzeugen der Geschichte. Manchmal glaubt man, man säße auf einem Hügel, im Schatten eines Feigenbaums, lehne sich an den Stamm und blicke über das Gewusel in den Gassen Jerusalems, über die Stadt hinaus auf den nahen Horizont des Landes, das die Bewohner »heilig« nennen. Immer sind wir den Menschen nahe, ihren Verstrickungen, Ängsten und ihrer Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben. Am Ende von Mirjam Presslers feinfühliger Nathan- Interpretation stehen nicht Lessings »allseitige Umarmungen«. Gleichwohl ist der Roman (mit Zeittafel und Glossar) ein lebensnahes Plädoyer für einen anderen Weg aus der Jahrtausendtragödie der Weltreligionen als den, von dem wir tagtäglich in den Nachrichten hören.
Mirjam Pressler:Nathan und seine Kinder; Beltz & Gelberg, Weinheim 2009; 264 S., 16,95 €, ab 14 Jahren
- Datum 09.10.2009 - 18:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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