Kanada Zehnkampf im Kühlschrank

Auf Bärenattrappen schießen und joggen bei minus 37 Grad: Prominente und weniger prominente Sportler stellen sich in Kanadas Yukon Territory einem arktischen Wettstreit

Snowmobil

Bei der "Fulda Challenge" heizen die Teilnehmer mit allen möglichen Mobilen durch den Schnee

Das Yukon Territory liegt im Westen Kanadas, noch über British Columbia. Es beginnt am 60. Breitengrad, ungefähr auf einer Linie mit Oslo und Helsinki, und schiebt sich dann als langschenkliges Dreieck zwischen Alaska und den Northwest Territories weit hinauf bis an die Beaufortsee. Der Polarkreis läuft durch dieses Land. Mit anderen Worten: In Yukon beginnt die Arktis. Also ziehe ich schon beim Landeanflug den schweren, pelzbesetzten Parka über. Er ist weiß, was die Gefahr minimiert, dort draußen vorzeitig von Eisbären entdeckt zu werden, wie ich mir gerne einbilde. Anschließend schnüre ich die kniehohen Stiefel mit Korksohle und Lammfellfutter noch ein wenig fester, hänge die Fellfäustlinge an ihren Riemen um den Hals und drücke meine holzgerahmten, lederbespannten Schneeschuhe an mich.

Man kann das übertrieben finden. Aber ich bin gerne optimal auf alle Eventualitäten vorbereitet. Könnte ja sein, dass die Landung in dieser Eishölle missglückt und wir am Ende in einer Schneewehe feststecken. Dann wäre ich allein bereit, Hilfe zu holen und meine Mitreisenden vorm Kältetod zu bewahren, und in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon, würden sie später Statuen nach meinem Bildnis aufstellen. Ist aber nichts mit Eishölle: Es sind fast zehn Grad in Whitehorse, nachts im Januar. Von den Dächern tropft Schmelzwasser, auf den Straßen liegt grauer Matsch. Ein sehr alter Kanadier sagt mir später, es sei schon einmal ein paar Tage lang so warm gewesen, vor 60 oder 70 Jahren.

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Ich schwitze fürchterlich in meiner Polarbezwinger-Ausstattung. Denke aber gar nicht daran, sie auszuziehen, schließlich trage ich sie auch, um meine Mitstreiter zu beeindrucken. Wettkampfpsychologie. Wir sind zur »Fulda Challenge« angetreten, die der deutsche Reifenhersteller Fulda jährlich in Yukon ausrichtet. Fünf Amateursportler und fünf mehr oder weniger sportliche Prominente absolvieren einen arktischen Zehnkampf. Dieses Jahr dabei sind Fredi Bobic, früher Profifußballer, Lars Riedel, der den Diskus warf, Susi Erdmann, die rodelte, Magdalena Brzeska aus der Gymnastiksparte und Joey Kelly, der entweder mit seiner Familie Musik macht oder Extremsportevents abreißt wie unsereiner Verabredungen zum Kaffeetrinken. Sie werden eine Woche lang Hundeschlittenrennen fahren, Schneeschuh laufen, mit allen möglichen Mobilen durch den Schnee heizen und im Zelt schlafen. Und ich darf als Gast mitmachen, manchmal jedenfalls.

In sportlicher Hinsicht ist das bei diesen Temperaturen natürlich nicht die ultimative Herausforderung. Aber eine prima Gelegenheit, dieses riesige, großartige Land kennenzulernen. Seinen Namen trägt es, weil im Süden der Yukon entspringt. Der Fluss schlängelt sich einmal durch die westliche untere Hälfte des Territoriums, vereinigt sich mit etlichen Nebenflüssen und dem Klondike, ehe er am 141. Längengrad rübermacht nach Alaska, um nach mehr als 3000 Kilometern ins Beringmeer zu münden. Yukon ist etwa eineinhalbmal so groß wie Deutschland. Von seinen 30000 Bewohnern leben 24000 in Whitehorse. Der Rest teilt sich Berge, Wälder und die nördliche Tundra mit 185000 Karibus, 50000 Elchen, 10000 Grizzly- und 7000 Schwarzbären. Selbst von Whitehorse aus fahren wir nur wenige Minuten, biegen einmal von der Straße ab und sind mittendrin in grandioser Wildnis.

Am ersten Wettkampftag taut es zwar weiter, aber unter den Pfützen steht das Eis noch meterdick auf dem Schwatka Lake. Die Athleten ballern mit Motorschlitten über den Stausee. Mich und die anderen Gäste verweist man auf einen Seitenparcours zum Geländewagentest. Das macht Spaß, und ich komme mir rasend schnell vor, fahre aber die langsamste Runde. Sogar die Frauen sind flotter als ich. Liegt daran, dass ich nicht mit den Athleten starten darf, sage ich mir, da kommt einfach nicht genug Adrenalin ins Spiel. Werde mich ganz auf meine Stärken im Ausdauerbereich konzentrieren. Leider muss ich Magdalena Brzeska später beim Mountainbike-Rennen im Auto überholen, weil es kein Fahrrad mehr für mich gibt. Sie kurbelt kraftlos mit einer Frequenz von etwa 120 Umdrehungen in der Minute in Richtung Ziellinie in Carcross. Ich überlege, ob ich ihr verraten soll, dass ihr Rad eine Gangschaltung hat, verwerfe den Gedanken dann aber.

Carcross ist ein typisches Yukon-Dorf. Die wenigen Geschäfte sind bis zur Touristensaison geschlossen, das heißt mindestens bis Ende April. Die Ghùch Tla Community School hat gerade Schulschluss, der Hausmeister holt die Fahne mit den beiden Totem-Wölfen ein. Vor dem Ausgang blockieren zwei Schulbusse mit blinkender Rundum-Warnleuchte die Straße. Zehn Minuten lang passiert gar nichts, aber ich warte. Kaum etwas ist auf Kanadas Straßen verbotener, als an Schulbussen vorbeizufahren. Außerdem bedeutet Schulschluss Rushhour. So viele Menschen bekommt man hier sonst nie zu sehen. Das Dorf liegt am fast schwarzen Lake Bennett, dahinter ragen mittelhohe Berge auf, tiefgrün bewaldet, Schnee in den Lichtungen und auf den Kuppen, und über allem hängen niedrig bleierne Wolken. Es ist zwar immer noch viel zu warm, aber ungemütlich sieht es schon mal aus. Ein gutes Zeichen.

In Carcross steht der Trapper Trail auf dem Programm, mit Schneeschuhlauf, Bogenschießen, Fährtenlesen und Fellbestimmen. Was klingt wie ein knallharter Check unserer Überlebenskompetenz in freier Wildnis, erinnert stark an einen Kindergeburtstag. An der Schießstation wird auf eine Bärenattrappe in Labrador-Größe angelegt. Zum Fährtenlesen sind Schautafeln vorbereitet. Zwischendurch setzt sich Magdalena Brzeska kurz in ein eingeschneites Autowrack, die Autofokusse der mitreisenden Fotografen drehen durch, während irgendwo am Horizont Joey Kelly über den Schneeschuh-Parcours sprintet wie der Wolf bei der Jagd auf Kitzlein. Jedes Wild bräche nach wenigen Metern erschöpft zusammen.

Am dritten Tag fahren wir weiter nach Dawson City, 550 Kilometer nördlich von Whitehorse, und endlich, endlich wird es kalt. Über weite Strecken zieht sich der Alaska Highway schnurgerade durch die Wälder, dann kurvt er wieder um Berge und Seen und Sümpfe herum. Die Straße ist vereist, der Schneestaub blendet. Und trotzdem entsteht beim Fahren ein Rhythmus, so mühelos und leicht, dass ich ewig so weitergleiten möchte. Bis zur Tankstelle in Pelly Crossing, auf halbem Weg nach Dawson, ist das Thermometer schon auf minus 20 Grad gefallen. Ich denke im Laden über die noch dickeren Handschuhe und das wattierte Holzfällerhemd für 29,90 Can$ nach. Die Indianer, die hier einkaufen oder Lotterie spielen, steigen in dünnen Kapuzenpullovern aus ihren Pick-ups. »Ist dir nicht saukalt?«, frage ich einen. »Es ist nicht kalt«, sagt er, »aber vielleicht wird es kalt.« Ich kaufe dann doch nichts.

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