Erzbischof Robert Zollitsch sieht nicht aus wie ein Mann, der dem Teufel einen Schrecken einjagen könnte: schütteres Haar, mildes Lächeln und eine Aktentasche. Aber wahrscheinlich kommt der Teufel auch nicht zu Maybrit Illner. Erzbischof Zollitsch dagegen hat sich zum ersten Talkshow-Auftritt seiner fast einjährigen Amtszeit als Anführer der deutschen Katholiken entschieden. Donnerstagabend, im Innenhof des ZDF Unter den Linden, ist es so heiß, dass selbst die Moderatorin stöhnt. Zollitsch muss punkten, das weiß er, der Auftritt ist nicht nur seine Premiere, diese Tage sind auch eine Premiere für den deutschen Papst in Rom: Zum ersten Mal seit der Wahl von Benedikt XVI. schlagen Flammen der Empörung aus seiner Kirche.

Eine harte Woche liegt hinter Deutschlands Katholiken: Ihre Kanzlerin hat sich mit ihrem Papst angelegt. Kurienkardinäle bekennen die Inkompetenz des vatikanischen Apparats. Und der deutsche Leiter von Radio Vatikan sieht bereits eine »Austrittswelle« auf die Kirche zurollen. Ausgerechnet Benedikt, der Deutsche auf dem Papstthron, hat aus »Barmherzigkeit« einen Bischof rehabilitiert, der nebenbei ein Holocaust-Leugner ist. Und bis heute findet der Papst kein Wort der Entschuldigung für seinen Fehltritt.

In Talkshows glänzen die Lauten, Zollitsch ist ein Leiser

Es ist nicht leicht herauszuhören, was Robert Zollitsch, der höchste Katholik in Deutschland, dazu sagen will.

Hat er den Papst kritisiert? Vielleicht.

Hat er den Papst verteidigt? Vielleicht.

Die Fernsehsendung jedenfalls beherrscht ein 23-jähriger Jungfunktionär des Netzwerks »Generation Benedikt«, dem jedes Argument recht ist, Hauptsache, es dient dem Papst. Ständig Kontra gibt Henryk M. Broder, der Publizist: »Kirchen tragen zum Frieden nicht mehr bei als Alkoholproduzenten zur Sicherheit im Straßenverkehr.« Im Talkshow-Zirkus glänzen die Lauten und die Extremen. Robert Zollitsch ist leise und liberal.

Mit den Händen hält er sich an den Armlehnen fest, als säße er auf einem Schleudersitz, und seine Stimme geht in die Höhe, wenn er etwas Wichtiges sagen will, nicht in die Tiefe, wie es die Stimmcoaches den Fernsehprofis empfehlen. Möchte der Bischof sich zu Wort melden, rührt er kaum die Hand, ganz behutsam löst sich ein einzelner Finger von der Lehne, die er weiter umklammert hält. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat es schwer, ins Gespräch zu kommen, bei Illner wie in seinem ersten Amtsjahr.

Und doch ist die Krise des Prinzips Papst die starke Stunde des stillen Bischofs aus Freiburg.

Im Streit um die Eingliederung der Pius-Bruderschaft in die Kirche haben die Konservativen in der Kurie ihr Spiel überreizt. Dass gerade sie, die Treuesten aller Treuen, den Papst in eine immense politische Verlegenheit gebracht haben, schwächt ihre Position zusätzlich. Beides hat Zollitsch erkannt – und in den vergangenen zwei Wochen Schritt für Schritt den Spielraum der deutschen Bischofskonferenz ausgeweitet. Der Vorsitzende führt den Streit um die Pius-Bruderschaft als Stellvertreterkrieg. Wenn es gelingt, die angebahnte Aufnahme der Ultratraditionalisten in die Kirche doch noch zu verhindern, ist die Verschiebung der innerkirchlichen Achse in diesem Pontifikat erst mal gestoppt.

Während sich Kanzlerin und Medien vor allem um den Holocaust-Leugner und Pius-Bischof Williamson sorgen, geht Zollitsch weiter. Die Pius-Brüder insgesamt »wollen keine Demokratie, sie wollen eine strenge Gottesherrschaft.« Eine Heimholung der Brüder in die Kirche, wie sie manchen im Vatikan vorschwebt, hält er für nahezu unmöglich: »Sie sind bereits eine andere Kirche«. Die Hoffnung des Papstes auf die Wiederherstellung der Kircheneinheit mit den Traditionalisten erklärt er praktisch für erledigt: »Ich fürchte, es wird zu dieser Einheit nicht mehr kommen.« Satz für Satz zieht Zollitsch den Zaun um den Papst enger. Dabei weiß er die meisten deutschen Amtsbrüder auf seiner Seite.

Ein Speisesaal in Berlin, das Mittagessen geht zu Ende. Es ist Freitag, da gab’s am Buffet wahlweise Fisch oder gefüllte Paprika. Die Pastoralkommission der Bischofskonferenz hat ihr Arbeitspensum hinter sich gebracht. »Ich bin keiner für Nachtisch«, seufzt ein Bischof und schiebt das Schälchen mit der Vanillecreme beiseite. Eigentlich habe die Entwicklung doch ein Gutes. »Jetzt liegen die Karten auf dem Tisch.« Erst die Krise habe Benedikts Kardinalstaatssekretär Bertone genötigt, der Bruderschaft unmissverständlich aufzuerlegen, alle Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils anzuerkennen. Damit sei das Reformkonzil in der Kirche fester verankert als zuvor. Noch deutlicher wird ein anderer Kirchenmann: »Der Papst ist jetzt gezwungen, sich von den Rechten abzugrenzen.«

Eine fromme Hoffnung? Zollitsch steht einer Koalition auf Zeit vor. Derzeit sind sich die deutschen Bischöfe einig wie lange nicht mehr. Anders als etwa im Großkonflikt um die Schwangerenberatung gebe es diesmal keine Lagerbildung, berichten Teilnehmer der Runden. Den Holocaust-Leugner lehnen auch die konservativen Bischöfe Mixa, Meisner und Müller ab. »Die machen mir meinen Papst kaputt«, schimpfte neulich einer der »M&Ms« über die Pius-Brüder.

Die deutschen Katholiken, so scheint es, sind bisher eher stärker geworden durch den Streit. Ein wenig traurig, aber auch reichlich trotzig bekennen sich in diesen Tagen Klerus wie Laien zu ihrem Recht aufs freie Denken, vor allem aber auf die freie Rede. In der Folge ist der Spielraum des Papstes in Deutschland enger geworden. Erzbischof Robert Zollitsch hat es darauf nicht abgesehen, aber er nimmt den Effekt in Kauf für ein Ziel, das nicht nur zwischen römischer Kurie und deutscher Kirche von Bedeutung ist. Zollitsch & Co sind entschieden, die Linie zwischen Liberalität und Restauration in der Kirche zu verschieben. Das geht nicht immer mit dem Papst, vor allem aber geht es nicht ohne ihn.

Offen zielen Zollitsch und seine Brüder deshalb darauf ab, den Papst aus der Umklammerung seiner reaktionärsten Unterstützer in Rom zu befreien. Sie wollen ihn retten für die gute Sache, für ihre Sache. Eine Illusion?

Protestantische Kanzler und deutsche Katholiken, das war immer heikel

Der stille Bischof hat auch eine harte Seite, wie zuletzt Angela Merkel zu spüren bekam. Ihre Kritik am Papst, vorgebracht bei einer Pressekonferenz mit dem kasachischen Staatspräsidenten, deckte sich mit Zollitschs Stoßrichtung. Doch mit protestantischen Kanzlern haben die deutschen Katholiken so ihre Erfahrungen, seit Otto von Bismarck sie vor 130 Jahren in einen Kirchenkampf verstrickte. »Das war das Allerletzte!«, empört sich ein hoher Kirchenmann über Merkel. »Da steht sie neben einem Diktator und pinkelt unseren Papst an!« Trotz mehrerer Anrufe der Kanzlerin kritisierte Zollitsch sie öffentlich. Er stellte den taktischen Nutzen der Abgrenzung vor die inhaltliche Übereinstimmung. Dass so viel von einem Politiker in dem stillen Männlein steckt, mag auch Merkel überrascht haben.

Die verlässlichste Stütze für Zollitschs Kampf aber sind die Pius-Brüder selbst. Ein Brief, der der ZEIT vorliegt, belegt, dass die Pius-Bruderschaft den Papst offenbar hinterging. Der Generalobere, der Schweizer Bischof Bernard Fellay, hat spätestens am 21. Januar von Williamsons Holocaust-Leugnung gewusst – drei Tage bevor der Papst die Aufhebung von Williamsons Exkommunikation verkünden ließ. Mit einem Schreiben an den schwedischen Fernsehsender, dem der Brite sein fatales Interview gegeben hatte, wollte Fellay die Ausstrahlung verhindern. Der Bischof sei »schändlicherweise« zu »säkularen und kontroversen Angelegenheiten« befragt worden, um der Bruderschaft zu schaden. »Dieser niederträchtige Versuch wird sein Ziel nicht erreichen.« Den Papst aber ließ der Pius-Obere weiter im Dunkeln tappen, bis es zu spät war.

Mitarbeit: Camilo Jimenez