Kenia Schönes, leeres Land
Kenia, ein Jahr nach den Unruhen: Die Touristen kehren zurück, doch noch sind es zu wenige – für die Bevölkerung hat das traurige Folgen.

© Roberto Schmidt/AFP/Getty Images
Nur wenige Besucher verirren sich noch an die Strände bei Mombasa
Am Eingang zur größten Diskothek Ostafrikas steht ein kleiner, kompakter Mann in einem sehr bunten Hemd und blickt missmutig auf ein Stück Papier. Der Türsteher neben ihm hebt ratlos die Schultern. Knapp 40 Gäste hat er an diesem Abend per Strichliste gezählt, die meisten sind längst wieder gegangen. Der Mann mustert seine silberne Armbanduhr. Schon nach Mitternacht, viel wird heute nicht mehr passieren.
Das Tembo nördlich von Mombasa ist nicht einfach schlecht besucht, es ist so leer, dass sehr weit laufen muss, wer einem anderen Menschen begegnen möchte. Geschlossen die Bars an den Seiten, verwaist die Tische und Korbstühle im Palmengarten. Nur auf der riesigen Tanzfläche und am zentralen Tresen lassen sich im Halbdunkel ein paar Gestalten erkennen: junge einheimische Frauen, die nicht allein das Vergnügen hierher führt. Mit einem matten Händedruck und den immergleichen Sätzen machen sie sich an jeden weißen Gast heran, der in ihrem Radius auftaucht. Willkommen in Kenia. Woher kommst du? Wie heißt du?
Der Mann im bunten Hemd heißt Walter Reif. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Kenia, und noch immer hört man den Mannheimer Akzent in seiner Stimme. Reif hat hier an der Küste mal einen Nachtklub geleitet, später ein Restaurant eröffnet und 1996 die Geschäftsführung des Tembo übernommen. Er ist nicht mehr so leicht zu erschüttern. Auch diese Krise wird vorübergehen, wie all die großen und kleinen Krisen, die er mit den Jahren erlebt hat.
»Wenigstens am Wochenende ist inzwischen wieder sehr viel mehr los«, sagt er und spielt dann auf seinem Handy ein Video von der vergangenen Silvesterparty ab. Es müssen Tausende sein, die da unter dem 30 Meter hohen Palmenblätterdach der Diskothek zu wummernder Musik das neue Jahr feiern. »Die letzten zwei Dezemberwochen haben uns rausgerissen«, sagt Reif. »Da war der Laden jeden Abend voll, und die Autos stauten sich draußen auf der Hauptstraße.« Aber es waren eben vor allem Einheimische aus Nairobi, die an den Stränden nördlich und südlich von Mombasa ihre Weihnachtsferien verbrachten. Die ausländischen Touristen machen sich noch immer rar. Und das mitten in der Hochsaison, wo das Geschäft brummen müsste und die Hoteliers und Restaurantbesitzer sich sonst ein Polster zulegen für die mageren Monate der Regenzeit. »Schönreden hilft da nicht«, sagt Walter Reif. »Kenia ist schwer angeschlagen, und das wird noch eine ganze Weile so bleiben.«
Es ist jetzt gut ein Jahr her, dass die Zeitungen und Fernsehsender Bilder zeigten, die man schon oft aus Afrika gesehen hat, doch von Kenia nicht kannte. Das Land galt in der westlichen Wahrnehmung als stabil, als sicheres Reiseziel für Strandurlauber und Safarifreunde. Und dann das: Aufnahmen von Plünderern und brennenden Barrikaden, zornigen Männern mit Macheten oder Pfeil und Bogen, Flüchtlingslagern, schießenden Polizisten und sehr, sehr vielen Toten. Das Auswärtige Amt gab damals eine Reisewarnung aus, Urlauber stornierten ihre Ferien, Airlines stellten Flüge ein. Hatte Kenia noch im Jahr 2007 erstmals die magische Grenze von einer Million Besucher überschritten, brach der Tourismus in den folgenden sechs Monaten um mehr als 60 Prozent ein. Seitdem tut das Land, was es kann, um die verlorenen Gäste zurückzugewinnen. Der neue Tourismusminister fährt von Staat zu Staat, um für Kenia zu werben, Veranstalter locken mit Sonderangeboten, und in einer riesigen Marketingaktion wurden im vergangenen Jahr 200 Journalisten und fast ebenso viele Reisekaufleute nach Afrika geladen.
Wer heute durch die Urlaubsregionen Kenias reist, erlebt ein schönes, leeres Land, das lange nach den blutigen Unruhen noch immer unter Schock steht und fast noch mehr erschüttert ist von deren Folgen. Er trifft auf Kellner, die glücklich sind über jeden Gast, und auf Arbeitslose, die das Versiegen des Tourismus den Job gekostet hat. Auf verharmlosende Hoteldirektoren, die mit Blick auf unbesetzte Liegestühle seelenruhig erklären, in Kenia sei alles wieder beim Alten. Auf Realisten wie Tasneem Adamji vom Verband der kenianischen Reiseveranstalter, die sagt: »Die Touristen kommen allmählich zurück, aber noch ist das Geschäft um die Hälfte niedriger als vor den Unruhen. Wir werden uns frühestens in der kommenden Wintersaison erholt haben.« Er begegnet sehr vielen Menschen, die bisher gut vom Tourismus gelebt haben und sich nur eines wünschen: dass bitte alles wieder so werden möge wie früher. »Kenia hat sich doch nicht verändert«, sagt ein Safariunternehmer in einer Mischung aus Verzweiflung und Optimismus. »Das Klima ist noch immer einzigartig, das Tierreich ist es, und die Strände sind es auch.«
Er hat natürlich recht. Der Diani Beach im Süden Mombasas etwa gehört zu den schönsten Stränden der Welt. Weiß und weit und einsam liegt er in der Mittagssonne, vom Indischen Ozean her rauscht ein kühler Wind durch Palmenzweige, draußen vor den Korallenriffen schaukeln Motorboote und Dauen auf dem Wasser. Aus der Entfernung kann man einzelne schwarze Silhouetten im Sand ausmachen, die sich zu Grüppchen sammeln und immer dann ausschwärmen, wenn ein paar Touristen näher kommen. Es sind harte Zeiten für die Beachboys. Hoffnungsvoll stürzen sie sich auf jeden, der den Strand betritt.
Von einer Fahrt im Glasbodenboot über Kamelritte und Schmuck bis zu Drogen aller Art reicht ihr Angebot. Aber seit der Krise gibt es immer mehr Beachboys und viel zu wenige Kunden. Marc, ein dürrer Jüngling mit Rastalocken und einer großen Beule über dem linken Auge, handelt mit Ketten und Namensschildern. Früher verdiente er damit ein, zwei Euro täglich, jetzt hat er seit vier Tagen nichts verkauft. »Wir sind einfach zu viele hier«, sagt er. »Die Touristen wollen nicht belagert werden.«
- Datum 17.02.2009 - 09:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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was ist aus dir geworden? Wird es jemals einen Staat in Subsahara- Afrika (Schwarzafrika) geben, der unter unseren westlichen Ansprüchen an Recht, Demokratie und Wirtschaft genügt?
Seit 130 Jahren versuchen sich die europäischen Mächte in der Region einzubringen, nach dem zweiten Weltkrieg wurden die meisten afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entlassen und mit Entwicklungshilfe gefördert.
Die Gründe für die wirtschaftliche und politische Rückständigkeit werden in der einschlägigen Fachliteratur ausführlich diskutiert:
Korruption, Tribalismus, schlechte medizinische Versorgung, kulturelle Faktoren, schlechte Infrastruktur, Vielvölkerstaaten, klimatische Gegebenheiten, starkes Bevölkerungswachstum, Kolonialismus, Aids...
Was hat Afrika falsch gemacht? Was hat Europa falsch gemacht? Selbst in vermeintlich stabilen Regionen wie Kenia und Südafrika eskalieren gesellschaftliche Konflikte in regelmäßigen Abständen.
Hat Europa in der Vergangenheit zu wenig Entwicklungshilfe geleistet? Oder zuviel? Wäre es für Afrika nicht rückblickend besser gewesen, Europa hätte sich herausgehalten? Andere Entwicklungsländer haben sich selbst aus dem Sumpf gezogen (China, Südkorea, Brasilien, ...). Hatte der Imperialismus die afrikanischen Gesellschaften so zerrissen, dass er selbst heute noch prägend ist? Oder gab es in Afrika zu wenig Kolonialismus (die Periode des Kolonialismus in Afrika ist im Vergleich zu Indien, Südamerika und Südostasien denkbar kurz)?
Mein Vertrauen in Afrika ist dahin (, wenn es jemals vorhanden war). In verworrenen Situationen neigt man ehr zu radikalen Lösungen. Ich mache keine Anspielungen auf die ruandischen Machetenmassaker, kongolesischen Kindersoldaten, auf die Flüchtlinge in Dafur, auf die Aidstoten in Harare, auf die brennenden Häuser in Nairobi oder auf die Townships in Pretoria.
Was wäre gewesen, wenn die Landesgrenzen nicht willkürlich gezogen worden wären. Was wäre gewesen, wenn man versucht hätte, jeder Volksgruppe ihren eigen Staat zu geben? Was wäre gewesen, wenn man Afrika infrastrukturell erschlossen hätte? Durch seine lange Küstenlinie, durch die vielen Rohstoffe, ein riesiges Angebot von Arbeitskräften gäbe es doch eine Grundlage auf der man bauen könnte.
Was unseren westlichen Ansprüchen an Recht, Demokratie und Wirtschaft genügt ist selbst in unseren Breiten ein kurzes Intermezzo. Es gibt immer mal wieder Augenblicke des Lichtes in der Dunkelheit menschlicher Evolution (wir sind schließlich im Darwinjahr). Aber es sind eben nur Augenblicke, bis zur nächsten Katastrophe. Und man soll nicht glauben, daß Europa und Deutschland gefeit wären, gegen eine Wiedergeburt des Wahnsinns.
Nie wieder, hieß es einmal in Deutschland. Aber ach! die Gabe des Vergessens kann eben auch zum Fluch werden.
Guten Morgen nach Deutschland,
der Artikel ist zweifellos richtig. Leere Hotels, zynische Hotelbesitzer, verzweifelte Huren und Beach Boys - stimmt alles. Die reale Lage ist jedoch noch schlimmer. Vielleicht sollten Journalisten endlich mal selbst das Land bereisen .. Wenn ich aus meinen persönlichen Kenia-Erfahrungen berichten dürfte?
In den frühen achtziger Jahren war ich als Student mehrere Male monatelang in Kenia unterwegs. Mit Rucksack, in Mietwagen, per Anhalter, in Matatus und in Militärkonvois. Damals war Kenia noch halbwegs ein Land, das funktionierte und - relativ - sicher war. Nie hatte ich ein negatives Erlebnis, im Gegenteil, die Freundlichkeit der Leute war für mich als Weißen oft beschämend.
Danach nahm mein Leben einen anderen Verlauf, und Kenia glitt aus meinem Horizont. Inzwschen verheiratet, erzählte ich jedoch meiner Frau so oft von diesem wunderbaren Land, dass wir es vor drei Jahren endlich wieder besuchten und auch nach Tansania fuhren. Einen Monta reisten wir nun wieder dort herum, aber dieses Mal waren meine Erfahrungen - gelinde gesagt - erschütternd.
Im Vergleich zu den achtziger Jahren waren
- Mombasa und vor allem der Busbahnhof dort ist ein Trümmerfeld. Nichts klappte auf Anhieb (Wer sagt, das sei halt Afrika, ist ein Zyniker und hat keine Ahnung). Für den Weg aus Mombasa heraus brauchte unser Bus geschlagene drei Stunden. Die Ausfallstraße nach Nairobi ist noch im Dunstkreis von Mombasa von Schlaglöchern übersät, an den Straßenrändern reihen sich Auto- und Buswracks.
- In Voi nahmen wir ein Matatu nach Tansania und warteten dazu auf dem Busbahnhof. Während der vier Stunden dort wurden wir Zeugen verschiedener übler Prügeleien und lynchjustizartiger Zustände: Ein junger Mann wurde beschuldigt, ein Busticket geklaut zu haben. Das letzte, was wir von dem armen Hund sahen, war eine wütende Menge, die ihm hinter die Slumkulissen folgte.
- Auf dem Trip zur tansanischen Grenze kamen wir an zwei soeben verunglückten Fahrzeugen vorbei. Der Bus lag auf der Seite, die Passagiere saßen daneben. Das Matatu hatte sich überschlagen, die Verletzten krümmten sich im Straßengraben. Unser Matatu fuhr hupend weiter.
- Die Zustände in Tansania waren ähnlich entmutigend: Von der Grenze bis zum nur wenige Kilometer entfernten Marangu am Kilimandscharo dauerte es einen halben Tag. Alles im Eimer, Autos, Motorräder, alles. Unter dem Gipfel des Kilimandscharo herrscht ein hygienischer Ausnahmezustand: Rund um die in 5000 Meter Höhe liegende Kibo-Hütte stinkt es fürchterlich - kein funktionierendes Klo, jeder macht irgendwo hin, keiner holt die Abfälle ab. Dabei ist dies ein Nationalpark.
- Im Ngorongoro Nationalpark erlebten wir einen Unfall, in den amerikanischen Toursten vestrickt waren. Deren Jeep - von einem tansanischen Safari-Veranstalter - hatte sich in einer Kurve überschlagen. Die Familie lag auf der Straße herum, nur ein vorbeifahrender Engländer unternahm etwas. Das Flugzeug des Nationalparks war nicht da, in Arusha hatten sie auch keines parat. Wir wir abends hörten, waren die Amerikaner abends dann von einer Privatmaschine abgeholt worden. Unser Fahrer - auch wir hatten unsere Safari bei einem tansanischen Billiganbieter gebucht - brchte ebenfalls einen Unfall zustande, der aber glimpflich im Graben neben der Piste landete.
- In Nairobi wurden wir beklaut
- Der berühmte Nachtexpreß von Nairobi nach Mombasa ist ein rollendes Wrack, in dem niemand auch nur die kleinsten Reparaturen vornimmt.
- Zurück in Mombasa heuerten wir einen älteren Fahrer an - inzwischen war ich vom wüsten Verkehr so entnervt, dass ich mich nicht mehr selbst ans Steuer traute - der einmal unsere Haut rettete: Bei einer abendlichen Rückkehr ins Stadtgebiet saßen wir an der Peripherie von Mombasa im Verkehr fest. Plötzlich sprang ein junger Mann auf die Autohaube und gab vor, überfahren worden zu sein. Unser Fahrer zögerte keine Sekunde, scherte aus und gab Gas, sodaß der Mann von der Haube rutschte. Als wir uns umdrehten, sahen wir mehrere junge Männer mit Knüppeln, die ihren Kollegen auflasen.
- In Lamu, dem Inselparadies des Pinkel-Prinzen, sahen wir eine weitere Schlägerei zwischen Fischern, bei der es um einen einzigen Fisch ging. Lamu ist im übrigen ein Jammerspiel und überhaupt nicht paradiesisch, wie das in der hiesigen Presse immer so gern verbreitet wird. Die Einheimischen verkaufen ihre Häuser und ziehen aufs Festland. Übrig bleiben reiche Kikuyu aus dem Hochland, ein paar Swahili-Unternehmer und weiße Luxus-Touristen. Von "traditionell" keine Spur mehr. Von dem Spaziergang nach Matondoni, dem Ort der Schiffsbauer, wurde mir dringend abgeraten: Diebe, Mörder, Wegelagerer.
Fazit: Nach einem Monat war nicht mehr viel von meiner Kenia- und Tansania-Begeisterung übrig. Vor allem Kenia wirkte auf uns wie ein sinkendes Schiff, dass die Ratten verzweifelt versuchen zu verlassen. Wir kamen zu oft mit jungen, hut ausgebildeten und perfektes Englisch sprechenden Menschen ins Gespräch, die die politische Clique in Nairobi als Bande von Mördern und Dieben bezeichnete und nichts lieber wollten, als Kenia für immer zu verlassen.
Offiziell wirbt Kenya um betuchte Touristen. Die werden dann im Flugzeug zu den klassischen Safari-Destinationen geflogen. Angeblch, weil das alles schneller geht. Allerdings müssen sie das auch. Denn das Land dazwischen liegt in Trümmern, und die Leute sind verzweifelt. Rette sich wer kann, nach mir die Sintflut.
Manch einem mag das unglaublich klingen. Es war aber so. Geschehen vor drei Jahren. Kaum zu erwarten, dass sich die Dinge seitdem zum Besseren gekehrt haben.
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