Verhaltensforschung Der Wespenversteher

Der Insektenforscher Raghavendra Gadagkar ist der Charles Darwin der Moderne. Wer Wespen beobachtet, sagt er, kann viel lernen: Über Männer, Frauen und Moral

Können ausgerechnet Wespen dazu beitragen, die Welt zu retten? Dem Insektenforscher Raghavendra Gadagkar begegnete ich auf einer Konferenz in den Schweizer Alpen, wo etliche Nobelpreisträger, aber auch hochrangige Politiker und ein ehemaliger UN-Flüchtlingshochkommissar über neue Wege zur Lösung von Konflikten und zur Stärkung des menschlichen Gemeinsinns nachdachten. Dort hielt Gadagkar einen fulminanten Vortrag über eine primitive Wespe namens Ropalidia marginata, die seine südindische Heimat bevölkert – ein Tier, das für Laienaugen kaum anders aussieht als die Geschöpfe, die uns im Spätsommer beim Kuchenessen im Freien terrorisieren, das jedoch ein viel interessanteres Sozialleben hat.

Mit seinen Untersuchungen über die Natur von Konflikt und Kooperation wurde Gadagkar einer der führenden Verhaltensforscher weltweit – und ein Beispiel gegen den Aberglauben, dass ausgezeichnete Forschung naturgemäß an Orten wie der Harvard-Universität, Oxford oder allenfalls München entsteht. Nebenbei hat Gadagkar im heimischen Bangalore ein Institut mit dem Ziel gegründet, die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu überwinden. Für dieses Gespräch trafen wir uns am Berliner Wissenschaftskolleg, dessen ständiges auswärtiges Mitglied Gadagkar ist. Es war einer jener dunkelgrauen Morgen im deutschen Winter, die nach einem geradezu religiösen Glauben daran verlangen, dass die Sonne irgendwann wieder an den Himmel zurückkehren wird. Gadagkar allerdings, der gerade aus dem heißen Bangalore angereist war, fand den kalten Nieselregen "erfrischend".

Stefan Klein: Professor Gadagkar, Sie leben mit Ihren Forschungsobjekten zusammen. Es heißt, Ihr ganzes Haus sei voller Wespennester. Was sagt denn Ihre Familie dazu?

Raghavendra Gadagkar: Wir haben das Haus sogar nach meinen Wespen "Ropalidia" benannt. Die Tiere gehören einfach zu meinem Leben. Wenn ich verreist bin, kümmert sich meine Frau um sie. Und als unser Sohn zum ersten Mal bewusst mitbekam, dass er gestochen wurde, war er begeistert – da fühlte er sich wie ein Mann.

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Klein: Und wie oft wurden Sie selber gestochen?

Gadagkar: Sehr oft. Heute immerhin etwas seltener als früher, weil meine Studenten den meisten Umgang mit den Tieren pflegen. Solange sie sich allerdings auf die Tiere konzentrieren, passiert ihnen gar nichts. Die Wespen stechen nur, wenn die Studenten mit den Gedanken woanders sind – zum Beispiel wenn sie eine unachtsame Bewegung machen.

Klein: Jede einzelne Wespe in Ihren Kolonien ist mit einem winzigen Farbpunkt markiert. Betäuben Sie die Tiere, um die aufzumalen?

Gadagkar: Ach was. Sie müssen nur geduldig neben dem Nest warten, bis das Tier mit etwas beschäftigt ist und wegschaut, dann können Sie ihm mit dem Zahnstocher den Brustkorb bemalen.

Klein: Wie kamen Sie dazu, sich mit den Wespen zu beschäftigen?

Gadagkar: Am Anfang war es ein Hobby. Als ich studierte, war unser ganzes Institut voller Wespen. Sie hausten wirklich überall! So begann ich, die Tiere zu beobachten. Ich las viel über sie und veröffentlichte am Ende sogar ein paar Forschungsarbeiten. Aber meine Doktorarbeit habe ich in Molekularbiologie gemacht. Um diese Karriere fortzusetzen, hätte ich allerdings Indien verlassen und in die USA gehen müssen. Das wollte ich nicht, unsere Kultur hätte mir zu sehr gefehlt. Also entschied ich mich, das Hobby zum Beruf zu machen und in die Verhaltensforschung zu gehen. Ich habe es nie bereut.

Klein: Was finden Sie so spannend an diesen Insekten?

Gadagkar: Ich betrachte sie wie ein Anthropologe eine fremde Kultur. Wir haben unser eigenes Zusammenleben im Kopf und begreifen nicht, dass eine andere Gesellschaft ganz verschieden sein kann – manchmal aber auch überraschend ähnlich. Die Tiere halten uns einen Spiegel vor.

Klein: Mir erscheinen Wespen sehr weit von uns Menschen entfernt.

Gadagkar: Wissen Sie, wenn Sie ihnen lange genug zusehen, dann erkennen Sie, dass Wespen eine Persönlichkeit haben. Jede reagiert unterschiedlich, hat ihre eigenen Stärken und Schwächen – und scheint diese sogar zu kennen. Jedenfalls sucht sich jedes Individuum einen Platz in der Gesellschaft, der zu seinen Fähigkeiten passt. Das zu beobachten ist faszinierend: Da gibt es Wettstreit und Zusammenarbeit wie in einer menschlichen Gesellschaft.

Klein: "So etwas wie 'die Gesellschaft' gibt es nicht", hat Margaret Thatcher, die ehemalige britische Premierministerin, einmal erklärt. Es gebe nur Individuen. Jeder müsse für sich selbst sorgen.

Gadagkar: Da hat sie sich sehr geirrt. Die eiserne Lady hätte sich einmal eine Wespenkolonie ansehen sollen.

Leser-Kommentare
  1. ... und von anderen staatenbildenden Insekten:
    Man schaue sich die Organisation an, cum grano salis absolut flach!
    Da gibt es die Königin, die Arbeiterinnen ( durchaus mit Arbeitsteilung ) und ein paar Sonstige ( Männchen, die hält man sich, so zum Vergnügen, aber sie werden im Winter 'rausgeschmissen ).
    Es gibt keine Vorarbeiterbiene, keine Meisterbiene, keine Gruppenleiterbiene, keine Abteilungsleiterbiene, keine Bereichsleiterbiene, wenn ein Insektenstaat eine solche Pyramidenstruktur hätte, wäre er schon im ersten Winter pleite ( energetisch gesehen )!
    Es gibt nur die Gläubigen und den Papst, nichts dazwischen, keine Priester, keine Bischöfe, keine Kardinäle, nichts!
    Vielleicht sollten wir uns doch mal'n Beispiel nehmen.

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