Kunstmarkt Und täglich grüßt der Wassermann: Ein Video von Bill Viola zeigt in Berlin eine Wiedergeburt in Endlosschleife

Jeder fünfte Amerikaner ist laut einer Gallup-Umfrage davon überzeugt, früher schon einmal gelebt zu haben. Die Kunst zur These liefert derzeit Bill Viola in Berlin. Anfang der siebziger Jahre war Viola ein Videopionier, der mit minimalem Aufwand enormen Unterhaltungswert erzielte. Doch mit den Jahren änderte der Künstler sein Leben – und damit änderte sich auch sein Werk. Alles wurde größer: die Produktionen, die Themen. Die Filme wurden nicht mehr auf einfachen Monitoren abgespielt, sondern auf großen Leinwänden wie im Kino. Viola wurde pathetisch. Nun handelten seine Videos von den letzten Dingen, von Erlösung, Katharsis und Höllensturz, von Leben und Tod und dem Übergang vom einen zum anderen.

Seine Ausstellung in der Berliner Niederlassung der Galerie Haunch of Venison passt da gut ins Bild. Die Räume in einer ehemaligen Fabrik in der Nähe des Hauptbahnhofes sind so groß wie eine ausgewachsene Kunsthalle. Die Arbeit, die in der Haupthalle gezeigt wird, trägt den Titel The Messenger, der Bote. Sie entstand 1996 für die Kathedrale im nordenglischen Durham und wurde dort ausgestellt. Im hinteren Teil der Galerie laufen Videos der letzten zwei Jahre, und man merkt ihnen den Altersunterschied nicht an, denn die Plots sind sich recht ähnlich. Bei The Messenger liegt ein Mann nackt und regungslos im Wasser. Immer tiefer sinkt er, bis nicht mehr viel von ihm zu sehen ist und man sich zu fragen beginnt, wie lange ein Mensch unter Wasser bleiben kann, ohne zu atmen. Dann steigt der immer noch regungslose Körper wieder auf und gelangt, von anschwellender Geräuschkulisse begleitet, zurück an die Oberfläche. Dort reißt er Mund und Augen auf, stiert einen Moment vor sich hin und gleitet dann wieder hinab ins Dunkel.

Bei den jüngeren Arbeiten spielt Wasser auch eine Rolle, nur ist hier eine Art Sturzbach wie ein Vorhang im Vordergrund. Durch diesen Schleier nähern sich von Weitem Figuren, einzeln oder zu zweit, um schließlich durch den Wasservorhang hindurchzutreten. Sie schauen um sich wie Adam und Eva, ihr Gesichtsausdruck verändert sich von Stumpfheit zu Irritation und Angewidertsein. Woraufhin sie sich wieder entfernen.

Die religiöse Absicht, die sich hinter diesen Bildern verbirgt, ist nicht schwer zu entschlüsseln. Der erste Mensch erblickt das Licht der sündigen, verderbten Welt, und was er dort sieht, gefällt ihm gar nicht. Das Ganze läuft als Loop, was den komischen Effekt hat, dass diese seltsam schlecht gelaunten Figuren ihre permanente Wiedergeburt erleben, und das auch noch in ziemlich hoher Geschwindigkeit. Ein wenig erinnert die Kunst Violas an den Film Und täglich grüßt das Murmeltier. Er handelt von einem Mann, der in einer Zeitschleife gefangen ist, sodass ihm jeden Tag dasselbe passiert. Der Film ist eine Komödie, Viola aber meint es ernst. Ulrich Clewing

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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    • Schlagworte Berlin | Kunstmarkt | Kulturbetrieb | Film | Video | Galerie
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