Thomas BernhardIch bin ein Schwein

Er hasste es, Literaturpreise anzunehmen, und tat es doch. Thomas Bernhards wunderbar giftige Suada "Meine Preise" aus dem Nachlass von 

Thomas Bernhards Literatur setzt sich aus Schmähungen, Hohn und Klagen zusammen. Aus Wiederholungen von Schmähungen, Hohn und Klagen, um genau zu sein. Es ist ein fortwährendes Sichhineinsteigern in Schmähungen, Hohn und Klagen, was diese Literatur ausmacht, dachte ich, als ich Thomas Bernhard las, der vor zwanzig Jahren an einer tückischen Lungenkrankheit starb. Ich nahm, im Zimmer auf und ab gehend, mal jenes, mal dieses Bernhardsche Buch in die Hand, Holzfällen unter anderem, diesen Roman, der von der Einladung eines Ehepaars, den Auersbergers, zu einem »künstlerischen Abendessen« handelt, die der Eingeladene zu seiner baldigen Reue annimmt und dann vom Ohrenbackensessel aus die Gastgeber mit unverhohlenem Hass beobachtet, sich ekelt über die Scheußlichkeit der Beine des Auersbergers und dessen Versoffenheit. Schließlich nahm ich Meine Preise in die Hand, das Buch, das ich zu rezensieren hatte und das von Bernhards Literaturpreisen handelt, genauer gesagt, von den Literaturpreisen, die Bernhard angenommen hat, denn Bernhard hat nicht alle Preise angenommen. Er hasste ja die Preisverleihungen, die Preisverleihungen, die für ihn veranstaltet wurden, waren ihm immer abstoßend und widerwärtig gewesen und die Preisverleiher, sogenannte Würdenträger, Bürgermeister und Staatssekretäre, erst recht abstoßend und widerwärtig, und doch ließ Bernhard sich immer wieder auszeichnen…

So in etwa funktioniert, vom Frühwerk und von einigen Miniaturen abgesehen, die Bernhardsche Prosa auf Tausenden von Seiten; auf Tausenden von Seiten Grillen, in die der Ich-Erzähler (zumeist ein Schriftsteller, der dem Autor recht vulgär ähnelt) sich verliert. Auf Tausenden von Seiten Protagonisten, die (»naturgemäß« würde Bernhard hinzufügen) abscheulich sind: von der fetten Deutschen im Wiener Kaffeehaus, die sich im Ohr pult, über Ärzte, die notorisch zu Kunstfehlern neigen, bis hin zum Österreicher an sich, der gar nicht anders kann, als der Ekelhafteste zu sein und der Kleingeistigste und Provinziellste des Menschengeschlechts.

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Es ist nicht allzu schwierig, Bernhards Stil zu imitieren, und es ist auch nicht diese ewige Suada, nicht die maßlosen Übertreibungen und manischen Wiederholungen in Bernhards Werken, die regelmäßig österreichische Skandale und Prozesse herbeiführten. Sie speisten sich zumeist aus dem Umstand, dass Bernhards Protagonisten reale Vorbilder hatten. Jedem, der in Bernhards Umgebung lebte, war klar, dass die Auersbergers eigentlich Lampersberger hießen, die in Wien tatsächlich »künstlerische Abendessen« veranstalteten, an denen Bernhard teilnahm. Kaum ein Schriftsteller jüngerer Zeit, von Maxim Biller abgesehen, vermengt Dichtung und Wahrheit so schamlos, wie es Bernhard tat, und es wäre naiv, dieses Verfahren mit Hinweis auf die Freiheit der Kunst als Bagatelle abzutun. Die Durchlässigkeit von Realem und Fiktion war der herrische und brutale Kern dieser Prosa, die hinter dem Schutzwall eines Kunstdogmas wütete: der Autonomieästhetik, die in den siebziger Jahren dank Adorno eine Wiederkehr erlebte und derlei zu entschuldigen schien.

Nun kann sich ohnehin niemand mehr wehren gegen Meine Preise, den schmalen Band, der aus dem Nachlass erschien. Die darin enthaltenen Schmähungen gelten zumeist längst Verstorbenen. Sie bereiten dessen ungeachtet eine perfide Freude. Verhandelt wird die immergleiche Grundsituation: Bernhard möchte einen Preis unter keinen Umständen annehmen, möchte aber das Geld, nimmt ihn also doch an. Und sitzt dann in der ersten Reihe, etwa während der Grillparzerpreisverleihung; er hört sich geduldig sehr lange Reden über Grillparzer mit seiner sogenannten Tante an, Bernhards mütterlicher Wegbegleiterin Hedwig Stavianicek, während die Frau Minister Firnberg längst eingeschlafen ist, was niemandem entgangen ist, »denn die Ministerin schnarchte, wenn auch sehr leise, sie schnarchte, sie schnarchte das leise Ministerschnarchen, das weltbekannt ist«.

»Der Minister stand vor mir und bedrohte mich«

Vom Grillparzerpreis geht es zum Literaturpreis der Freien und Hansestadt Bremen, es funkeln abermals die Orden und Bürgermeisterketten, und es dauert Bernhard arg lange, bis endlich der Scheck überreicht wird. Der Julius-Campe-Preis hingegen: ein Segen. Keine Preiszeremonie, im Verlagshaus von Hoffmann und Campe gibt der Verlagsleiter dem Dichter formlos den entsprechenden Umschlag. Die einzige angemessene Form, einen Preis zu erhalten ohne Demütigung, denkt Bernhard, und kauft sich ein englisches, weiß lackiertes Auto mit roten Ledersitzen, das wenige Tage später in Jugoslawien zu Schrott gefahren wird.

In der Mitte das Herzstück des Bandes: die Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literatur! Eingeleitet wird er von einer Tirade darüber, weshalb es denn der Kleine Staatspreis ist, den man ihm verleiht, und nicht der Große Staatspreis. Weshalb ihm der Kleine Staatspreis verliehen wird, der doch nur Nachwuchsschriftstellern verliehen werde! Weshalb man ihn mit dem Kleinen Staatspreis so niederträchtig demütigen wolle und so weiter. Bei der Preisverleihung selbst kommt es zu einem Eklat. Bernhard sagt in seiner Preisrede, die kurz und recht dunkel ausfällt, der Staat sei ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern verurteilt sei. »Ich war mit meinem Text noch nicht zuende gekommen, da war der Minister mit hochrotem Gesicht aufgesprungen und auf mich zugerannt und hatte mir irgendein mir unverständliches Schimpfwort an den Kopf geworfen. In höchster Erregung stand er vor mir und bedrohte mich, ja, er ging mit vor Wut erhobener Hand auf mich zu.«

»Ich nehme das Geld, weil man dem Staat jedes Geld abnehmen solle«

Nein, nein, ein Opfer ist Bernhard nicht, das weiß er: »Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein.« Er nehme das Geld, sonst würden es nur talentlose Dummköpfe erhalten, zudem: »Ich nehme das Geld, weil man dem Staat, der jährlich … Milliarden völlig sinnlos zum Fenster hinauswirft, jedes Geld abnehmen solle.« Auch lässt sich damit natürlich was machen, ein Anwesen im oberösterreichischen Ohlsdorf kaufen etwa, das sich Bernhard, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, nach und nach zur musealen Residenz eines Landedelmanns umbauen lässt.

Bernhard veranstaltet in Meine Preise, wie in zahlreichen seiner Werke, ein überaus kurzweiliges Einfühlungsdrama. Wie man einst ins Theater ging, um mitzufühlen, um mitzuleiden, um damit der beste aller möglichen Menschen zu sein (Lessing), so ist einer der Schlechtesten, wer Bernhard liest. Es ist befreiend, die Welt um einen herum als hässliche Verschwörung zu begreifen, befreiend überall nur Dummheit zu wittern. Bernhard zu lesen heißt, sich zu reinigen vom Prozess der Zivilisation, in dem beharrlich Fremdzwänge in Selbstdisziplin umgewandelt werden. Bernhards Erzählern mangelt es zuverlässig an einer »psychischen Selbstzwangapparatur« (Norbert Elias), die den Alltag der Moderne eines jeden für gewöhnlich durchformt. Bernhard bündelt, was den Büchern ihre ungebrochene Popularität verleiht, eine kollektive Unzufriedenheit an Normierung und Affektdämpfung. Weshalb es, da die Skandale von gestern sind, auch gleichgültig ist, worüber nun genau sich in Bernhards Büchern aufgeregt wird. Die Sujets sind beinahe nebensächlich, sie sind Anlässe, nicht Anliegen. Arg schulmeisterlich wäre es ohnedies, Meine Preise ausschließlich in moralischer Hinsicht zu betrachten, als handele es sich um einen Debattenbeitrag über zeremonielle Gepflogenheiten von Dichterehrungen.

»Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein« – in Bernhards Werken ist fast immer ein winziger Moment eingeschrieben, der den Hassenden zum Selbsthasser werden lässt, der die Selbstgerechtigkeit für eine Flattersekunde irritiert – bis hin zu einem unerwarteten Einverständnis mit seiner Umgebung. So, wie es beim Besuch der Auersbergers und ihrem Milieu schließlich heißt, dass »diese Menschen meine Menschen sind und immer meine Menschen sein werden«. Bernhard, aufgewachsen in heillos zerrütteten Familienverhältnissen, sah sich bereits als Jugendlicher aufgrund seines Lungenleidens mit dem Tod konfrontiert und wiederkehrender Isolation in Sanatorien. Er schuf sich eine Literatur der Rache, die keine Gegner suchte, sondern Feinde. Sein größter war er selbst. Und wenn es doch eine beinahe zärtliche Szene in Meine Preise gibt, so nur, um sie sogleich ins Höhnische zu wenden. Während der »Preisverleihung der Bundeswirtschaftskammer« lernt er den Präsidenten der Salzburger Handelskammer, einen gewissen Haidenthaller, kennen, der (so erfährt es Bernhard nebenher durch seinen Salzburger Verleger), an Krebs erkrankt ist und nur noch zwei Wochen zu leben hat. Damit gewinnt die Unterhaltung »naturgemäß eine neue Dimension. Jetzt war ich noch viel behutsamer mit dem vornehmen Herren«. In den Tagen nach der Preisverleihung durchsucht Bernhard die Zeitungen nach Todesanzeigen. Zunächst enttäuscht: »Schon waren vierzehn Tage vergangen und der Name Haidenthaller war nicht abgedruckt… Aber am fünfzehnten oder sechzehnten Tag stand der Name Haidenthaller schwarz umrandet und groß in der Zeitung. Mein Verleger hatte sich nur um ein oder zwei Tage geirrt.«

Dass Meine Preise, wohl um 1980 verfasst, eine veritable Entdeckung ist, lässt sich indes bestreiten. Bereits in Wittgensteins Neffe räsoniert Bernhard beinahe wortgleich über die Verleihung des Österreichischen Staatspreises und des Grillparzerpreises, allerdings mit einigen entlarvenden Unterschieden hinsichtlich des Personals und der Umstände. Die Ausbeutung realer Begebenheiten machte Bernhards Werke, sobald sie auf dem Markt waren, häufig zum giftigen Ereignis. Sie heute zu lesen nimmt ihnen seltsamerweise kaum Wucht. So, wie wir den Hessischen Landboten noch immer mit Gewinn lesen, obgleich kein Bauer hierzulande mehr hungert, und den Woyzeck, obgleich der militärische Drill demokratisch überwölbt ist. Bernhards Literatur hat die Ereignisse, aus denen sie sich speiste, überlebt.

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