Thomas Bernhard Ich bin ein SchweinSeite 2/2

»Ich nehme das Geld, weil man dem Staat jedes Geld abnehmen solle«

Nein, nein, ein Opfer ist Bernhard nicht, das weiß er: »Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein.« Er nehme das Geld, sonst würden es nur talentlose Dummköpfe erhalten, zudem: »Ich nehme das Geld, weil man dem Staat, der jährlich … Milliarden völlig sinnlos zum Fenster hinauswirft, jedes Geld abnehmen solle.« Auch lässt sich damit natürlich was machen, ein Anwesen im oberösterreichischen Ohlsdorf kaufen etwa, das sich Bernhard, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, nach und nach zur musealen Residenz eines Landedelmanns umbauen lässt.

Bernhard veranstaltet in Meine Preise, wie in zahlreichen seiner Werke, ein überaus kurzweiliges Einfühlungsdrama. Wie man einst ins Theater ging, um mitzufühlen, um mitzuleiden, um damit der beste aller möglichen Menschen zu sein (Lessing), so ist einer der Schlechtesten, wer Bernhard liest. Es ist befreiend, die Welt um einen herum als hässliche Verschwörung zu begreifen, befreiend überall nur Dummheit zu wittern. Bernhard zu lesen heißt, sich zu reinigen vom Prozess der Zivilisation, in dem beharrlich Fremdzwänge in Selbstdisziplin umgewandelt werden. Bernhards Erzählern mangelt es zuverlässig an einer »psychischen Selbstzwangapparatur« (Norbert Elias), die den Alltag der Moderne eines jeden für gewöhnlich durchformt. Bernhard bündelt, was den Büchern ihre ungebrochene Popularität verleiht, eine kollektive Unzufriedenheit an Normierung und Affektdämpfung. Weshalb es, da die Skandale von gestern sind, auch gleichgültig ist, worüber nun genau sich in Bernhards Büchern aufgeregt wird. Die Sujets sind beinahe nebensächlich, sie sind Anlässe, nicht Anliegen. Arg schulmeisterlich wäre es ohnedies, Meine Preise ausschließlich in moralischer Hinsicht zu betrachten, als handele es sich um einen Debattenbeitrag über zeremonielle Gepflogenheiten von Dichterehrungen.

»Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein« – in Bernhards Werken ist fast immer ein winziger Moment eingeschrieben, der den Hassenden zum Selbsthasser werden lässt, der die Selbstgerechtigkeit für eine Flattersekunde irritiert – bis hin zu einem unerwarteten Einverständnis mit seiner Umgebung. So, wie es beim Besuch der Auersbergers und ihrem Milieu schließlich heißt, dass »diese Menschen meine Menschen sind und immer meine Menschen sein werden«. Bernhard, aufgewachsen in heillos zerrütteten Familienverhältnissen, sah sich bereits als Jugendlicher aufgrund seines Lungenleidens mit dem Tod konfrontiert und wiederkehrender Isolation in Sanatorien. Er schuf sich eine Literatur der Rache, die keine Gegner suchte, sondern Feinde. Sein größter war er selbst. Und wenn es doch eine beinahe zärtliche Szene in Meine Preise gibt, so nur, um sie sogleich ins Höhnische zu wenden. Während der »Preisverleihung der Bundeswirtschaftskammer« lernt er den Präsidenten der Salzburger Handelskammer, einen gewissen Haidenthaller, kennen, der (so erfährt es Bernhard nebenher durch seinen Salzburger Verleger), an Krebs erkrankt ist und nur noch zwei Wochen zu leben hat. Damit gewinnt die Unterhaltung »naturgemäß eine neue Dimension. Jetzt war ich noch viel behutsamer mit dem vornehmen Herren«. In den Tagen nach der Preisverleihung durchsucht Bernhard die Zeitungen nach Todesanzeigen. Zunächst enttäuscht: »Schon waren vierzehn Tage vergangen und der Name Haidenthaller war nicht abgedruckt… Aber am fünfzehnten oder sechzehnten Tag stand der Name Haidenthaller schwarz umrandet und groß in der Zeitung. Mein Verleger hatte sich nur um ein oder zwei Tage geirrt.«

Dass Meine Preise, wohl um 1980 verfasst, eine veritable Entdeckung ist, lässt sich indes bestreiten. Bereits in Wittgensteins Neffe räsoniert Bernhard beinahe wortgleich über die Verleihung des Österreichischen Staatspreises und des Grillparzerpreises, allerdings mit einigen entlarvenden Unterschieden hinsichtlich des Personals und der Umstände. Die Ausbeutung realer Begebenheiten machte Bernhards Werke, sobald sie auf dem Markt waren, häufig zum giftigen Ereignis. Sie heute zu lesen nimmt ihnen seltsamerweise kaum Wucht. So, wie wir den Hessischen Landboten noch immer mit Gewinn lesen, obgleich kein Bauer hierzulande mehr hungert, und den Woyzeck, obgleich der militärische Drill demokratisch überwölbt ist. Bernhards Literatur hat die Ereignisse, aus denen sie sich speiste, überlebt.

 
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