BelletristikDer Tag, an dem Kim Larsen für immer verschwand

Stewart O’Nans grandioser Generationenroman erzählt vom Amerikanischen Traum, vom Tod, vom Altern der Hunde und vom Aufbruch ins Nirgendwo von Ulrich Baron

Der Tag, an dem Kim Larsen auf dem Weg zur Arbeit verschwindet, fängt an wie einer jener Tage, die Amerikas Literatur und Film immer wieder beschwören. Einer jener Sommertage, von dem die Töchter und Söhne des Landes seit Jahren geträumt haben. Ein Tag des Aufbruchs aus ihren provinziellen Heimatstädten, an dem sie ihre Eltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn und Lehrer verlassen werden, um an die Colleges auszuschwärmen.

Sie folgen dem großen Amerikanischen Traum von Freiheit und ewiger Jugend – dem Traum, dass es mehr gibt als ein Leben in Kingsville am Südufer des Eriesees, wo man nicht einmal begraben sein möchte.

Für Kim ist dieser Traum schon im Juli 2005 ausgeträumt. Sie bleibt verschwunden, und ihr Auto scheint unauffindbar. Doch obwohl sich die schlimmsten Befürchtungen nach Jahren bewahrheiten, ist dieser Roman kein Thriller, auch wenn der 1961 in Pittsburgh geborene Stewart O’Nan in der Danksagung Meister der Spannungsliteratur wie Stephen King und Dennis Lehane zu seinen »Erstlesern« zählt.

Es gibt keinen blutroten Faden und keinen Helden, der ihn bis zum Showdown verfolgt. Lange gibt es nicht einmal eine Spur. Zwar haben Kims Freunde nicht alles gesagt, zwar gab es da einen Drogendeal und eine Affäre mit einem zwielichtigen Golfkriegssoldaten, aber solche Hinweise laufen ins Leere.

Und darum geht es in diesem auf subtile Weise grandiosen Generationenroman. Um Leere, Vanitas, um die feinen Risse, die sich zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und Freunden auftun, die manchmal zu offenen Konflikten aufbrechen, um sich in seltenen Momenten der Gemeinsamkeit fast wieder zu schließen. Es geht hier um das Leben selbst, das unaufhörlich große Schwestern ihren kleinen entfremdet, Mütter und Töchter einander anschreien, Kinder erwachsen und Eltern alt werden lässt.

Der Schock von Kims Verschwinden hat solche Risse aufbrechen lassen, und der manische Aktionismus, mit dem ihre Eltern die Suche in die eigene Hand nehmen, vermag sie nicht zu kaschieren. Im Gegenteil: Während Kims Mutter Fran in ihrer medial multiplizierten Rolle als tapfer-besorgte Mutter aufblüht, reibt sich ihr Vater Ed in Suchexpeditionen auf, bei denen Dutzende von Helfern Flussufer durchkämmen und unzählige Plakate kleben. Kims jüngere Schwester Lindsay, das hässliche Entlein, leidet am stärksten und flüchtet sich in die Perfektionierung ihrer Talente. Wie Zahnspange und Brille wird sie eines Tages auch ihre Familie hinter sich lassen.

Derweil nimmt die Suchkampagne groteske Züge an und macht die verschwundene Kim bekannter, als sie sonst je geworden wäre. Anregungen hatte Fran aus dem Internet heruntergeladen, noch während ein ratloser Polizist in ihrem Wohnzimmer auf den Anruf eines Entführers wartete, der niemals kam.

Überhaupt erscheint hier vieles wie eine banale Benutzeroberfläche, die nicht hält, was sie verspricht: die offiziellen Ermittlungen, Kims Arbeitsplatz am Verkaufstresen der Conoco-Tankstelle, das Drive-in, wo sie mit Lindsay noch eine letzte Mahlzeit teilte, das Einkaufszentrum und die Großveranstaltungen, bei denen zu Somewhere Over the Rainbow Ballons und T-Shirts mit ihrem Konterfei verkauft werden.

Gegen diese Oberfläche stellt O’Nan kleine Szenen aus dem Leben einer tief verstörten Familie, deren Wunden nun bloßliegen.

Als Makler spürte Ed schon die anwachsende Immobilienkrise, doch das Dahinschmelzen seiner Rücklagen war nicht seine eigentliche Sorge. Seine Mutter lebt in einem Pflegeheim. Bei einem seiner seltenen Besuche bietet sie ihm nun Geld für die Suche nach ihrer ältesten Enkelin an: »Du und dein Bruder, ihr bekommt doch sowieso alles.« Gerade mit diesen gut gemeinten Worten spricht sie aus, dass der Verlust Kims keine Ausnahme ist: »Er versuchte sich eine Welt ohne sie und Kim vorzustellen. Das erschien ihm unmöglich.«

Ob gewaltsam oder »natürlich« – der Stachel des Todes zielt hier auf die Überlebenden. Das zeigt, ganz am Rande, auch das Altern des Familienhundes, dessen Hundejahre die Handlung bis 2008 im Zeitraffer begleiten.

Kaum anders ergeht es Ed in den Augen seiner Tochter Lindsay, die ihn mit der arglosen Unbarmherzigkeit ihrer Jugend mustert. Das Leben hat ihn mit etwas gezeichnet, dem sie noch zu entkommen hofft: »Sein Gesicht war gerötet, weil er so oft mit dem Boot draußen war. Es war ihm anzusehen, dass er aus Kingsville kam.«

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    • Schlagworte Eltern | Geschwister | Stephen King | Traum | Pittsburgh
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