Belletristik Engel und Teufel

Ein neuer schaurig-schöner Barcelona-Roman des Bestsellerautors Carlos Ruiz Zafón.

Der »Friedhof der vergessenen Bücher« ist ein verborgenes, weitläufiges Labyrinth, das eine Bibliothek voll jahrhundertealter Raritäten, Geheimnisse und Wunder beherbergt. Aber nur in den Romanen des spanischen Bestsellerautors Carlos Ruiz Zafón. Als Berufsleser stellt man sich darunter eher ein ödes Gräberfeld vor, auf dem das Gros der bedrohlich angeschwollenen Buchproduktion unserer Tage schon bald nach dem Erscheinen die letzte Ruhe findet. Zafóns Schmöker allerdings dürften diesem Schicksal für eine ganze Weile entgehen, befolgen sie doch auf höchst effiziente Weise den Rat, den Charles Dickens als Faustregel für das Schriftstellerhandwerk formuliert hat: »Make ’em laugh, make ’em cry, keep ’em wanting more.«

Ob das abgebrühte Publikum von heute über Büchern noch Tränen vergießt, steht dahin, aber wer müsste nicht lachen, wenn der Erzähler bei einer unsympathischen Figur ein Lächeln beobachtet, »mit dem ich mich hätte rasieren können«? Zafóns Dialoge sind oft amüsant, ja geistreich, und die parodistische Distanz des Autors zu seinen eigenen Erfindungen ist nicht zu übersehen. Vor allem jedoch treffen diese gehobenen Schauergeschichten einen Ton, der Millionen Leser in aller Welt nach mehr verlangen lässt. Dazu trägt entscheidend bei, dass der Verfasser, in Barcelona beheimatet, als Werbetexter geschult und in Los Angeles als Drehbuchautor gestählt, sich so virtuos wie schamlos aus der Trickkiste der Fesselung und Spannungserzeugung bedient.

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Musste er mit seinem ersten Mega-Erfolg Der Schatten des Windes noch das Image des Jugend-buchautors abschütteln, nimmt er im Nachschub-Opus Das Spiel des Engels auf Jugendfreiheit jedenfalls keine Rücksicht mehr: In den wild beschleunigten Schlusskapiteln geht es überdosiert blutrünstig zu. Aber man braucht nicht im Qualitätssegment von Dickens zu arbeiten, um aus dessen Erfahrungen Kapital zu schlagen.

Es genügt, ihn zum Schutzheiligen zu erklären und mit weiteren hoch literarischen Anspielungen das Wohlwollen auch gebildeterer Leserschichten zu ködern, die kaum etwas so sehr schätzen wie das Gefühl, sich auf vertretbarem Niveau hemmungslos zu unterhalten. Wenn die abenteuerlich konstruierte Handlung sich dann noch als Lobgesang auf die Magie der Bücher und die Macht der Fantasie entpuppt, genießt man umso entspannter. Denn trotz aller medialen Revolutionen gilt ja nach wie vor: Wer das Buch ehrt, ist unserer Hochachtung wert, und selbst die trivialste Lektüre verdient Respekt, weil sie den Zugang zum veredelnden Kosmos der literarischen Fiktion eröffnen kann.

Deshalb muss Zafóns Held David Martín auch Schriftsteller sein, obwohl er in filmreifen Action-Szenen seinen Mann steht. Bücher erhellen seine düstere, mutterlose Kindheit im Barcelona des frühen 20. Jahrhunderts, und sie werden umso mehr zum Objekt der Begierde, als sein trunksüchtiger, vom Leben enttäuschter Vater ihm das Lesen gewaltsam auszutreiben versucht. Dickens’ Große Erwartungen prägen die Weltsicht des Heranwachsenden, und beim alten Buchhändler Sempere findet er Zuflucht und Geborgenheit.

Doch steinig ist der Weg zu den Weihen der Literatur. Er führt über die heruntergekommene Zeitung »Stimme der Industrie«, wo Davids Schreibtalent, von dem dandyhaften Starjournalisten Pedro Vidal entdeckt und gefördert, sich zunächst in dem operettenhaften Fortsetzungsroman »Die Geheimnisse von Barcelona« austobt. Danach wird er als Autor einer Groschenroman-Reihe unter dem Titel »Die Stadt der Verdammten« von zwei schlitzohrigen Verlegern ausgebeutet, kann sich nun aber immerhin in einer verlassenen Villa einmieten, die anmutet wie der Prototyp aller Geisterhäuser des Gothic-Novel-Genres.

Leser-Kommentare
  1. Zafon erinnert ein wenig an Coelho, perfekt gestrickte Bücher, nur nicht in der Masse, in der Coelho produziert. Für einen netten Abend ist das durchaus lesbar. Aber weder Coelho noch Zafon wird man zweimal lesen wollen.

  2. Ich habe das Buch vor Kurzem durchgelesen und bin bitter enttäuscht. Nicht nur wird es (zumindest in der englischsprachigen Ausgabe) -noch bevor man auch nur das erste Wort vom eigentlichen Roman liest- zu Unrecht in den Himmel gelobt, es erweist sich zudem als vorhersehbar, blutrünstig und unkreativ. Kennt man "Der Schatten des Windes", ist der Plot keine Überraschung (mittelloser Schriftsteller, großzügiger Patron, heimliche Liebe...). Aber im Gegensatz zu dem Vorgänger, der, meiner Meinung nach tatsächlich das Potenzial zum "perfekt gestrickten" Buch hat, bleibt in diesem Buch vieles unaufgelöst (was sollte zum Beispiel die Episode mit Chloe?). Und auch der Teufelspackt verwandelt sich am Ende in Kitsch (als Corelli dem Protagonisten seine große Liebe Cristina zur Aufzucht als kleiner Mädchen anvertraut).
    Klar, die Dialoge sind nett, stellenweise witzig. Völlig fehl am Platz finde ich das Blutbad der letzten Kapitel. Irgendwie wird es echt öde, wenn schon wieder eine Figur stirbt und am Ende nur der Protagonist selbst und der Buchhändler Sempere überlegen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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  • Schlagworte Belletristik | Literatur | Barcelona | Katalonien
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