Die Frage: Dimitri und Melanie kennen sich von der Universität. Sie haben mehr und mehr Kontakt, bereiten zusammen Referate vor und treffen sich hin und wieder zu einem Kaffee. Dimitri spürt, dass er Interesse an Melanie hat. Und er kann sich vorstellen, dass es ihr genauso geht. Auf einer Party kommen sich die beiden endlich näher. Sie reden lange, und schließlich küssen sie sich. Nach einer wilden Knutscherei ist Dimitri geradezu euphorisch. Auch Melanie ist bester Laune. Sie sagt: "Weißt du, ich habe allen meinen Freundinnen schon erzählt, dass ich mit dir zusammenkomme." Dimitri ist im ersten Moment geschmeichelt, weil er ja offenbar ein begehrenswerter junger Mann ist. Aber je länger er über diesen Satz nachdenkt, desto ernüchternder findet er ihn. Ist er am Ende nur eine Art Beute für Melanie? Hat er sie gar nicht erobert?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ein Fall von Kastrationsangst, hätte der alte Freud gesagt. Armer Mann als Beute des Amazonenheers. Dass verliebte Frauen mit ihren Freundinnen darüber reden, mit wem sie zusammenkommen möchten, ist das Normalste der Welt. Aber Dimitri kann die Heldenbrille nicht absetzen, sosehr sie ihm das Gesichtsfeld einengt. Für ihn zählt eine Liebesbeziehung nur dann, wenn sie sein Rollendenken bestätigt. Wenn nicht er es ist, der die Frauenherzen erobert, fühlt er sich schwach. Dass eine Frau sogar ihn erobert haben könnte, ängstigt ihn; es erinnert an die archaische Übermacht der Mutter. Er sollte mit Melanie über seine Irritation sprechen; dann wird auch sie etwas lernen, was Frauen oft schwerfällt zu begreifen: wie viel Angst Männer davor haben, von einer Frauenschar umzingelt zu werden.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

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Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.