Ein Spielzeug für Berater

Zerstrittene Erben, planlose Finanzinvestoren und Missmanagement führten Märklin in die Insolvenz. Aber es gibt schon neue Kaufinteressenten

150 Jahre Märklin – und das war’s. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr und am Eröffnungstag der wichtigsten Branchenmesse in Nürnberg entgleist der weltweit größte Produzent von Spielzeugzügen. Die Geldgeber, voran die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sowie die Kreissparkasse Göppingen, wollten das Missmanagement nicht länger finanzieren. »Hätten die Banken jetzt nicht gehandelt, hätte sich das Unternehmen der Konkursverschleppung schuldig gemacht«, folgert der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Pluta nach einem Blick in die Bücher.

Die Traditionsfirma aus dem württembergischen Göppingen drücken Bankschulden von gut 50 Millionen Euro. Ein tragfähiges Konzept gibt es indes noch nicht. Aus diesem Grunde und weil die Eigentümer, die britischen Finanzinvestoren Kingsbridge Capital und Goldman Sachs, plötzlich weitere Kredite in Höhe von 17 bis 20 Millionen Euro verlangten, zeigten die Geldhäuser das Stoppsignal.

Ab jetzt stellt der Ulmer Anwalt Michael Pluta vorerst die Weichen. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte der Rauswurf sämtlicher Märklin-Berater. Sie verschlangen Honorare von rund 40 Millionen Euro in nur drei Jahren, so Pluta. »Allein in einem Jahr veranlasste deren Sanierungsberatung den gesamten Verlust von 18 Millionen Euro«, so der Anwalt und fügt hinzu: »Für den Rausschmiss habe ich viel Dank per E-Mails erhalten.« Die für Pluta völlig sinnlosen Beraterausgaben seien nur einige der gravierenden Fehler aus der jüngsten Zeit. Auch »das auf Zahlen orientierte, kurzfristige Denken« an der Firmenspitze werde der Marke nicht gerecht. Die Finanzinvestoren hätten ebenfalls Geld verloren. Für ein Unternehmen wie Märklin seien sie einfach nicht geeignet. Er betrachtet die Insolvenz »als eine Befreiung« von den Eigentümern Kingsbridge Capital und Goldman Sachs.

Der Verwalter aus Ulm zählt zur neuen Garde von Wirtschaftsanwälten, die auf die Fortführung maroder Betriebe spezialisiert sind. Für Pluta steht außer Frage, dass nur ein Unternehmer »mit Herzblut« in der Lage sein wird, möglichst viele Arbeitsplätze in Göppingen zu sichern: »Ich hoffe sehr, dass die Produktion in Deutschland erhalten bleibt.« Auf die Belegschaft kann er dabei sicher zählen. Nach der ersten Betriebsversammlung mit Plutas Stellvertreter Fritz Zanker haben die rund 650 Beschäftigten im Stammhaus wieder Mut gefasst. »Die Mitarbeiter erhielten positive Signale und stehen fest zur Firma und ihren Produkten«, so ein Mitglied des Betriebsrats. Er blicke wie die meisten jetzt nur nach vorn und nicht mehr zurück.

Die akuten Missstände bei Märklin offenbaren einen schleichenden Niedergang des Traditionshauses. Lange bevor die Investoren aus Britannien im Frühjahr 2006 einstiegen, kriselte es bereits, stand die Firmengruppe am Abgrund: Umsätze stagnierten, Verluste wuchsen, die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte. »Die Reise geht seit acht Jahren abwärts«, beobachtet Fachhändler Peter Kübler, der die Geschäfte bei E + E Modelleisenbahnen in Remshalden-Geradstetten führt. »Manager kamen und gingen, und keiner hatte vom Produkt oder von den Wünschen der Kunden eine Ahnung«, kritisiert er. Märklin sei zum Spielzeug für Berater verkommen. Obwohl der Konzern neben Märklin mit den Marken Trix, Minitrix, Hübner und LGB auf mehreren Spuren fahre, fehle bis heute bei der Modellpolitik wie der Vermarktung ein klares Konzept. Das Management in Göppingen biete kaum die »richtigen Innovationen«, es agiere »ideenlos und ziellos«, urteilt Kübler knapp.

Schon die Erben der 1859 gegründeten Firma schätzten die Dachmarke falsch ein und versäumten es, Märklin vorteilhaft neben den anderen Labels zu platzieren. Ihr Unverständnis ging so weit, dass Bausätze für Einsteiger später sogar in Penny-Märkten feilgeboten wurden. Dabei hat Märklin mit Spielzeug für Kinder so gut wie gar nichts mehr zu tun.

Die Senioren lösten vor einer Generation ihre Söhne als Modellbahnfans ab. »Märklin wird zu gut 90 Prozent von Erwachsenen gekauft«, sagt Pluta – eigentlich der Idealfall für gute Geschäfte und Preise. Denn Erwachsene sind als Klientel begnadete Bastler und Sammler. Solche Liebhaber, oft in Märklin-Clubs organisiert, sparen nicht am Euro. Ähnlich wie Sammler von Uhren oder Antiquitäten suchen sie für ihr Hobby stets den besonderen Kick. »Ein Modelleisenbahner wird nie fertig mit seiner Anlage«, freut sich ein Verkäufer im »Märklin Store« Stuttgart. »Der Kunde kauft nach Bauchgefühl«, sagt auch Märklin-Spezialist Kübler. Leider würden die Emotionen vernachlässigt, ebenso Investitionen in die Werbung. Schnöde fährt Märklin stattdessen mit komplizierter Technik ohne Glamour an Männerträumen vorbei.

Der Schlingerkurs unter den 22 Märklin-Erben führte am Ende dazu, dass Mitarbeiter, Banken und Handel froh waren, die Familie 2006 aufs Abstellgleis schieben zu können. Unter Beifall der Belegschaft begrüßten sie die Briten als neue Besitzer. Doch die Hoffnung verflog rasch.

Für den Neustart sucht Pluta nun »einen Kämpfer, der den emotionalen Gehalt der Marke verinnerlicht hat und nach außen vertreten kann«. Erste mutige Unternehmensretter aus Hessen und Norddeutschland sollen bereits angeklopft haben. Allein die Marke ist für sie Kult. Möglich, dass die neuen Investoren schon vor dem 1. April bei Märklin einziehen werden. Das ist genau jener Tag, an dem die Insolvenz der Firma offiziell eröffnet werden soll.

 
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