Theater Der heilige Hai

Peter Zadek inszeniert Shaws Komödie "Major Barbara" mit dem großartigen Robert Hunger-Bühler in Zürich

Der reiche Mensch schämt sich. Warum? »Weil er bei jeder Taxifahrt spürt, dass eine Welt nicht in Ordnung ist, die ihn so übertrieben mit Glück beschmissen hat, den Taxifahrer aber definitiv nicht… Es gibt keinen Reichtum, der verdient wäre, das weiß jeder Reiche auch. Aber wohin mit der Scham?«

So steht es in Rainald Goetz’ Internettagebuch Klage, und als nicht so Reicher denkt man: Goetz hat schon recht. Die Scham ist ein Problem der Reichen. Im Schauspielhaus Zürich aber begegnet uns ein Reicher, der Goetzens Befund gehörig ins Wanken bringt. Dieser Reiche kennt keine Scham, ja er beschämt mit seiner Intelligenz alle Armen.

Der Mann heißt Andrew Undershaft, er ist Waffenfabrikant und Philosoph und erblickte im Jahr 1905 das Licht der Theaterwelt. Er ist der wahre Held von George Bernard Shaws Komödie Major Barbara, und die Kernsätze seiner Philosophie lauten:

Armut ist Verbrechen. Arme vergiften uns moralisch und psychisch. Wer besser gekleidet und besser genährt ist, wird auch ein besserer Mensch sein. Und: »Lieber ein Dieb als ein armer Mann, lieber ein Mörder als ein Sklave.«

Lange vor Adorno hat Undershaft für sich beschlossen, dass es im falschen Leben kein richtiges gibt. Erst muss man sich im falschen Leben nach oben graben und sich dort gründlich sättigen, dann kann man eventuell damit beginnen, im falschen Leben ein richtiges zu führen.

Dieser Schauspieler tritt nicht auf, er schwebt aus Höllentiefen empor

Genau an diesem Punkt beginnt Shaws Komödie. Eigentlich ist Major Barbara die Geschichte einer Familienzusammenführung. Familie Undershaft (Mutter Undershaft und drei Kinder) hat sich aus moralischen Gründen von ihrem Oberhaupt, dem Waffenhändler, getrennt, aber nun wird das Geld knapp, und da besinnt man sich des Alten und holt ihn zurück. Undershaft lässt sich gern zurückholen – aus Neugierde. Vor allen anderen gefällt ihm seine Tochter Barbara, die allem Weltlichen abschwor und als Majorin der Heilsarmee die armen Seelen mit Suppe wärmt. Als die Heilsarmee in finanzielle Schwierigkeiten gerät, kauft Undershaft den ganzen Laden – und Barbara gleich mit.

Seltsamer Name: Undershaft. Er lässt den Namen Shaft anklingen – das ist jener schwarze, coole Kinodetektiv aus Hollywood, der in den 70er Jahren antrat, seinen Leuten, den Afroamerikanern, ihre Würde zurückzugeben. Shaws dunkler Komödienheld Undershaft ist ebenso selbstgewiss wie Shaft. Auch er gibt seinen Leuten, den Schwerreichen, die Würde zurück. Und in Zürich ist er so cool wie Shaft.

Es tritt auf: der Schauspieler Robert Hunger-Bühler. Er spielt den Unternehmer Undershaft. Aber nein, Hunger-Bühler ist kein Schauspieler, der einfach auftritt. Er schleicht vielmehr lautlos herauf, als sei er von der Erddrehung aus der Tiefe hochgescrollt worden. Er wirkt immer so, als komme er nicht aus den Kulissen, sondern von unten, aus der Hölle, in der er zu Hause ist, seitdem er den Mephisto gespielt hat in Peter Steins Faust- Inszenierung (2000).

Hunger-Bühler ist zu Beginn ganz scheu, kleinlaut, linkisch. Er spricht mit gesenkten oder unterwürfig suchenden Augen, als müsse er es erst lernen, in Gesellschaft zu sein. In Wahrheit ist es so, dass er dieser Gesellschaft erst einmal Zeit geben will, damit sie sich an ihn und an die Wahrheit gewöhnen kann. Hunger-Bühler sucht sich seine Worte, so scheint’s, beim Sprechen aus alldem zusammen, was die Welt ihm anbietet, aus dem Mobiliar, das ihn umgibt, aus den Wolken, die über ihn hinfliegen. Er sieht sich um und sagt nur, was ist; er ist der arglose Sprecher der Verhältnisse. Das Allerschwerste wird mit dem wärmsten, weichsten Atem an unserem Ohr vorbei gesprochen, Undershaft muss nichts laut sagen, es ist ja nur die Wahrheit, es versteht sich von selbst.

»Ich möchte nicht Ihr Gewissen haben, nicht um Ihr ganzes Vermögen«, sagt einer zu ihm. Und er antwortet: »Ich möchte nicht Ihr Vermögen haben, nicht um Ihr ganzes Gewissen.« Manchmal denkt man: Jetzt lacht er. Aber man weiß es nie genau. Sollte er lachen, dann tut er es dezent und tief nach innen. Er dämpft seine Pointen – er löscht sie ab. Seine Stimme ist fast verzagt, aber sein Witz ist von Groucho Marx. Was an ihm rührt, ist seine arglose Neugier. Dieser Waffenfabrikant lernt mit jeder Explosion dazu. Er hat die Gabe, so zu wirken, als lebe er ganz im Augenblick – und als treffe der Augenblick belebend auf etwas Unverrückbares in seinem Inneren.

Erst muss einer mal satt sein, dann kann er ein guter Mensch werden

Einmal sagt Undershaft, seine neue Waffe habe auf einen Schlag 300 Soldaten ausradiert. Sein Schwiegersohn fragt: Attrappen? Und Undershaft sagt: »Nein………«, und dann macht er eine Pause, die man mit mindestens drei Leerzeilen darstellen müsste, und fügt hinzu: »Echte.« Er schreibt sich Pointen niemals selbst zu, sein Witz hat etwas Dienendes: Er ist nur das Medium einer höheren Wahrheit.

Warum haben wir uns in dieser Kritik so sehr auf den Schauspieler Robert Hunger-Bühler konzentriert? Weil die Inszenierung des 82-jährigen Peter Zadek ansonsten wenig Berichtenswertes bietet. Wir sehen eine Familie, die in der Wüste eines Konversationsstücks nach der Oase der Pointe sucht, meist vergeblich. Wir sehen Leute, die sich wie mit der Zigarettenspitze das Gift des Stücks vom Leib halten. Wir sehen tolle Schauspieler, Nicole Heesters, Jutta Lampe, August Diehl, in Nebenrollen – und Julia Jentsch als eine sanfte Heilige in der Titelrolle, die doch auch nur Nebenrolle ist.

Was bleibt, ist Undershaft: Er musste erst gefährlich sein, um mildtätig werden zu können. Er musste erst satt werden, ehe er der Gesellschaft nützlich werden konnte. Der Unternehmer als Pionier, der zunächst einmal für sich selbst das Beste will und dann generös darüber nachdenkt, die anderen nachzuholen (vielleicht sogar jene, auf die man vorerst noch Raketen wirft).

Peter Zadek findet nur in Undershaft einen Ebenbürtigen. Nur ihn erweckt er zum Leben und zum Denken. Durch die übrigen Figuren fährt gelangweilt der Wind der Regie. Die warmen Gedanken, der gute Wille, der Altruismus in diesem Stück – das ist alles hin und vergessen. Was überlebt, ist die illusionslose, über sich selbst aufgeklärte Gier.

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