Martenstein Man stirbt nicht dran
Unser Kolumnist freut sich auf den Zusammenbruch des Kapitalismus
Im Zug traf ich einen Bekannten, der in einer Werbefirma arbeitet. Der Bekannte erzählte von der Weihnachtsfeier, die einige Wochen zurücklag. Die Firma habe, trotz Krise, nicht gespart, ein schönes Restaurant, optimistische Reden. Trotzdem sei die Stimmung gedrückt gewesen. Alle hätten Angst. Besonders unangenehm sei der Anblick derjenigen gewesen, die devot um die Chefs herumscharwenzelten, in der Hoffnung, dass sich ihre Schleimerei in ein paar Monaten auszahlt, wenn sehr wahrscheinlich die Entlassungslisten zusammengestellt werden.
Ich sagte: "Als ich Chef war, fand ich das Scharwenzeln genauso zum Kotzen wie jeder andere. Die meisten Chefs sind nicht blöd. Leistung zählt, mein Lieber." Der Bekannte war skeptisch. Im Kapitalismus zählt Leistung, das sei doch ein Satz wie: "Im Sozialismus gehören die Fabriken dem Volk."
Ich sagte, dass mir jetzt, in der Krise, ein Unterschied zwischen West- und Ostdeutschen aufgefallen sei. Ein ostdeutscher Freund zum Beispiel, der in seinem Beruf ziemlich erfolgreich ist, arbeitet seit Jahren sechs Stunden am Tag. Er könnte deutlich mehr verdienen. Er lehnt ständig Aufträge ab. Er hat Familie, es geht ihnen ganz gut, aber sie schwimmen nicht gerade im Geld. Dieser Freund hat beschlossen, dass er nur einen genau begrenzten Anteil seines Lebens für die Arbeit hergibt, mehr nicht, daran hält er sich. Wenn ihm jemand einen Auftrag anbietet, bei dem er innerhalb eines Tages 1500 Euro oder mehr verdienen kann, relativ locker, dann wird er das ablehnen, falls es bedeutet, dass er deshalb an diesem Tag nicht mit seinen Kindern spielen kann.
Was hat das mit dem Osten zu tun?, fragte der Bekannte. Der Typ ist halt einfach ein Bohemien. Ein Bohemien mit Familie, wie kauzig.
Ich glaube, dass man im Osten vor dieser Krise, die demnächst angeblich alle spüren, weniger Angst hat, sagte ich. Im Osten hast du immerhin schon mal die Erfahrung gemacht, dass ein System komplett zusammenbrechen kann und dass fast alle, die du kennst, ihre Jobs verlieren. Das Leben geht trotzdem weiter. Außerdem hat man die Erfahrung in den Knochen, dass man auch mit wenig Geld über die Runden kommt und ohne Karriere, dass auch ein Leben ohne, das klingt vielleicht blöd, also ein Leben ohne den Kapitalismus und alles, was dazugehört, ganz angenehm sein kann. Der Osten hat uns die Systemkrisenerfahrung voraus und die Erfahrung, wie das ist, ohne Kapitalismus zu leben. Man stirbt nicht dran. Das soziale Netz, das sind Familie und Freunde, verstehst du. Und der Staat, na ja, der Staat wird einen schon nicht verhungern lassen. Abgesehen davon ist der Staat sowieso Scheiße. Das ist doch eine tolle, gelassene Haltung, jetzt in der Krise.
Der Bekannte seufzte, ja, Gelassenheit ist immer gut. In der Agentur intrigieren sie auf Teufel komm raus, es wird immer schlimmer, verstehst du, wer mit wem, welche Allianzen, wessen Stern steigt, wessen Stern sinkt, welche Freunde sind jetzt gut, welche Freunde sind schädlich, sie belauern einander, es ist zum Kotzen.
Ich sagte, dass ich noch arbeiten muss, das klingt jetzt wie eine schlechte Pointe, sagte ich, aber ich muss tatsächlich noch was schreiben, ein Zusatzauftrag. Ich kann halt nicht Nein sagen. Im Grunde bin ich froh, wenn alles den Bach runtergeht, kein Stress mehr, ich baue Gemüse an, ich züchte in dem Sommerhäuschen Ziegen, oder Biorinder, wie dieser Moderator, wie heißt das Kulturmagazin noch gleich? Der züchtet jedenfalls Rinder, außer er moderiert gerade.
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- Datum 18.03.2009 - 11:30 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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Im Kapitalismus zählt Leistung, das sei doch ein Satz wie: "Im Sozialismus gehören die Fabriken dem Volk."
Trifft den Nagel auf den Kopf!
Allerdings: Wenn demnächst die Demokratie neu definiert wird (siehe Diskussion Lissabon-Verträge), können wir ja auch die Leistung gleich auch neu definieren.
Mein Vorschlag für den Duden 2020:
Leistung, f.: (1) Die Summe aus ererbtem Vermögen und persönlichen Beziehungen. (2) Der Grad der Übereinstimmung mit dem Mittelmaß der Bevölkerung. (3) Archaischer Ausdruck für die Ergebnisse der Nutzung eigener Fähigkeiten.
an der Krise, werter Herr Martenstein,
ist obendrein, dass es nicht einmal einer wie auch immer gearteten Gelassenheit bedarf, um mit ihr umzugehen. Manche umgehen sie einfach, in dem sie sie gar nicht wahrnehmen.
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
Bravo!
dank der evolution.........man könnte auch anpassung sagen
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