Abends kommen die Falter in Schwärmen. Wenn es dunkel wird im Regenwald von Costa Rica, schaltet Gunnar Brehm den Leuchtturm an. Drei Stunden lang, von halb sieben bis halb zehn, flattern dann kleine dunkle Schatten ins Licht. Die Falle ist einfach konstruiert: eine Leuchtröhre, darüber ein Moskitonetz aus weißer Gaze. In guten Nächten sitzen nach kurzer Zeit Hunderte Falter auf dem Netz. Brehm muss nur noch ein Glas nehmen und sie einsammeln. »Den heftigsten Fang hatten wir letztes Jahr im Bergregenwald, in 2800 Meter Höhe«, erzählt er. »Ein Kollege und ich haben in einer Nacht jeweils mehr als tausend Tiere gesammelt.«

Brehm arbeitet als Zoologe am Phyletischen Museum in Jena. Doch wann immer er kann, ist er in den Tropen unterwegs – die Artenvielfalt, sagt er, sei in Europa einfach nicht vergleichbar. Jedes Mal, wenn er seinen Leuchtturm ausknipst, hat er Falter in seinen Fanggläsern, die noch niemand beschrieben hat. »Ich habe allein von meiner letzten Expedition 300 neue Arten, denen ich gerne Namen geben würde«, sagt der Forscher. Doch genau dazu fehlt ihm das Geld.

Ein Förderantrag, den er bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingereicht hat, wurde mit deutlichen Worten zurückgewiesen. »Die DFG fördert keine Inventarisierung, wenn diese nicht mit einer wissenschaftlichen Fragestellung verbunden ist«, bekam er auf Nachfrage zu hören. Unterstützt würden nur Projekte, die sich mit einer klaren wissenschaftlichen Hypothese auseinandersetzten, welche innerhalb des Forschungsprojekts auch prüfbar sei.

Auf den ersten Blick ist der Fall nicht besonders spektakulär: Viele Forscher scheitern mit ihren Anträgen bei der DFG, und das meist nicht ohne Grund. Pikant sind allerdings die Begründung und der Hintergrund: Noch kein Jahr ist es her, dass in Bonn die große UN-Naturschutzkonferenz stattfand. Deutschland betonte als Gastgeberland seine ehrgeizigen Pläne für den internationalen Artenschutz, und die Bundeskanzlerin erntete viel Lob, als sie mehrere Milliarden Euro Unterstützung versprach.

Die Finanzspritze war großzügig, aber sie ist auch dringend notwendig: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben auf der Erde bereits heute jeden Tag 50 Arten aus, der Klimawandel wird den Prozess noch beschleunigen. Die meisten Tiere erregen mit ihrem Verschwinden kein großes Aufsehen – weil es sich nicht um populäre Säugetiere wie Pandas, Eisbären oder Wale handelt, sondern um unscheinbare Insekten.

Folgenlos wird das Aussterben dieser Arten trotzdem nicht bleiben, da ist Alexander Haas sich sicher (siehe Interview Seite 32). Der Hamburger Zoologe hat in den vergangenen Jahren eine Bestandsaufnahme der Frösche auf Borneo gemacht und leidet ebenso wie Brehm unter fehlenden Fördermitteln. »Ich wüsste nicht, welche Stelle in Deutschland ein rein taxonomisches Inventurprojekt finanzieren würde«, sagt Haas.

Dass der Nutzen von Bestandsaufnahmen nicht jedem sofort einleuchtet, kann er zwar verstehen. Man könne kaum vorhersagen, welche Tiere und Pflanzen sich als besonders wertvoll für die Menschen erweisen werden, sagt er. Deswegen sei es wichtig, zumindest jene Stellen der Erde zu schützen, an denen die Biodiversität – die Vielfalt der Arten in einem Ökosystem – am größten sei. Um diese Orte herauszufinden, sind Arteninventuren unumgänglich. Auch einige von Brehms Faltern werden dem Klimawandel zum Opfer fallen. In einer Publikation im Fachjournal Science hat der Forscher Ende vergangenen Jahres gemeinsam mit US-amerikanischen Kollegen aufgezeigt, wie sich die steigenden Temperaturen auf das Ökosystem in den Tropen auswirken. Nach ihren Ergebnissen werden viele Arten den einzigen Ausweg nehmen, der ihnen bleibt: die Berge hinauf. Dort, wo entwaldete Flächen dies verhindern oder Arten bereits weit oben leben, werden viele Tiere und Pflanzen den Klimawandel nicht überstehen.