Tierbestandsaufnahme Gern gelobt, ungern gefördertSeite 3/3
ZEIT: Worin liegt denn der konkrete Nutzen, zum Beispiel Ihres Forschungsprojekts?
Haas: Ich betreibe Grundlagenforschung, die in erster Linie erkenntnisorientiert ist. Nutzlos ist sie trotzdem nicht: Viele Hautsekrete von Fröschen sind von großem pharmakologischem Interesse. Sie wirken antibakteriell oder schmerzlindernd. Welche Art für den Menschen wichtig ist, lässt sich nicht vorhersagen. Dennoch gehen wir ein großes Risiko ein, wenn wir so viele Arten einfach aussterben lassen. Mir ist klar, dass wir nicht alles unter Schutz stellen können. Die Frage lautet vielmehr, wie können wir möglichst viele der Arten retten? Das gelingt nur, wenn wir zuerst die Gebiete mit der größten Biodiversität bewahren. So erhalten wir auch am wahrscheinlichsten die Arten, die einen wirtschaftlichen oder pharmakologischen Nutzen haben könnten. Das wiederum ist erst möglich, wenn wir wissen, wo diese Stellen liegen.
ZEIT: Was muss passieren, damit es für die Taxonomen wieder aufwärtsgeht?
Haas: Ich habe das Gefühl, dass sich das Image in den letzten fünf, zehn Jahren schon etwas verbessert hat. Es wird langsam klar, dass man auf die Expertise von Taxonomen nicht verzichten kann. Es gibt einige gute nationale und internationale Organisationen, die auf das Nachwuchsproblem und den Verlust von Expertenwissen aufmerksam machen. Viele Lehrstühle für Systematische Biologie wurden im Verlauf der letzten 20 Jahre nicht mehr mit Systematikern besetzt, die Universitäten haben sich aus der Nachwuchsförderung auf diesem Gebiet zunehmend zurückgezogen. Die großen Forschungsmuseen sind fast die einzigen Orte, die heute noch Taxonomen ausbilden.
ZEIT: Wie könnte ein modernes Inventurprojekt aussehen?
Haas: Sinnvoll wäre eine Bündelung der Forschungsaktivitäten in großen Zusammenschlüssen. Ein Gremium sollte sich nicht entscheiden müssen, ob es die Erfassung der Käfer oder die der Amphibien fördert. Wir brauchen Konsortien von Wissenschaftlern, die sich auf ein kritisches Gebiet konzentrieren und die Inventur zusammen angehen, gemeinsam mit Institutionen, die das fördern, und in enger Kooperation mit den Ländern, in denen die Untersuchungsgebiete liegen. So kann man die Ressourcen teilen, Feldstationen und Logistik gemeinsam nutzen und die Ergebnisse in einem größeren Kontext bewerten.
Die Fragen stellte Josephina Maier
- Datum 03.06.2009 - 17:53 Uhr
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- Serie Umwelt
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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