ÖKONOM Der Fluch des Exporterfolgs

Die Krise zeigt: Die deutsche Wirtschaft braucht ein neues Geschäftsmodell

Die Deutschen können noch einmal auf den Titel des Exportweltmeisters hoffen. Wie in den Jahren zuvor hat Deutschland 2008 wohl mehr Waren ausgeführt als jedes andere Land der Welt. Zeigt das, wie stark die deutsche Wirtschaft ist?

Aus Sicht der Politik ist das so. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Berliner Koalitionär erklärt, die Unternehmen seien im Grunde »gut aufgestellt« und die Wirtschaft eigentlich in bester Verfassung. Wenn die Krise vorbei sei, würde sie ihre Kräfte in gewohnter Manier ausspielen. Man kann es aber auch ganz anders sehen.

Deutschland lebt wie kaum ein anderes Land davon, dass andere Staaten seine Waren kaufen. 2007 machten die Güterexporte 40 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, in Frankreich waren es 23 Prozent, in den USA nur 9 Prozent. Selbst das wegen seiner aggressiven Handelspolitik oft kritisierte China hat mit einem Exportanteil von 36 Prozent eine ausgeglichenere Wirtschaft.

Die Politik hat die Entstehung dieser Ungleichgewichte befördert. Sie hat die Arbeitnehmer aufgefordert, Maß zu halten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Und sie hat wenig getan, um die heimische Nachfrage anzukurbeln. Die Verherrlichung des Exports hat eine lange Tradition in Deutschland. Ihre Wurzeln liegen im Merkantilismus, einer im 16. Jahrhundert entstandenen Denkschule der Ökonomie, die es zum wirtschaftspolitischen Ziel erklärte, die Ausfuhren zu steigern.

Die merkantilistische Strategie hatte ihre Vorteile. Hiesige Firmen gewannen Marktanteile, sie stellten neue Leute ein. Das Problem dabei: Die Welt insgesamt kann nichts exportieren. Wenn ein Land mehr ausführt, als es einführt, dann muss ein anderes Land zwingend mehr einkaufen, als es verkauft. Das Modell Deutschland funktioniert nur, wenn andere Staaten bereit sind, über ihre Verhältnisse zu leben. So gesehen, war die deutsche Wirtschaft auf die Exzesse in Ländern wie den USA angewiesen. Die Amerikaner nahmen ja vor allem deshalb immer neue Kredite auf, weil sie sich Waren – gerade auch aus dem Ausland – kaufen wollten.

Eine Lehre aus der Krise ist aber, dass das auf die Dauer nicht gut geht. Viele Amerikaner sind überschuldet. Sie werden wahrscheinlich noch für einige Jahre kürzertreten müssen – und damit verliert die deutsche Wirtschaft einen wichtigen Teil ihrer Absatzmärkte. Der Absturz ist dramatisch: Die Auftragseingänge aus dem Ausland lagen im Dezember 31,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. Gerade weil Deutschland so abhängig ist vom Export, dürfte die Krise das Land weitaus härter treffen als andere Staaten. Die Europäische Kommission sagt einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,3 Prozent in diesem Jahr voraus – damit ist Deutschland an vorletzter Stelle in der EU und rangiert sogar noch hinter Krisenländern wie Spanien. Womöglich ist die deutsche Wirtschaftsweise genauso überholt wie die amerikanische. Mark Schieritz

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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