Eine Unsitte macht sich breit in Deutschland: die Ausbürgerung. Der Entzug der Bürgerrechte verläuft in unserer Demokratie rechtmäßig und schulterzuckend. Und ist gerade deswegen ein Skandal. Natürlich spricht niemand offiziell von »Ausbürgerung«. Der bürokratische Begriff lautet »Optionspflicht«. Sie wird jetzt zum massiven Problem.

Über eine Viertelmillion eingebürgerte Jugendliche werden in den nächsten 15 Jahren gleich nach ihrem 18. Geburtstag einen Brief von den Behörden erhalten. In diesem Jahr betrifft es schon über 3000 Einwandererkinder, die gerade volljährig geworden sind. Die Aufforderung des deutschen Staates ist klar: Die jungen Leute sollen sich für einen Pass entscheiden.

Wenn sie den deutschen behalten möchten, müssen sie ihre zweite Staatsangehörigkeit, die sie von den Eltern geerbt haben, ablegen. Tun sie das nicht, wird ihnen der deutsche Pass wieder abgenommen. Wer dieses Jahr 18 geworden ist, muss sich entscheiden, bis er 23 wird. Und wenn nicht? Dann waren die Betroffenen einmal Deutsche.

Diese sogenannte Optionspflicht im Staatsangehörigkeitsrecht muss abgeschafft werden. Sie war von Anfang an ein Geburtsfehler der rot-grünen Reform im Jahr 2000. Damals wurde erstmals festgelegt, dass jeder, der in Deutschland geboren wird, auch deutscher Staatsbürger ist. Kinder bis zehn Jahren konnten erleichtert eingebürgert werden – die ersten sind im vergangenem Jahr 18 geworden. Gleichzeitig gelang es der Schröder/Fischer-Regierung aber nicht, die doppelte Staatsbürgerschaft zu etablieren. Roland Koch hatte damals im hessischen Landtagswahlkampf gegen das Vorhaben mobilgemacht. Rot-Grün zog den Kopf ein und formulierte einen Kompromiss – die Optionspflicht. Seit einem Jahr greift sie zum ersten Mal. Deshalb ist es Zeit, deutlich zu sagen: Mit dieser Regelung können Jahr für Jahr jungen Menschen die Bürgerrechte in ihrem eigenen Land entzogen werden.

Bürgerrechte aber sind das Fundament einer Demokratie. Tausenden jungen Männern und Frauen die Bürgerrechte in Deutschland zu entziehen, wäre zutiefst undemokratisch. Es ist unverständlich, dass am Anfang des 21. Jahrhunderts Menschen de facto ausgebürgert werden können, nur weil sie Doppelstaatler sein möchten. Ironisch formuliert: Um in der DDR ausgebürgert zu werden, musste man Dissident sein. In der Bundesrepublik reicht es heute, wenn die eigenen Wurzeln im »falschen« Land liegen.

Denn es ist natürlich ein Märchen, dass der Doppelpass in Deutschland nicht möglich sei. Fußballnationalspieler Miroslav Klose etwa besitzt zwei Pässe, den deutschen und den polnischen. Sein Exkollege im Sturm Kevin Kurányi ist sogar Bürger dreier Staaten – Deutschland, Panama und Brasilien. Kinder mit einem deutschen und einem ausländischen Elternteil dürfen in Deutschland mehrere Staatsbürgerschaften besitzen. Dasselbe gilt für Spätaussiedler und für Kinder, deren Eltern ebenfalls zwei Pässe ihr Eigen nennen.