Wir kommen aus Athen

Große Geschichtsschreibung: Christian Meier erzählt, wie sich in der griechischen Polis die Freiheit entfaltete

Warum eigentlich muss eine Geschichte Europas im antiken Griechenland beginnen? Was haben uns die alten Hellenen überhaupt noch zu sagen? Liegen die Wurzeln Europas wirklich in der östlichen Ägäis? Christian Meier, einer der Großen der Historikerzunft, der am 16. Februar seinen 80. Geburtstag feiert, hat sein jüngstes Buch diesen Fragen gewidmet.

Zunächst gibt er sich sehr zurückhaltend. Dass die mittelalterliche und neuzeitliche Kultur auf der klassischen Antike gründe, ist ihm keine Gewissheit; von der wohlfeilen Europarhetorik der politischen Eliten distanziert er sich; stattdessen betont er die Einzigartigkeit, ja die Fremdheit des griechischen Altertums. Wenn Geschichte struktureller Wandel aller Verhältnisse ist, dann muss die Frage erlaubt sein, ob mit dem christlichen Mittelalter nicht etwas ganz Neues entstand, eine »von der antiken gründlich verschiedene Kultur«, die zwar vielerlei Anregungen von den Alten empfing, sich aber letztlich unabhängig weiterentwickelte.

Die Entdeckung des Kontinents Europa und die damit einhergehende Trennung von Asien beschreibt Meier als Ergebnis der militärischen Auseinandersetzung zwischen Griechen und Persern zu Beginn des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, die zugleich die Hellenen-Barbaren-Antithese begründete. Erst im Rückblick auf die Perserkriege wollte man vergessen machen, dass der gesamte östliche Ägäisraum über Jahrhunderte hinweg durch intensive wirtschaftliche, politische und kulturelle Kontakte zwischen den Griechen und den Hochkulturen des Vorderen Orients gestaltet wurde.

Nochmals: Warum ist das frühe Griechenland Teil des heutigen Europas? Meier gibt eine eindeutige Antwort: Weil die Griechen homines maxime homines sind, Menschen, die im höchsten Maße Menschen sind. Das stammt von Plinius dem Älteren und klingt nach Wilhelm von Humboldt. Doch Meier streut nicht den Weihrauch des Neuhumanismus. Jacob Burckhardt ist ihm näher als die deutschen Klassiker. Die Griechen sind homines maxime homines, weil sie homines politici sind: Menschsein wird nicht als zeitlose Qualität hypostasiert, sondern setzt als notwendige Bedingung politisches Handeln voraus.

Damit tritt am Horizont der fernen Antike der freie Bürger in die Geschichte Europas. Die Art und Intensität seiner Erfahrungen vermögen wir zwar kaum noch nachzuvollziehen, aber wir können sehr wohl erkennen, wie ein zunächst sehr kleiner, dann allmählich größer werdender Kreis von Freien (und das heißt: freien Männern) in den vielen Stadtstaaten, den Poleis, bestimmte politische Organisationsformen, religiöse Praktiken, technische Fertigkeiten, dann Wissenschaft, Philosophie, Dichtung und Kunst hervorbrachte und einübte, um eine Vielzahl von Herausforderungen zu meistern und die freien Lebensformen zu verteidigen.

Die Geburt der Kultur aus dem Geist der Freiheit: Das ist Meiers Thema. Über viele Seiten schildert er die Sonderrolle der Griechen, die ihre Kultur nicht um der Herrschaft willen, sondern einzig um der Freiheit willen ausbildeten. Dabei lässt Meier keinen Zweifel daran, dass die Griechen der Frühzeit den Begriff der Freiheit nicht kannten, wohl aber die Sache: Freiheit bedeutete ihnen die Freiheit von Herrschaft, die Möglichkeit, im Eigenen zu gründen, die Chance, sich selbst und selbst das Gemeinwesen zu sein. Die kulturellen Leistungen dieser eigenständigen und freien Bürger wirkten auf die folgenden Jahrhunderte so ungemein stark und breit, dass eine Geschichte Europas bei ihnen einsetzen muss.

Meier gibt auch eine Antwort auf die Frage, wo die Ursprünge Europas zu suchen sind. Sein Buch ist zugleich ein Beitrag zu der Diskussion um die orientalischen Einflüsse auf die griechische Kultur, die in letzter Zeit auch in den Feuilletons geführt worden ist. Meier unterstreicht die offenkundige Tatsache, dass sich die griechische Kultur in steter Auseinandersetzung mit den Leistungen und Errungenschaften der benachbarten orientalischen Großreiche entwickelte, und betont die engen Verflechtungen zwischen Griechenland und dem Nahen Osten seit dem Ende des zweiten Jahrtausends vor Christus. Damals profitierten die Griechen in vielerlei Hinsicht vom Orient, mit dem sie durch ein enges Handelsnetz verbunden waren.

Selbst das Alphabet übernahmen die Griechen von den Phöniziern. Doch sie bauten, wie Meier herausarbeitet, nicht einfach weiter, sondern schufen Neues. In Reichsbildung, Verwaltung und Technik blieben sie hoffnungslos zurück, aber es gelang ihnen, »ihre Freiheit instandzusetzen, um unter komplexer werdenden Bedingungen allen Herausforderungen zu genügen«. Meier formuliert ein Paradoxon: Erst die Impulse aus dem Osten ermöglichten die Kulturbildung der Griechen. Doch die Griechen waren in ihren entscheidenden Lebensformen nicht durch den Orient beeinflusst. Der europäische Sonderweg begann im Hellas der »dunklen Jahrhunderte«.

Nah an den Quellen erzählt Meier, wie sich seit dem frühen 8. Jahrhundert vor Christus in der entstehenden Polis-Welt die Freiheit entfaltete. Die Polis war ein Personenverband, in Meiers Worten eine Grundeigentümergemeinde, die durch ihre erwachsenen männlichen Bürger verwaltet und gelenkt wurde. Ausgeschlossen waren und blieben Frauen, Unfreie und Ausländer. Ein Kreis von freien Grundeigentümern gab seinem »Stadtstaat« Gesetze, entwickelte eigene Institutionen wie die Volksversammlung, den Rat und die Ämter, organisierte das Heerwesen und achtete auf politische Unabhängigkeit. Alle freien Bewohner der Polis verehrten dieselben Götter, sprachen denselben Dialekt, feierten gemeinsam große Feste, trafen sich regelmäßig im Zentrum des kommunalen Lebens, der Agora, und gaben die Erinnerung an die Geschichte ihres Gemeinwesens von Generation zu Generation weiter. Das zerklüftete Griechenland war übersät von einer Vielzahl solcher Stadtstaaten. Häufig lebten nur ein paar Hundert Bürger auf einer Fläche von 50 bis 100 Quadratkilometern zusammen.

Bei der Ausbildung stadtstaatlicher Strukturen, die die politische Teilhabe größerer Bevölkerungsteile ermöglichten, spielten die Adligen eine zentrale Rolle. Sie begründeten ihre herausgehobene Stellung nicht durch Abstammung und Herkunft, sondern durch Leistungen – für die Polis, im sportlichen Wettkampf und auf dem Schlachtfeld. Die neu geschaffenen Einrichtungen erzeugten ein Gemeinschaftsgefühl, das durch eine neue Art der Kriegführung, die gemeinsame Formation von schwer bewaffneten Kämpfern (die sogenannte Hoplitenphalanx), gefestigt und durch kultische und zivile Handlungen gestärkt wurde.

Aber eine extreme Steigerung adliger Machtentfaltung gefährdete nicht nur den Zusammenhalt, sondern brachte im 7. und 6. Jahrhundert vor Christus in zahlreichen Poleis Tyrannen an die Herrschaft; diese Entwicklung hatte indes zur Folge, dass institutionelle Vorkehrungen getroffen wurden, um die Macht der Adligen künftig zu beschneiden und die politische Partizipation einer größeren Zahl von Freien zu ermöglichen. Meier beendet seine Darstellung deshalb mit der Betrachtung Athens am Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus. Dort errichtete Kleisthenes eine auf dem Prinzip der Gleichheit beruhende Verfassung (»Isonomie«), die die Adelsrivalitäten überwand und die gesamte Bürgerschaft an der Polis teilhaben ließ. Die Freiheit hatte triumphiert. Das »demokratische« Athen bestand die Bewährungsprobe der Perserkriege und stieg im Laufe des 5. Jahrhunderts zur griechischen Hegemonialmacht auf.

Meier stellt seine Rekonstruktion in die Tradition der großen Deutungsversuche der griechischen Geschichte. Nietzsche, Burckhardt, Max Weber sind ständige Begleiter. Große Geschichtsschreibung wird geboten. Es ist daher kleinlich, über Einzelheiten zu rechten. Ist Sparta wirklich ein Sonderfall der archaischen Zeit? Wird das Perserreich nicht allzu kursorisch behandelt? Obsiegt nicht die athenische Perspektive? Man muss fast 50 Jahre zurückgehen, um eine intellektuell vergleichbare Darstellung in deutscher Sprache zu finden. 1962 veröffentlichte Alfred Heuß seine Griechische Geschichte in der Propyläen-Weltgeschichte. Wie Meier begnügte auch er sich nicht damit, von anderen erzielte Ergebnisse zu reproduzieren, sondern stiftete historische Zusammenhänge. Heuß arbeitete auf der Grundlage der literarischen Überlieferung die für ihn maßgeblichen Konturen der antiken Geschichte heraus. Meier folgt ihm darin, und auch er lässt seine Geschichte erst nach dem Untergang des mykenischen Griechenlands um 1200 vor Christus beginnen. »Von der mykenischen führte kein Weg zur Poliskultur«, dekretiert Meier. Heuß hätte ohne Zögern zugestimmt.

Aber die Unterschiede sind sprechender: Im Gegensatz zu Heuß betont Meier die orientalischen Einflüsse auf die Geschichte des frühen Hellas; während sich Heuß auf Politik- und Verfassungsgeschichte konzentriert, schreibt Meier eine Kulturgeschichte des Politischen. Glänzend sind seine Kapitel zu Homer und Hesiod, zur archaischen Lyrik, zu den Anfängen von Philosophie und Wissenschaft. Doch mit Heuß weiß sich Meier darin einig, dass die historische Synthese die zentrale Herausforderung des Historikers ist, der er sich stellen muss.

Deshalb bleibt zum Schluss die Frage, ob dieses Buch eine Fortsetzung findet. Was Meier vorgelegt hat, ist der Anfang des ersten Bandes der Siedlerschen Geschichte Europas, der die Alte Welt darstellen soll. Der knappe Ausblick auf das 5. Jahrhundert vor Christus ist hoffentlich nicht als Abgesang auf das Unternehmen gedacht. Denn die nächsten Kapitel sind nicht minder spannend. Wenn das Proprium der griechischen Geschichte die Entstehung einer Kultur um der Freiheit willen ist, so ist zu untersuchen, wie diese Kultur in den nachfolgenden Epochen wirkte. Welchen Einfluss hatten die Griechen auf diejenigen Mächte, die ebendas zustande brachten, was sie nicht vermochten: nämlich Reiche zu bilden? Integriert das Konzept der Freiheit die Geschichte der Alten Welt? Oder treten in der Darstellung des Hellenismus, der römischen Republik, des Prinzipats und der Spätantike andere Themen in den Vordergrund? Was machte das frühe Christentum, das jüdische und griechische Traditionen amalgamierte, aus der Freiheit des Erdenbürgers? Wir warten gespannt darauf, dass Christian Meier uns Antworten auf diese Fragen gibt.

 
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