BUCH IM GESPRÄCH Hört endlich zu!

Deborah Nelsons Appell, sich der Wahrheit über den Vietnamkrieg zu stellen

Es will einfach kein Ende nehmen. Allein in den letzten beiden Jahren ist in den USA wieder ein gutes Dutzend Bücher über den Vietnamkrieg erschienen. Meistens von Akademikern für Akademiker geschrieben, finden sie in der Regel kaum öffentliche Resonanz. Nicht so hingegen im Falle von Deborah Nelson.

Die renommierte Journalistin, 1997 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, sorgte bereits im Sommer 2006 für Aufsehen, als sie in der Los Angeles Times amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam thematisierte und nach Parallelen zum Geschehen im Irak fragte. Darum geht es auch in ihrem neuen Buch. Ehemalige GIs und Offiziere wurden gebeten, zu Akten aus Armeebeständen der frühen 1970er Jahre Stellung zu nehmen – in der Hoffnung, mit glaubwürdigen Geschichten Politik machen und die Glaubwürdigkeit der damaligen wie heutigen Kriegsopposition unterstreichen zu können.

Man darf gespannt sein, wie sich die Debatte um die Kernthese des Buches entwickeln wird. Dass Kriegsverbrechen in Vietnam nicht als Übergriffe von Einzeltätern zu werten sind, sondern dass ausnahmslos alle Kampfeinheiten in der einen oder anderen Weise Schuld auf sich geladen haben, mag für europäische Leser keine Neuigkeit mehr sein. In den USA jedoch trifft diese nicht zu bestreitende Einsicht noch immer auf heftige, wenn nicht hysterische Abwehr – auch jenseits der üblicherweise verdächtigen Veteranenorganisationen.

Deborah Nelson zieht alle dramaturgischen Register einer gewieften Journalistin, um diese Verstocktheit zu perforieren. Seitenweise lässt sie Zeugen mit Aussagen aus den späten 1960er Jahren zu Wort kommen, zitiert – bisweilen über die Maßen ausführlich – aus zeitnahen Berichten militärischer Strafermittler oder interviewt Überlebende von Massakern in Vietnam. Eine fehlende historische Analyse dieses Materials zu bemängeln wäre zwar in der Sache berechtigt, aber gleichwohl ein allzu billiger Einwand. Denn die Autorin schreibt nicht aus der Warte einer Historikerin. Sie wollte einen eindringlichen, geradezu inständigen Appell zu Papier bringen: Hört endlich zu! Lasst die Geschichte an euch heran! In diesem Sinne hat Nelson ein Meisterstück vorgelegt.

Gleichwohl hinterlässt das Buch einen schalen Nachgeschmack. Und zwar wegen der – zurückhaltend formuliert – hemdsärmeligen Art im Umgang mit Zeitzeugen. Nelson und ihr Mitarbeiter, Nick Turse, verwechseln über weite Strecken Oral History mit staatsanwaltschaftlichen Verhörpraktiken, tauchen mitunter unangemeldet bei mutmaßlichen Tätern auf oder fordern telefonisch Stellungnahmen zu Akten ein, von deren Existenz die Befragten keine Ahnung haben.

Wer die Literatur über posttraumatische Stresssymptome ernst nimmt, weiß um die möglichen Folgen der unerwarteten Konfrontation mit einer gewaltgetränkten Vergangenheit: Flashbacks, Depressionen, schlimmstenfalls Suizidgefährdung. Wie es scheint, hat sich die Autorin über diese Einsichten im Zuge ihrer Recherchen hinweggesetzt. Unabhängig davon, dass die in jüngster Zeit geführten Interviews nichts wesentlich Neues abwarfen, muss sich Deborah Nelson fragen lassen, ob der Zweck eines investigativen Journalismus tatsächlich derartige Mittel billigt. Bernd Greiner

 
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