FDP-Nachwuchsstar Der Heimat verbunden
Philipp Rösler wird Wirtschaftsminister in Niedersachsen. In der FDP gilt er bereits als der kommende Mann. Und doch will er das Liberale sozial begründen
Als Kind hat er sich vorgestellt, er sei ein verschollenes Fürstenkind. Ein asiatischer Prinz, den politische Wirren ans andere Ende der Welt verschlagen haben und der dort von einem alleinerziehenden Vater großgezogen wird. Das ist lange her. Aber vielleicht wird der 35-jährige FDP-Politiker Philipp Rösler daran denken müssen, wenn er am kommenden Mittwoch als Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr des Landes Niedersachsen vereidigt wird. Er bezieht kein Schloss, aber ein eindrucksvolles Ministerbüro mit Kronleuchter, Parkett und prunkvollem schmiedeeisernen Balkon im denkmalgeschützten Wangenheimpalais in der Hannoveraner Innenstadt. Der aus Vietnam stammende, in Deutschland aufgewachsene Liberale wird stellvertretender Ministerpräsident. Er ist einer der jüngsten Minister Deutschlands und gilt als kommender Mann der FDP. Das Magazin stern hat ihn gerade allen Ernstes mit Barack Obama verglichen – weil auch er anders aussieht als die meisten Wähler. Wer also ist Philipp Rösler?
Montagmittag in einem Geschäft des Wohlfahrtsverbands Caritas in der Hannoveraner Innenstadt. Rösler sitzt auf einem abgenutzten altrosa Sofa, an dem ein weißer Zettel klebt. »Verkauft« steht darauf. Vielleicht hat der neue Besitzer 50 Euro bezahlt, vielleicht waren es 80. Auf jeden Fall hat das »Faire Kaufhaus« der Caritas mit dem Sofa ein Geschäft gemacht. Alle Gegenstände hier wurden gespendet – das Sofa und drei Hammondorgeln, ein großer Fächer mit einem aufgedruckten Indianergesicht an der Wand und ein roter Plastikwecker, der hinter Rösler auf einem Regal steht. Einkaufen hier ist fast wie ein Flohmarktbesuch. Nicht gerade die Umgebung, in der aufstrebende FDP-Politiker sich normalerweise für Höheres empfehlen. Aber ein typischer Rösler-Termin.
Er wirbt mit Härte für sogenannte weiche Themen
Solidarität, Fairness, Teilhabe, Heimat und Familie sind Begriffe, die in seinen Reden und Aufsätzen oft vorkommen. Er wünscht sich eine FDP, die ihre warmherzige Seite zeigt – und macht sich keine Illusionen darüber, dass viele Bürger bezweifeln würden, dass es so etwas überhaupt gibt. Die FDP habe keinen Mangel an guten Konzepten, heißt es in einer von Rösler mit herausgegebenen Sammlung von Texten jüngerer FDP-Politiker, die Ende Februar erscheint. »Wir glauben aber nicht, dass eine Partei nur wegen sinnvoller Vorschläge gewählt wird«, heißt es im Vorwort. Nötig sei eine andere »Tonalität«, der Führungsanspruch der FDP müsse mit »Empathie« untermauert werden. Rösler, seit drei Jahren Landeschef der Liberalen und Mitglied im Präsidium seiner Partei, ist ein Politiker, der mit Härte für sogenannte weiche Themen wirbt. Am Ende seien aber immer Personen entscheidend, glaubt er – und die müssten »authentisch, kompetent und sympathisch« sein.
All das hinderte Rösler nicht, als FDP-Fraktionschef im Landtag mit der Union die Sozialausgaben des Landes zu stutzen. Er will nicht unbedingt mehr Sozialstaat als beispielsweise Guido Westerwelle. Aber er spricht und schreibt viel mehr darüber, warum er die FDP für sozialer hält als die Volksparteien: weil das Geld, das die Regierung verteilt, bei vielen ankommt, die es nicht brauchen, weil ein Wust von komplizierten Einzelleistungen den Cleveren und nicht den Schwachen nützt und weil Rösler lieber Geld in Bildung statt Transfers stecken würde. Für solche Ideen wirbt er ausdauernder als die meisten Liberalen. Deshalb macht er auch ständig Termine mit Bürgern, die für die FDP kaum zu gewinnen sind. Selbst im Obdachlosenmagazin Asphalt gibt er große Interviews, in denen er behauptet: »Liberal ist sozial.« Als Minister will Rösler Projekte mit Gewerkschaftern anstoßen, auch die Caritas will er bald wieder besuchen. Schließlich kennt er die Kaufhaus-Gründer, seit er in einem gemeinnützigen Projekt Obdachlose betreute. Es war kurz nach seiner Ausbildung zum Arzt.
An jenem Montag sitzt Rösler im Fairen Kaufhaus kopfschüttelnd neben Mitarbeitern auf der Couch. Erst hört er zu, dann fragt er: »Das Gesetz geht also komplett am Leben vorbei?« Die Ein-Euro-Jobber dürfen offiziell vom Arbeitgeber nicht weitergebildet werden, so die Vorschriften der Arbeitsagentur. Eine Regelung, die Rösler nicht einleuchtet. Als Wirtschaftsminister will er sich darum kümmern.
Aber kann ein Mann, der stets mahnte, die FDP müsse mehr sein als eine Wirtschaftspartei, ein guter Wirtschaftsminister sein? »Ich rede auch über Werte, Heimat und Traditionen, wenn ich auf einer Veranstaltung beim Handwerk bin – deren Organisationen gibt es schließlich länger als jede politische Partei«, sagt er. Er hat einen sehr freundlichen Blick auf die Vertreter der Wirtschaft, was daran liegen mag, dass es in Niedersachsen jenseits von Volkswagen wenige Topmanager und Banker gibt und er als Minister vor allem mit Unternehmern zu tun haben wird. Er sieht ihr Engagement und ihre Verwurzelung in Dorf, Stadt und Region. Deshalb schreibt er im Sammelband der Nach-Westerwelle-Generation auch: »Die wenigsten Unternehmen sind ausschließlich auf kurzfristigen Gewinn orientiert.«
Neujahrsempfang bei der CDU-Mittelstandsvereinigung in Wilhelmshaven. Der angemietete Konferenzraum ist so voll, dass viele Besucher stehen müssen. 150 Gäste sind zum Neujahrsempfang gekommen, viel mehr als sonst, wie der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete etwas säuerlich erzählt.
Die Mittelständler scheinen neugierig auf den FDP-Minister zu sein, außerdem spricht Rösler aus, was von der Unionsspitze momentan nicht zu hören ist. »Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer, und er ist auch nicht der bessere Reifenhersteller!«, ruft er in den Raum, um klarzumachen, dass er gegen Staatsbeteiligungen ist – auch wenn Tausende von Jobs beim niedersächsischen Reifenhersteller Conti daran hängen. Der neue Eigentümer, das Familienunternehmen Schaeffler, habe vom Staat nichts zu erwarten. »Es kann nicht sein, dass der Bürger zahlt, wenn ein Unternehmen sich verspekuliert.« Der gescheiterte Versuch der rot-grünen Regierung, den Baukonzern Philipp Holzmann zu retten, müsse doch eine Warnung sein. »Zu den Großen kommen die Fernsehkameras, zu den Kleinen nur die Insolvenzverwalter. Dabei ist es gerade in der Krise richtig, sich auf den Mittelstand zu konzentrieren.«
Die Große Koalition habe viele mittelstandsfeindliche Gesetze gemacht, ruft Rösler in den Saal. »Die Großen kümmern sich um die Großen, und die Mittleren – das sind wir Liberalen ja seit der Hessen-Wahl – gucken auf den Mittelstand.« Die Zuhörer sind begeistert. Nicht alle trauen sich, zu klatschen, als es um die Bundesregierung geht. Schließlich ist man bei der CDU zu Gast. Erst beim Bier wird gelästert über die Verstaatlichungsdebatten. »Da würde sich Ludwig Erhard nicht nur im Grab umdrehen«, sagt ein Unternehmer, »sondern rotieren würde er wie eine Schraube an einem Schiffsheck.«
Rösler präsentiert seinen Zuhörern an diesem Abend kein Rezept gegen die Krise, aber ihm gelingt eine Rede, die unterhaltsam und trotzdem faktenreich ist. Er kann sich selbst anknipsen, wenn er an einem Rednerpult steht – plötzlich strafft sich der Mann, der sonst oft eine leicht gebückte Körperhaltung hat. Und dann redet er frei, grundsätzlich, schon deswegen sind die Reden selten lang. Das Auswendiglernen hat er im Medizinstudium trainiert.
Seine Ansprache ist gespickt mit kleinen Angriffen auf die politische Konkurrenz von der Union, trotzdem klingt Rösler schon wie ein Minister, wenn er mit vielen Zahlen und Beispielen erklärt, welche Mittel des geplanten Konjunkturpakets den Wilhelmshavener Betrieben nützen. Den Unternehmern dort gefällt er offensichtlich.
Über seine vietnamesische Herkunft redet Rösler allerdings ungefähr so oft wie Angela Merkel über die Tatsache, dass sie eine Frau und Ostdeutsche ist. Also möglichst gar nicht. Lieber ist er offensiv niedersächsisch und erzählt, dass seine drei Monate alten Zwillingstöchter Grietje und Gesche heißen – oder dass er für die ersten Auftritte im Bundesrat die plattdeutschen Vokabeln »Schiet« und »nee« beherrscht. Er interessiert sich für Themen wie Dorferneuerung und macht gern Urlaub in Ostfriesland, wenn er nicht im Wohnmobil durch Frankreich fährt.
Nur manchmal baut er in seine Reden eine kurze, etwas kokette Passage ein. »Ich komme ja nicht aus Hannover, meine Heimat ist etwas weiter südlich!«, ruft er bei einem FDP-Neujahrsempfang im westfälischen Greven in den Raum. Pause. Die Zuhörer gucken erwartungsvoll. Rösler fährt fort: »Ich stamme ja aus Bückeburg.« Gelächter. Der Mann will kein Mitgefühl, sondern Macht. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass Rösler eine Kindheit ohne Diskriminierung hinter sich hat. Denn sie widerfährt ihm bis heute. Ein Kolumnist der Bild -Zeitung schrieb kürzlich, er habe bei einem Empfang Rösler zunächst dem Bedienungspersonal zugerechnet, um später festzustellen: »Er spricht perfekt deutsch.« Vom politischen Gegner wurde Rösler sogar als »der Chinese« verunglimpft. Aber das interessiert ihn nicht.
Wer Rösler fragt, was ihn prägte, dem erzählt er erstens von der Apo und zweitens von seinem Vater, den er bis heute »meinen Papa« nennt. Mit der Apo meint er nicht die außerparlamentarische Opposition der siebziger Jahre, sondern die harten Jahre für die FDP. »Ich habe Zeiten erlebt, in denen die FDP bei drei ostdeutschen Landtagswahlen zusammen unter fünf Prozent blieb«, erzählt er. »Die FDP wurde am Wahlabend unter Verschiedenes abgehandelt. Und wenn in der Hannoverschen Allgemeinen mal ein Einspalter über uns erschien, waren alle begeistert, und das wurde herumgeschickt.«
Solche Erfahrungen schweißen zusammen, mit der CDU, die ihren Koalitionspartner stützte – mit kleinen Gesten, etwa einem Postfach, das im Landtag eingerichtet wurde. Vor allem aber ist Rösler umgeben von Liberalen, mit denen er einiges durchgestanden hat. Zwei Legislaturperioden war die niedersächsische FDP nicht im Landtag vertreten, insgesamt neun Jahre, weil der Wahlturnus in dieser Zeit verändert wurde. Eine lange Zeit. Solche Erfahrungen können zweierlei bewirken: Entweder eine Partei verzehrt sich nach der Macht, oder sie bringt Politiker hervor, die nicht nur die Aussicht auf das Regieren reizt.
Sein Vater lehrte ihn zu tun, was er für richtig hält, egal, was andere denken
»Keiner von uns hat sich in der FDP engagiert, um Staatssekretär oder Minister zu werden. Das war in diesen Jahren unglaublich weit entfernt.« Trotzdem begegnete jungen FDP-Politikern wie Philipp Rösler, dem Sozialexperten Daniel Bahr oder Otto Fricke, heute Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Bundestag, damals der Vorwurf, Repräsentant einer machtgeilen Zwergpartei zu sein. »Insbesondere die Kampagne zur Bundestagswahl 1994 war beschämend«, heißt es im Sammelband der jüngeren FDP-Mandatsträger. »FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibt« war damals einer der Slogans der FDP. »Wir haben diese Kampagne als Offenbarungseid empfunden, weil nur noch die dienende Funktion für eine andere Partei und nicht mehr das liberale Programm im Vordergrund stand – eine Situation, die sich nie mehr wiederholen soll.«
Dass Rösler FDP-Politiker wurde, war nicht vorgezeichnet. Sein Vater Uwe war lange begeisterter Sozialdemokrat. Auf seinem Auto klebte der Aufruf »Willy wählen« – damals ein ungewöhnlich klares Bekenntnis für einen Bundeswehroffizier. Und noch ungewöhnlicher war damals, in den achtziger Jahren, dass er allein ein Kind großzog. So hat ihn sein Vater sehr geprägt. »Meine Frau behauptet, ich sei ein Vaterkind«, sagt Rösler. »Und ich glaube, sie hat recht.« Die Adoptiveltern von Rösler trennten sich, als der Sohn vier war, und so verbrachte Philipp Rösler als Schulkind viel Zeit im Offizierskasino, bekam dort sein Mittagessen und machte seine Hausaufgaben. Abends guckten Vater und Sohn gemeinsam Nachrichten und redeten viel über Politik. Insgesamt imponierte dem Sohn wohl besonders die Haltung seines Vaters: tun, was man für richtig hält, egal, was andere denken, wenig Aufhabens davon machen, wenn man anders als andere ist.
Um seinen Sohn habe er sich nie Sorgen gemacht, erzählt der Vater heute – höchstens wegen der Ernährung. »Hoffentlich wird er kein Zwerg unter Germanen und es deshalb schwer haben«, habe er manchmal gedacht, sagt Vater Uwe. »Der muss Dung unter die Füße bekommen, damit er ordentlich wächst.«
- Datum 18.02.2009 - 15:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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Es ist Parteitagsbeschluss der FDP die gesetzlichen Krankenkassen abzuschaffen.
Die gesetzlichen Krankenkassen rufen zur Nichtwahl dieser Partei auf.
Wahrscheinlich haben sie Rösler nur falsch interpretiert.
Frau Niejahr ist nicht zu ertragen.
Sympathisch, kompetent, glaubwürdig, humorvoll – der Mann der Zukunft. Rösler ist nicht nur ein deutscher Obama, er hilft auch kräftig mit, die FDP zur Volkspartei zu machen. Da dürften die linksgrünen Griesgrämer richtig neidisch werden.
Inhaltlich ist zu den Positionen Röslers in dem Artikel nichts zu finden.
Eine Hilfe von Frau Niejahr.
Na ja, dann ist ja alles klar, wir haben auch einen Obama, "wir brauchen die linksgrünen Griesgrämer nicht mehr", aber was brauchen wir dann noch die CDU/CSU, Rösler (der noch nochts auf die Beine gestellt hat) und Westerwelle (auch der ist bisher nur durch populistische Sprüche aufgefallen) reichen dann doch vollauf. Rösler, yes we can!
Inhaltlich ist zu den Positionen Röslers in dem Artikel nichts zu finden.
Eine Hilfe von Frau Niejahr.
Na ja, dann ist ja alles klar, wir haben auch einen Obama, "wir brauchen die linksgrünen Griesgrämer nicht mehr", aber was brauchen wir dann noch die CDU/CSU, Rösler (der noch nochts auf die Beine gestellt hat) und Westerwelle (auch der ist bisher nur durch populistische Sprüche aufgefallen) reichen dann doch vollauf. Rösler, yes we can!
Inhaltlich ist zu den Positionen Röslers in dem Artikel nichts zu finden.
Eine Hilfe von Frau Niejahr.
Frau Niejahr macht offen Werbung für die FDP, ohne inhaltliche Positionen des Herrn Rösler und der FDP vorzustellen.
Das ist so plump.
Interessant sind die Beziehungen zwischen McKinsey, FDP und Caritas.
Soll das alles sein was Herr Rösler zu bieten hat. Ein Sozialmodell von McKinsey vorgedacht?
Tafeln ersetzen keinen starken Sozialstaat siehe hier eine Pressemitteilung der Caritas dazu.
Wenn man die Kommentare so liest, so bestehen sie hauptsächlich aus Verdächtigungen und Vorurteilen.
Es mag sein, dass diese sich letztlich als richtig herausstellen, wie so häufig in der Politik.
Doch sind die Aussagen und Darstellungen in diesem Artikel genau das was der Wähler eigentlich sucht, zumindest verbal ist Rösler damit sehr erfrischend.
Ihm die Chance abzusprechen oder zu missgönnen das auch zu gestalten, nur weil das aus der FDP kommt, spricht für viel missgünstige Kleingeistigkeit.
Was haben wir denn sonst für eine Chance, als zumindest Menschen wie Rösler Gelegenheit zu geben zu beweisen, was sie behaupten bzw. anstreben?
Ich zumindest werde Rösler die nächste Zeit wohlwollend beobachten, mal sehen, ob er vielleicht zu noch höherem berufen sein könnte, andernfalls Schwamm drüber, wie so häufig.
Berthold Grabe
Na ja, dann ist ja alles klar, wir haben auch einen Obama, "wir brauchen die linksgrünen Griesgrämer nicht mehr", aber was brauchen wir dann noch die CDU/CSU, Rösler (der noch nochts auf die Beine gestellt hat) und Westerwelle (auch der ist bisher nur durch populistische Sprüche aufgefallen) reichen dann doch vollauf. Rösler, yes we can!
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