Interpretation als Arbeit
Der Germanist Gerhard Kaiser zeigt mit seiner »Spätlese«, was die Wissenschaft von der Literatur bedeutet
Mit seiner Spätlese hat der Freiburger Germanist Gerhard Kaiser nun sichtbar gemacht, was seine Forschung und Lehre bestimmt: Die »Arbeit der Interpretation«, so lautet die beiläufige, aber das Wesentliche benennende Formel. Zu Recht fühlt man sich an die »Kunst der Interpretation« erinnert, die das literaturwissenschaftliche Geschäft der Nachkriegszeit bestimmte, bevor Methoden- und Grundlagendiskussion das Feld beherrschten. Aber Kaiser, der seit den sechziger Jahren einer der Virtuosen dieser Kunst ist, fehlt das Gefällige und Selbstverständliche, das bei den alten Größen von Emil Staiger bis Wolfgang Kayser heute oft so veraltet wirkt.
Wiederlesen und Interpretieren der Texte sind bei dem heute achtzigjährigen Kaiser immer eine Arbeit gewesen. Die Wissenschaft von der Literatur zeigt entgegen aller Wahrscheinlichkeit, dass es Sinn und Bedeutung für Menschen gibt. Bei aller Eleganz seiner Interpretationskunst ist Kaisers Prosa immer argumentativer, konstruktiver und härter als die der »Kunst der Interpretation« gewesen. Sie war wohl selbst schon Teil der großen Infragestellungen seit den sechziger Jahren, die dann auch sein eigenes Werk an den Rand gerückt haben. Das ist heute leichter zu erkennen, da der Lärm des Kampfes verklungen ist. Klar wird aber nun, dass die »Arbeit der Interpretation« einem eigenwilligen Säkularisationsdenken folgt: Verstehen bedeutet bei Kaiser eine Form des Lebens im Säkulum.
Die Spätlese versammelt viele große Themen Kaisers. Sie beginnt mit Religionsgeschichte und ruft damit die frühen Arbeiten über den Einfluss des Pietismus auf den deutschen Patriotismus sowie das Klopstock-Buch in Erinnerung. Im Mittelpunkt der literarischen Arbeiten stehen Goethe und die Idyllik. In Kaisers Sicht auf den Helena-Akt des Faust geht es um die anthropologische Figur »Wandrer und Idylle«, derzufolge das vagierende (männliche) Subjekt den Ort der Natur (an dem vorzüglich Frauen beheimatet sind) im Vorübergehen deutend schafft. Gottfried Keller, dem Kaiser das Konzept des erdichteten Lebens abgelesen hat, kehrt wieder in einer neuen Deutung des Sinngedichts. Dieses Mal geht es um Leben-Dichtung in der naturwissenschaftlichen Kultur, der Kellers Held angehört. An den Gegenbeispielen Heine und George schließlich erprobt Kaiser, was in seiner Geschichte der deutschen Lyrik die Idee der Erlebnisdichtung meinte: Lyrik, die ein Erleben nicht aufzeichnet, sondern es möglich macht und es in vielen Fällen ist.
Diese und andere Autoren und Werke bilden das Panorama, an dem das Verstehen arbeitet. Liest man die Aufsätze in der gewünschten Weise hintereinander, dann entsteht ein merkwürdiger Bilderbogen. Es ist, als hätten die Dramen, Gedichte und Romane ihren Platz in einem irgendwie zusammenhängenden Kosmos von Geschichten – Geschichten des Sinns für Menschen. Mit Literatur- und Geistesgeschichte hat das nur der besseren Orientierung halber zu tun. Eher geht es um Situationen und Szenen der Bedeutung, um Typen des Verstehbaren. Gewiss: Eine Theorie dazu gibt es nicht, kein Geschichts- noch eigentlich ein Menschenbild. Aber es gibt den Bezug auf die Bedingung eines solchen Kosmos der Geschichten: die These der Säkularisation.
Säkularisation bedeutet für Kaiser nicht, Formeln von religiösen auf nichtreligiöse Instanzen zu übertragen. Die Studie über das Motto Die Wahrheit wird euch frei machen am Freiburger Kollegiengebäude – ein verstümmeltes Johannes-Wort – ist voll des Spotts über eine solche »Kultur der Zitate«. Darum weiß Kaiser auch nichts mit politischer Theologie anzufangen und ist ohne Interesse für Schmitt und Blumenberg. Wenn in der Dichtung christliche Formeln und Anspielungen auftauchen, dann hat das für Kaiser eher Hinweischarakter. Nicht theologische Sätze werden auf Literatur verschoben, sondern Dichtung nimmt wahr, was sie eigentlich schon in der christlichen Botschaft tut. Der biblische Text bietet nämlich, wie Kaiser in der einleitenden Hiob-Deutung argumentiert, nicht Theologie, sondern einen Kosmos von Geschichten über Gott und die Welt. Das aber ist der religiöse Sinn der Verkündigung: Nur in Geschichten mit ihren Kontingenzen und Eigentümlichkeiten gibt es Verheißung. Literatur in den Zeiten der Säkularisation bezieht sich durch Anspielungen, Bild- und vor allem Erzählmotive auf diese religiöse Dimension von Geschichten, die Form der Singularitäten. Ihr gelten die Arbeit des Interpreten und sein Leben.
- Datum 12.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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