Finnland Heiße Gondel

Bergblicke, Einwegfenster und ein 100-Grad-Aufguss: In Finnlands größtem Skigebiet können Saunafreunde im Skilift schwitzen

Gondel

In 15 Minuten gleitet die Holzkabine vom Berg Ylläs hinunter ins Tal und wieder herauf

Wuussch. Gut gezielt hat Olli-Pekka die Kelle über den knisternden Steinen entleert, und gleich geißelt uns ein Hitzeschwall. Die Lufttemperatur steigt auf einhundert Grad. Der Schweiß bricht hervor, in den Achseln und zwischen den Schenkeln, rinnt von der Stirn in die Augen, trickelt von den Schultern das Rückgrat hinunter zwischen die Hinterbacken. Die drei finnischen Gefährten Aki, Olli-Pekka und Arto genießen das, jeder auf seine Art.

Olli-Pekka sagt: »Kippis!«, prost, setzt die Flasche Lapin Kulta an und hat sogleich einen Heidenspaß. Dank tausendstündiger Saunaerfahrung hatte er die Bierflasche auf dem Boden abgestellt, wo sie kühl geblieben ist. Der unerfahrene Gast aus Deutschland dagegen hat den Flüssigkeitsnachschub vorsichtshalber nah am Mann gehalten, oben auf der Saunabank, deshalb verbrennt er sich am heiß gewordenen Flaschenmundstück erst einmal die Lippen. Der dicke Arto schweigt unterdessen vor Wonne. Aki aber ist dabei, sich in Begeisterung zu reden: »Ja, eine richtige Sauna ist das. Weil die Kabine eng ist, bekommst du die Hitze sofort zu spüren.«

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Wir sitzen in Finnlands abgefahrenster Sauna. Sie hängt an einem starken Drahtseil und schwebt vom Berg Ylläs hinunter zu Tal. Der Schwitzkasten ist eine Skiliftgondel, aus astfreiem Holz gebaut, eine Nussschale für vier Personen und die Attraktion in Finnlands größtem Skigebiet, siebzig Kilometer nördlich des Polarkreises.

»Natürlich«, sagt Aki Rundgren, der Manager vom Sport Resort Ylläs, »ist die Saunagondel auch ein Gag für das Marketing. Skigebiete gibt es genug in Skandinavien und dem Rest der Welt. Da braucht man schon etwas Spezielles. Aber eine Sauna, die höchsten Ansprüchen genügt, ist sie eben auch.«

Dann sei da als Zusatznutzen die Aussicht – wenn Aussicht da ist jedenfalls. Die Saunagondel hat an ihren vier Seiten Einwegfenster, man kann hinausschauen, aber nicht von außen hinein. Aki versichert, dass man einen wunderbaren Blick habe über die endlosen lappländischen Kiefern- und Birkenwälder. Momentan ist es draußen aber nicht nur dunkel, es wabert auch ringsum das opake Grau dichten Nebels. Über dem talwärtigen Fenster sieht man immerhin ein paar Meter Trägerkabel durch die Suppe schneiden, und wer das Auge während der fünfzehnminütigen Fahrt zur Talstation und wieder hinauf darauf fixiert, den überkommt eine hypnotische Ruhe. Eine Alternative zum Blick auf die Leiber der Mitsaunierenden ist diese Aussicht allemal.

Gern streicht Aki eine weitere Besonderheit der Saunagondel heraus: »Hörst du den Wind?« In hohem Ton säuselt er um das Holzgehäuse. Er versetzt es in leichtes Wiegen. Das kennt man so in der Tat aus keinem anderen Dampfbad.

Der Wunsch der Tourismusförderer, das Skigebiet Ylläs durch Ausgefallenes aufzuwerten, lässt sich nachvollziehen. Außerhalb der Saisonhöhepunkte zu Weihnachten und Ostern ist der Ort doch eher etwas für Wintersportpuristen, die auf Beiwerk wie Tageslicht, ausgelassenes Après-Ski, Kulinarik und lange Abfahrtspisten gern verzichten. Während der vierwöchigen Polarnacht um den Jahreswechsel kommt die Sonne nicht über den Horizont. Für vier Stunden am Mittag spendet ihr Widerschein eine gewisse Helligkeit, den Rest des Tages herrschen Dämmerverhältnisse unterschiedlicher Grade, die unterm Strich den Namen Düsternis verdienen.

Einen Lichtblick soll gelegentlich das Nordlicht bieten. Allerdings gibt Aki Rundgren, wenn er seine Marketingpflichten beiseitelässt, den Saunagefährten auch gern die Geschichte von der japanischen Reisegruppe neulich zum Besten. Die habe in hellem Aufruhr ihr Abendessen im Stich gelassen und sei aus dem Restaurant geeilt, weil ein spektakuläres Leuchten über den Himmel flackerte. Dass die bestaunte Naturerscheinung dem Auf und Ab der Scheinwerfer eines Schneemobils hinter den Hügeln geschuldet war – nun ja, sollte man die Leute denn um ihre unschuldige Freude bringen?

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    • Quelle DIE ZEIT, 12.02.2009 Nr. 08
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    • Schlagworte Finnland | Tourismus | Lappland | Kopenhagen | Helsinki
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